Meredith Monk

Manuskript                                                                                                   29.09.1998
Maximilian Preisler                                                                                    SFB-Radio Kultur

Interview Meredith Monk,

Mein Auftritt hier in Berlin?

Ich gebe ein Musik-Konzert, im Mittelpunkt steht meine Vokalmusik der letzten Jahre.

Ich finde, wenn jemand einen Soloauftritt macht, dann sieht man seine wichtigsten Seiten. Und bei meinem Solo hört man zwar ganz unterschiedliche Arten meiner Musik, aber in einer kristallisierten Form. Man kann das Knochengerüst sehen, die ganze Reichweite, aber in konzentrierter Form.

Und das ist kein genuin amerikanischer Gedanke, vielleicht sind sogar in Amerika die Kategorien noch enger begrenzt als anderswo. Das Sarah Lawrence College ist eine Ausnahme, seit den 30er schon ermuntern sie die Studenten, sich ein eigenes Programm zusammenzustellen, das Studium selbst zu gestalten. Das College hat Vertrauen in die Ernsthaftigkeit , daß sie wissen wonach sie suchen, welche Gebiete sie erforschen wollen. Bessie Schönberg, die sofort erkannte, daß ich sowohl an Musik als auch an Bewegung interessiert war. Ich kam aus einer sehr musikalischen Familie, und dazu war ich am Theater interessiert. In meinem letzten Jahr konnte ich dann ein Fach belegen, das sich Kombiniertes-Kunst Programm nennt. Ich glaube aber, daß es selbst an diesem College nur wenige gab, die das machten. Ich hatte also wohl Glück.

Eine meiner Stärken ist bestimmt, daß meine Musik sich  nicht so leicht kategorisieren läßt. So wie unsere Gesellschaft allerdings organisiert ist, bedeutet das eine Schwäche, denn die Menschen wissen nicht, in welche Ablage sie die Musik stecken sollen.

 

Meine Musik verbindet eben die Freiheit, die das Jazz- Singen besitzt mit dem klassischen Raum, die Erdverwurzelung von Folkmusic ist dabei und auch die rhythmische Komplexität von Rock ´n ´Roll. Also es ist wirklich schwierig, dafür eine Kategorie zu finden. Umgekehrt, ich habe immer versucht, etwas zu machen, was sich nicht so leicht kategorisieren läßt.

Dahinter steckt die Philosophie, daß die menschliche Stimme  eigentlich alles kann, und mit alles sind auch Töne gemeint. Es geht also über das musikalische Maß hinaus, es bedeutet, man kann alles mit benutzen, zu dem die Stimme als Instrument fähig ist. Ich fühlte mich nicht eingeschränkt durch die hergebrachte westeuropäische Art des Singens, ich benutze klassische Musik immer noch als Basis, um mein Instrument zu stimmen. Aber in einer Stimme verbergen sich verschiedene Charaktere, verschiedene Landschaften, da gibt es männlich und weiblich, alt und jung, Töne aus der Natur. All das findet sich in einem vokalen Instrument. Als ich in den 60er Jahren anfing zu arbeiten, gab es diesen Begriff „extended vocal technique“ noch nicht, und inzwischen ist er wirklich zu einer Art Technik des Singens geworden, das wollte ich aber damals gar nicht, ich dachte dabei nur an meine Stimme als eine Art Röhre für Energien und Impulse, ein röhrenartiges Instrument, das alles nur erdenklich Mögliche ausdrücken kann. Ich suchte Stimmen, die die fundamentalen, menschlichen Äußerungen ausdrücken konnten.

Hören wir indianische Musik?

Mir selbst war das nie bewußt. Natürlich arbeite ich mit Intervallen wie etwa Quinten, offenen Intervallen, die man in Indianermusik findet oder in der pentatonischen Tonleiter, aber die findet man auch in anderen Musiken. Viele Leute glauben, ich fahre in unterschiedliche Länder, höre mir die Musik dort an und verwende sie dann in meinen Kompositionen. Aber es ist gerade umgekehrt: wenn Du mit Deiner eigenen Stimme und Deinem Körper arbeitest, und dann ganz tief in Dein Instrument eintauchst, dann findest Du Töne oder Tonleitern oder Musikarten, die in vielen Kulturen zu hören sind. Wenn ich einen Kehlkopfverschlußlaut benutze, dann hört sich das an wie beim Jodeln. Und das kennt man aus Bayern, aus der Cowboy Musik und aus afrikanischer Musik. Wenn man die fundamentalen Bereiche der menschlichen Ausdrucksweise ergründet, wird man zu einem Mikrokosmos der ganzen Welt. Als ich anfing zu arbeiten, in den 60ern, und ein Lied wie „Porch“ sang, das ich jetzt auch wieder im Programm habe, sagten die Leute: ah, das ist indianische Musik. Das war aber nicht der Impuls dafür, er kam aus der Ergründung meines eigenen Instruments.

