American Independents auf der 48. Berlinale

Manuskript: Maximilian Preisler

Radio Kultur

Journal, 20. 02. 1998

Red.: Steffen Brück

Deutschen Politikern gehen die Lobeshymnen auf die USA zur Zeit sehr leicht von den Lippen. Gepriesen wird die Gründlichkeit, mit der die Polizei bei der Kriminalität aufräumt, als leuchtendes Vorbild wird die „Verschlankung“ der amerikanischen Wirtschaft in den Himmel gehoben. Amerika hat es, wieder einmal, besser, so tönen die Lieder.

Doch dann sieht man ganz andere Bilder und hört ganz andere Töne. Michael Moore, ein junger Dokumentarfilmer, nimmt sich in „The Big One“ einer vergessenen Gruppe von Menschen an, jenen, die das Pech haben, beim „Downsizing“, bei der „Anpasssung nach unten“, unter die Räder des Fortschritts zu kommen. Nike zum Beispiel, die Sportschuhfirma, die bevorzugt amerikanische Basketball-Stars als Werbeträger einsetzt, stellt keinen einzigen Schuh mehr in den USA her, die indonesischen Mädchen arbeiten für viel weniger Geld als die Frauen in Rockford oder Flint. Aber was hat das mit der Kriminalität zu tun? Ganz einfach, sagt Michael Moore: da es ja inzwischen Firmen gibt, etwa TWA, die Arbeitsaufträge an ganz neu entdeckte Billig-Lohngruppen vergeben, an Gefängnisinsassen – aber Achtung: Streite nie mit dem Agenten deiner Fluggesellschaft am Telefon, es könnte ein Mörder sein. So etwas könnte Schule machen. Man schließe eine Firma und setze die Leute auf die Straße. Ein Drittel der Arbeitslosen versinkt in Alkohol, Drogen und Kriminalität. Diese nun sperrt man in die gerade geschlossene Fabrik und läßt sie an den früheren Arbeitsplätzen, natürlich für viel weniger Geld, den alten Job ausführen. Und wieder steigt der Profit.

Das verblüffendste an Michael Moores Film: er singt nicht die Ballade vom traurigen Arbeiter, es ist viel eher ein witziger, überzogener, polemischer Rap Song entstanden. Mit Michael Moore in der Hauptrolle. So wie der große europäische Dokumentarfilmer Marcel Ophüls, setzt sich Moore gern selbst in Szene. Ophüls eher süffisant und ironisch, Moore mit den selbstgewählten Mitteln des „stand-up comedians“, er ist immer eine Drehung schneller als die glatten Personalchefs, die er mit dem Kamerateam heimsucht, immer eine Idee schlagfertiger als die Polizisten, Wächter, Vorzimmerdamen und hohen Chefs, die er mit scheinbar plumpen Fragen hereinlegt. Bevor sie es bemerken, sind sie schon in seine Falle getappt und verfangen sich in ihren eigenen entlarvenden Antworten. Wir lachen darüber, doch immer mehr „Freigesetzte“ in Amerika suchen nach anderen Wegen, um ihre Wut loszuwerden.

Ein zweiter Schwerpunkt bei den American Independents in diesem Jahr: Filme von Frauen über Frauen. Maggie Hadleigh-West geht es in „War Zone“ um die Angst von Frauen auf der Straße. Ihr Ansatz ist radikal in doppelter Hinsicht: sie definiert „sexual harassment“, „sexuelle Anmache“, so weit wie möglich, jeder Blick auf Busen oder Po, jeder Männerpfiff, jedes Wort über den Körper der Frau zählt für sie bereits dazu, und deshalb ist sie gerade so aggressiv beim Hantieren mit ihrer Handkamera, mit der sie auf die Männer zugeht. Sie jagt ein Wild, das gewohnt ist, selbst zu jagen, und sich nun sehr unwohl fühlt.

Lynn Hershman Leeson sucht nach Vorbildern für Frauen in der Vergangenheit und in der Zukunft. Zumindest im ersten Teil ist „Conceiving Ada“ brillant – eine junge Frau, Computer- und Mathematik-Genie, nimmt mit Hilfe ihres Rechners Kontakt zu Ada Byron auf, der Tochter Lord Byrons, die ebenfalls – allerdings im 19. Jahrhundert – von der Mathematik und von Rechensystemen begeistert war. Die hinreißende Tilda Swinton als Ada und ein von Krankheit schwer gezeichneter Timothy Leary als Mathematik-Guru trösten auch über den zweiten Teil des Films hinweg, bei dem leider die historische Belehrung in den Vordergrund rückt.

Sehr einfach, sehr einfühlsam, sehr anrührend schließlich die Suche von Lisa Lewenz nach ihrer Großmutter in „A Letter Without Words“. Sie hat sie nie kennengelernt, sie starb kurz vor Lisas Geburt; als Lisa 13 war, fand sie bei Verwandten Filmaufnahmen ihrer Großmutter, die diese, vor ihrer Flucht aus Nazi-Deutschland, aufgenommen hatte. Die Rekonstruktion der überraschend gut erhaltenen 8 mm Filme, viele davon auf Buntfilm aufgenommen, führt Lisa Lewenz nach Berlin, und führt sie auf die Suche nach ihrer eigenen Identität – als Jüdin, als Amerikanerin, als Enkelin einer großzügigen, intelligenten und lebenslustigen Frau. Warum nur wurde sie aus ihrer Heimat vertrieben?

Ein Onkel hat eine Antwort parat: Den Menschen dort fehlte es an Zivilcourage. Und damit schließt sich der Kreis zu Michael Moore, denn auch dessen Forderung lautet: Folks! Stellt euch auf die Hinterfüße, nehmt eure Angelegenheit selbst in die Hand!

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