Afghanistan – Erinnerungen an eine Reise

Manuskript: Maximilian Preisler
Radio Kultur
Red.: Claudia Henne
18. Dezember 2001

Volker Koepp machte sich in der DDR einen Namen als wichtiger Dokumentarist des Landes durch seine Filme, die zwischen Oder und Elbe, vorwiegend in Brandenburg ihren Schauplatz hatten. Immer wieder kehrte er zum Beispiel nach Wittstock zurück, porträtierte dort Arbeiterinnen einer Trikotagenfabrik, spürte dem Leben einfacher Menschen auf dem Lande nach. Eher überraschend kam daher für ihn die Auf- forderung, einen Film über Afghanistan zu drehen. Das war 1983.

O-TON TAKE 1
Ich habe gerade wieder einen „Wittstock“-Film vorbereitet und bekam auf einmal die Aufforderung in die Auslandsabteilung der DEFA zu kommen und da sagte man mir, man hätte einen schönen Film für mich, ob ich mal im Ausland drehen will, sagte ich: Natürlich, warum nicht? Und worum geht es denn? Die sagten dann: Norwegen. Und nach Norwegen wollte ich immer mal. Habe ich gesagt: Mache ich sofort. Und etwas später, drei, vier Wochen später, wurde ich wieder bestellt und man sagte mir: Also mit dem Kulturabkommen zwischen der DDR und Norwegen ist noch nicht soweit, aber sie haben jetzt etwas ganz Gutes, und das war Zypern. Und wieder zwei Wochen später war Zypern auch nichts. Und dann war es auf einmal Afghanistan.

AUTOR:
Koepp machte auch in Afghanistan, dem Land das seit drei Jahren von sowjetischen Truppen besetzt war und in dem ein unerklärter Krieg tobte, das, was er in der DDR erprobt hatte: er zeichnete ein behutsames Bild des Landes „von unten“: er sprach mit Lehrern, die auf den Fortschritt setzen und Bildung als vierten, entscheidenden Punkt des „neuen Lebens“ priesen, nach „Brot, Kleidung und Behausung“, er zeigte Kinder, die sich als Mitglieder der Volksmiliz ausgaben, die Kalaschnikow über die Schulter gehängt, die 14-, 15- und 16jährigen kindlichen Gesichter voll Verwunderung, dass man ihnen ihre neue Rolle als erwachsene Krieger wirklich abnimmt; er interviewte junge Mädchen, die zuversichtlich von ihren Plänen für die Zukunft sprechen: die eine will Pharmakologie studieren, die andere möchte zu gern Ärztin werden. Was wohl aus diesen Jungen und Mädchen geworden ist? Wie werden sie die langen Jahre der sowjetischen Besatzung überstanden haben? Und nach dem Sturz der Regierung, was wird ihnen im Bürgerkrieg zugestoßen sein? Wie konnten sie die Gewaltherrschaft der Taliban überleben, wie das jüngste Bombardement der britischen und amerikanischen Langstreckenbomber?

Obgleich die Vorbereitungszeit kurz war, die Möglichkeit zu Filmen durch den Krieg stark behindert wurde und auch die Zeit der Dreharbeiten knapp war, das Bild, das Koepp in den 50 Minuten dieser „Erinnerungen an eine Reise“ liefert, ist nicht nur aus historischen Gründen interessant. Tief verschleiert gingen auch zur Zeit der sowjetischen Besatzung viele Frauen zum Einkauf in den Basar, wo Töpfer, Schmiede und Färber wie eh und je ihrem Gewerbe nachgingen; in den Koranschulen war schon damals die Aufforderung zu hören, ein Gläubiger habe immer bereit zu sein, wenn Allah ruft, zumal das zukünftige Leben viel besser sei als das jetzige; und die Grundsteinlegung für eine Schule wurde erst dann zu einer würdevollen Feier, wenn ein Mullah seinen Segen dazu gegeben hatte.
Den führenden Genossen der DEFA war dies alles zu ambivalent, zu undurchsichtig, zu wenig der Zukunft zugewandt, es wurden Änderungen verlangt:

O-TON TAKE 2
Ich weiß noch, dass man mir gesagt hat, ich müsse irgendwie sagen in den Film, obwohl es da alles sehr archaisch, man sieht ja wie die Leute leben, diese Ziegelei-Arbeiter da und so. Ich soll doch, man muss doch irgendwie sagen, weil man’s im Material nicht spürt, dass durch die neue Regierung, die von der Sowjetunion unterstützt wurde, dass es da ein Aufbruch gibt. Und da habe ich dann eine Textstelle zu so einem Plattenbauwerk, das aus der Sowjetunion importiert wurde, habe ich dann da den Text gesagt: Man spürt den Aufbruch. Was natürlich ein kleiner Lacherfolg war, nicht.

AUTOR:
Schon bald nach dem Leipziger Filmfestival 1984 verschwand der Film in den Archiven, hat aber seit dem Krieg in Afghanistan eine neue Aktualität erhalten. „Brot, Kleidung, Behausung, Bildung“, das ist heute noch notwendiger als vor 18 Jahren, als Volker Koepp für einige Wochen lang den „Fortschritt“ abbilden sollte und statt dessen ein archaisch-buntes Leben beobachtete, als er vom friedlichen Aufbau einer neuen Ordnung berichten sollte und statt dessen an den Drehorten Panzer ins Bild gerieten und die Interviews durch Geschützfeuer unterbrochen wurden.

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