Abbas Kiarostami Werkschau im Kino Arsenal

SFB/ ORB Journal in drei
1997

Filmrezension

Fangen wir mit dem Schluß an, dem Schluß des – vorläufig – letzten Films von Abbas Kiarostami. Wir blicken, von einem Hügel aus, zwei jungen Leuten nach, zwei sehr jungen Leuten, 14 und 16 Jahre alt etwa, sie sind also im Alter der Helden von Shakespeares Romeo und Julia. Sie, die wir als sprödes Mädchen namens Tahereh kennengelernt haben, vornweg, er, Hossein, einige Schritte hinter ihr. Er wirbt um sie, seitdem sie ihm, auf dem Friedhof, einen Blick zugeworfen hat. Doch nun, den ganzen Film über, will sie nichts mehr von ihm wissen. Sein Bestes hat er gegeben, ihr versprochen, ganz ordentlich wieder in seinem Beruf als Maurer zu arbeiten, ihr geschworen, er sei ganz anders als alle anderen, er würde sie nie anbrüllen, sie nie schlecht behandeln, und zum Beweis brachte er ihr Tee auf einem Tablett, legte gar noch eine Blume dazu. Doch sie hat, so wirft er ihr nun vor, ein Herz aus Stein – noch nicht einmal ein winziges Zeichen ihrer Gefühle für ihn will sie ihm geben. “Blättere nur die Seite deines Buches um, dann weiß ich, woran ich bin“, fleht Hossein. Die Hand Taheres geht zum Buch – da ertönt ein Ruf des Kameramanns, sie müssen beide wieder in ihre “Filmrollen“ schlüpfen.

Nun hören wir die Stimmen der beiden nicht mehr, die Kamera schaut zu, wie sie und er quer durch den Olivenhain laufen, so auch der Titel dieses Films. Immer undeutlicher werden die Personen, schließlich können wir nur noch Hosseins weißes Hemd und das Kopftuch von Tahereh ausmachen, zwei weiße Punkte in einer unendlichen Landschaft. Eine traurige Melodie, von Bach? , wird der Szene unterlegt. Und gerade als wir uns abgefunden haben mit der Vergeblichkeit seines Werbens und nur noch Mitleid fühlen mit dem anmutigen Hossein, gerade da setzt plötzlich auf der Tonspur eine munteres Tänzchen ein und einer der beiden weißen Punkte kommt zurück, er hüpft in unsere Richtung, bis wir erkennen, es ist Hossein, der sich da munter einen Weg mitten durch ein grünes Feld bahnt. Sollte Tahereh doch noch “Ja“ gesagt haben? Oder ihn wenigstens noch einmal angeblickt haben?

Wir erfahren es nicht, zumindest nicht in diesem Film. Doch vielleicht gibt uns Abbas Kiarostami in seinem nächsten Film eine Antwort. Es wird dann keine Serien-Antwort sein, wie wir sie von “Zurück in die Zukunft“ Teil I, II, und III, oder “Indiana Jones“, Teil I, II und folgende gewöhnt sind. Seine Antworten sind delikater. “Quer durch den Olivenhain“ bezieht sich auf den Film, der davor entstanden ist, “Und das Leben geht weiter“, dieser wiederum spinnt einzelne Elemente des ersten Films der Trilogie: “Wo ist das Haus meines Freundes“ fort. In einem früheren Film erfuhren wir, daß Hossein und Tahereh geheiratet haben. Nun wird uns gesagt, diese Hochzeit war nur ein Schauspiel, aber: in Wirklichkeit sind die beiden tatsächlich verliebt, und zumindest Hossein möchte gerne die fiktive Ehe Wirklichkeit werden lassen. Noch komplizierter wird die Situation dadurch, daß Hossein und Tahereh auch diesmal ein Paar spielen müssen, und zwar ein traditionelles Paar, er Befehle gebend und sie ehrerbietig ihn mit Höflichkeitsfloskeln anredend. Das kommt beiden nicht über die Lippen. Der Regisseur, denn es handelt sich um eine Film im Film-Szene, ist verzweifelt ob ihrer Halsstarrigkeit.

Dies ist ein Prinzip des Filmemachers Kiarostami, ein Detail des einen Films wird zum Mittelpunkt des nächsten Filmes. Und Menschen, die wir in dem einen Film als Nicht-Schauspieler angesehen haben, als wirkliche Bewohner jenes nord-iranischen Gebietes, in dem die letzten drei Filme des Regisseurs spielen, müssen wir nun als Schauspieler identifizieren. Als Schauspieler, die auf ihre Rolle in einem der anderen Filme verweisen.
Wie kaum ein zweiter Filmemacher geht Kiarostami ganz leicht und spielerisch mit diesen verschiedenen filmischen Ebenen um, die Form drängt sich nie in den Vordergrund. In erster Linie geht es Abbas Kiarostami immer um die Menschen, vor allem die ganz jungen, um ihr Überleben im Erdbebengebiet. Die politische Wirklichkeit des Iran dringt nur durch Ritzen in diese Erzählungen ein. Wer davon mehr hören und sehen möchte, sei auf die Dokumentarfilme Kiarostamis hingewiesen, die ebenfalls im Arsenal gezeigt werden, hier erfährt man die Zurichtung der Jugend sehr eindringlich. Das einfache, konstatierende Zeigen der Schulwirklichkeit, die wütenden Ausfälle gegen die Andersgläubigen, mit denen der Unterricht morgens beginnt, der krasse Analphabetismus, die Angst der Kinder vor den Schlägen der Eltern, dies alles, unkommentiert und eher beiläufig vorgeführt, reicht aus, um uns die Verbiegung der Jugendlichen erkennen zu lassen. Die Spielfilme träumen dagegen vom positiven Gegenbild, von der Möglichkeit, daß Menschen menschlich miteinander umgehen.

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