The Good Fight – Die Geschichte der Highlander Folk School – Eine US-amerikanische Bildungsstätte für Erwachsene

Manuskript: Maximilian Preisler

DeutschlandRadio Berlin

MerkMal, 8. Juni 1998

Red.: Winfried Sträter

 

MUSIK: We Shall Overcome (1. Strophe)

SPRECHER 1:

Dieses Lied, die Hymne der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung aus den 60er Jahren, wird inzwischen von Mitgliedern vieler gewaltfreier politischer Widerstandsbewegungen in aller Welt gesungen, von Südafrika bis China. Der Song entstand während eines Workshops an einer Erwachsenenschule im Süden der USA. Afro-amerikanische Teilnehmer hatten ein altes Spiritual angestimmt, andere übernahmen die Melodie und gaben dem Lied einen politischen Gehalt. Der Geburtsort von „We Shall Overcome“ war die Highlander Folk School.

SPRECHERIN 1:

Die Geschichte der Highlander Folk School ist gleichzeitig die Geschichte eines Mannes, sein Name: Myles Horton. Horton wurde 1907 in Tennessee geboren, als junger Mann hielt er Bibelstunden für die Presbyterkirche seiner Heimat in den Appalachen, später ging er nach New York, um am Theologischen Seminar der Unionskirche zu studieren. Reinhold Niebuhr, Sozialist und Christ, war dort sein Mentor. Von ihm und John Dewey wurde Horton beeinflußt. Auf Anraten seiner Professoren fuhr er 1931 nach Dänemark, um die dortige Heimvolkshochschulbewegung zu studieren. Nach der Rückkehr stand sein Entschluß fest: er wollte eine Schule für Erwachsene gründen, eine Schule, in der Lehrer und Studenten gemeinsam leben und lernen sollten. Sie sollten vor allem befähigt werden, ihre Stimmen zu Gehör zu bringen. Die Highlander Folk School würde so einen Beitrag leisten bei der Entwicklung einer humaneren Gesellschaft. Lernen und Verändern, diese beiden Begriffe gehörten für Horton zusammen.

Kurz nach der Gründung der Schule im Jahre 1932 skizzierte Horton seine Prinzipien in einem Brief an einen Freund::

SPRECHER 2:

Wir müssen versuchen, den Studenten ein Verständnis davon zu geben, in welcher Welt wir leben und ihnen eine Vorstellung davon vermitteln, in welcher Welt wir gerne leben möchten. Wir haben entdeckt, daß es ein sehr fruchtbarer Weg ist, den Studenten eine Vorstellung der gegenwärtigen sozialen Ordnung zu ermöglichen, wenn wir sie in Konfliktsituationen Erfahrungen machen lassen, in denen sich die wirkliche Natur unserer Gesellschaft in all ihrer Häßlichkeit ausdrückt.

Damit dies auch effektiv wird, müssen solche Belastungsproben vorbereitet werden und von Maßnahmen begeleitet werden, die es dem Beobachter ermöglichen zu beurteilen und zu verdauen, was er gesehen hat.

SPRECHERIN 1:

An Konfliktsituationen gab es – gerade im Süden der USA – in jenen Jahren keinen Mangel. Jeder Streikversuch unterbezahlter Arbeiter wurde von den strikt anti-gewerkschaftlichen Unternehmern unterdrückt, wenn nötig auch mit Gewalt, jede Landbesetzung empörter Kleinpächter, die durch die Zusammenbrüche der Banken ihre Ersparnisse verloren hatten und von ihrem Land vertrieben wurden, scheiterte am massiven Einsatz kurzfristig ernannter Hilfs-Sheriffs. Wer sollte Proteste gegen die Verteibung organisieren? Wer einen Streik vorbereiten? Welche Menschen würden die Gefahren auf sich nehmen?

SPRECHER 2:

Gleichzeitig ist es wichtig, daß die Studenten eine Andeutung davon bekommen, was die neue Gesellschaft sein wird. Vielleicht kann dies am besten dadurch gelingen, daß wir eine Art des Lebens führen, welches so nahe als möglich an den gewünschten Zustand herankommt. In diesem Punkt kommt dem gemeinschaftlichen Zusammenleben in der Schule eine entscheidende Bedeutung zu.