In der ersten Hälfte a-capella Stücke, eine Mini-Retrospektive, darunter Lieder, die ich bei meinem ersten Besuch in Berlin, beim Metamusikfestival im Jahr 1978 sang. Dann zwei Stücke aus den „Light Songs“, Duette für Solostimmen. Man hört zwei Dinge zur gleichen Zeit, es dreht sich um Transparenz, darum, wie man in einer Stimme gleichzeitig mehrere Dinge ausdrücken kann. Eine Art Konversation mit und in einer Stimme. Im dritten Teil der a-capella Stücke Auszüge aus „Volcano Songs“, die ich 1994 schrieb und die in Berlin noch nicht aufgeführt wurden. Im zweiten Teil dann Stücke, die ich spielen und singen werde, Gotham Lullabye und Traveling, zwei alte Bekannte. Dann Mad´s-Woman´s Vision aus Book of Days, ein langes, intensives Stück für Stimme und Klavier. Dann wird Clark Stiefel auf die Bühne kommen, ein wunderbarer amerikanischer Pianist, der in Essen arbeitet, mein Lieblings-Begleiter, für einen Auszug aus „Atlas“, eine Wiederbegegnung für das gute alte Hebbel-Theater, und „The Tale“, bei dem ich mich dann etwas freier bewegen kann, während er spielt. Und dann am Ende das New York Requiem, ein längeres, komplexes Stück für Stimme und Piano. Das schrieb ich ursprünglich für Thomas Bagdon, den ausgezeichneten Trompeter, er ist Mitglied meines Ensembles, sehr aktiv in der New Yorker Schwulen-Community. Er bat mich, ein Lied zu schreiben für seine Cabaret-Show, in der er von Cabaret Songs über Monteverdi bis zu Doo-Wop alles mögliche unterbringt. Ich hatte eine Melodie in meinem Notizbuch und die paßte sehr gut zu seiner Stimme. Ich wollte schon lange ein Requiem schreiben, und er verbringt viel Zeit damit, andere ins Krankenhaus zu begleiten oder auf Begräbnissen zu singen, ja Aids, es ist etwas ruhiger geworden, aber immer noch sehr schlimm. Und dann fing ich also mit diesem Requiem an, ich dachte, das sei das richtige für ihn. Es war sehr schön, für eine andere Solo-Stimme zu komponieren, er singt es in New York, und ich führe es hier auf.

Berlin heute, Berlin gestern.

Ich bin völlig fasziniert von dem, was jetzt hier los ist, ich möchte besonders den Osten der Stadt besuchen. Als ich an „Book of Days“ in Norwegen arbeitete, rief mich mein Freund Joschi an und sagte, steig ins Flugzeug und komm hierher.  Komm hierher, du wirst es nicht glauben, was Du hier siehst. Ich kam hierher und ging zum Potsdamer Platz, da war die Mauer schon offen. Ich hatte Tränen in den Augen, als ich sah, wie die Leute da durchspazierten. Und dann begann ich auch zu hämmern, wie alle anderen, nahm ein Stück Mauer in meiner Tasche mit. Dabei hatte sich die Präsenz der Mauer so in meine Erinnerung eingegraben, zum Beispiel als ich mit der Schaubühne in der Cuvrystraße probte, allein die Präsenz der Mauer, das Gefühl, das man, in welche Richtung auch immer, nie weiter gehen konnte. Und jetzt war da ein Loch in der Mauer, ich konnte es kaum glauben. Als ich 1991 das letzte Mal hier war, schien es, als ob nie eine Mauer da gestanden habe, aber die beiden unterschiedlichen Kulturen waren deutlich zu spüren. Jetzt, so habe ich gehört, ist es viel mehr eine Stadt geworden. Ich bin schon neugierig darauf.

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