SPRECHERIN 1:

Bevor allerdings die „neue Gesellschaft“ entstehen konnte, mußten ganz praktische Probleme gelöst werden: Wie sollten neue Studenten gewonnen werden? Mit welchen Mitteln sollten die Lehrer bezahlt werden? Reinhold Niebuhr und andere schrieben Spendenaufrufe, doch die Resonanz war enttäuschend. So entschloß sich die Schule, einen Film in Auftrag zu geben, der die Highlander Folk School vor allem bei Gewerkschaften bekannt machen sollte. Man beauftragte damit Frontier Films, eine linksgerichtete New Yorker Filmemachergruppe, der später so bekannte Photogrophen und Regisseure wie Ralph Steiner, Leo Hurwitz und Elia Kazan angehörten. Im Frühsommer der Jahres 1937 reiste das Filmteam nach Monteagle, Tennessee, das Ergebnis war ein Dokumentarfilm mit dem Titel „People of the Cumberland“, der die Schule und ihre Arbeit porträtierte. Doch bereits damals wurde deutlich, wie stark die konsequente Parteilichkeit von Highlander Menschen polarisierte. Elia Kazan, 1937 Mitglied der Kommunistischen Partei, später feuriger Anti-Kommunist und Unterstützer McCarthys, distanziert sich in seinen Lebenserinnerungen von seinem ersten Film:

SPRECHER 1:

Bei Frontier Films trafen sich die Filmemacher immer im Büro eines reichen Rechtsanwalts, der hauptsächlich Steuerfälle bearbeitete. Es war ein holzgetäfelter Raum und an den Wänden hingen teure Gemälde. In diesem luxuriösen Büro, hoch über den Straßen Manhattans mit ihren vielen Problemen, planten sie Filme über die verarmten Massen. Ich half einen Dokumentarfilm zu drehen, People Of The Cumberland, es ging um das Leben von Tagebau-Bergarbeitern und ihrer Familien. Der Kameramann war Ralph Steiner, ein guter Photograph, der seinen Lebensunterhalt im Anzeigengeschäft verdiente, aber voller unterwürfiger Bewunderung für die Arbeiterklasse war. Als ich den Film vor kurzem wiedersah, empfand ich ein nostalgisches Gefühl der Erinnerung an jene warmherzigen aber so naiven Tage.

SPRECHERIN 1:

Ralph Steiner wiederum, der als Kameramann fungierte, behielt ganz andere Dinge in seinem Gedächtnis:

SPRECHER 2:

Ich sagte: „Na ja, dann drehen wir eben draußen“, aber die Geschäftsleitung schickte Leute mit Gewehren, und die bedeuteten uns: Diese Stadt gehört uns. Es war tatsächlich so, das war eine Company Town: alles gehörte der Firma, die Geschäfte, die Häuser, alles. Also beschlossen wir die Szene mitten auf der Straße zu drehen, denn die Straße gehört dem County, dem Landkreis. Nachdem wir fertig waren, sagten die Arbeiter der Fabrik: Wenn ihr zurück in die Berge zur Highlander Folk School fahrt, lauern die Euch bestimmt auf. Wartet hier auf uns, wir werden Euch begleiten. Kurze Zeit später kamen sie zurück und wir fuhren los, vorne und hinten drei Wagen mit Arbeitern. Und sie hatten alle Riesenpistolen,Reiterpistolen. Als wir oben angekommen waren, kaufte einer von uns ihnen allen zum Dank Eiswaffeln. Ach, hätte ich doch nur ein Photo gemacht von diesen großgewachsenen Leuten aus den Bergen, mit ihren Jagdflinten und ihren Riesenpistolen – und alle leckten sie Eiswaffeln, es sah wirklich wunderbar aus.

SPRECHERIN

Franklin Delano Roosevelt. 1933 wurde der Demokrat Präsident der Vereinigten Staaten, und mit ihm erhielten die schwachen amerikanischen Facharbeitergewerkschaften überraschend einen neuen Verbündeten.

SPRECHER 2

„In dieser Nation sehe ich Millionen Bürger- ein wichtiger Bestandteil des Ganzen – dem in diesem Moment der notwendigste Standard des alltäglichen Lebens verweigert wird. Ich sehe Millionen Familien, die den täglichen Kampf des Überlebens kämpfen müssen ….“

SPRECHERIN

Roosevelt setzte auf gleichstarke Tarifpartner, das Gewicht der Unternehmerver-bände sollte durch starke Gewerkschaften in der Balance gehalten werden. Das war – in den USA – eine umwälzende Neuerung. Wie Pilze im Wald schossen überall im Land Organisationen der ungelernten Arbeiter empor, die sich bald zu nationalen Industriegewerkschaften vereinigten. Für Myles Horton waren sie die vorzüglichen Partner der Schule, aus ihren Reihen sollten die Schüler kommen, zu ihnen sollten die Studenten zurückkehren.

SPRECHERIN 1:

Die eher schwachen amerikanischen Facharbeitergewerkschaften hatten mit dem neugewählten Präsidenten Roosevelt einen überraschenden Verbündeten gefunden. FDR setzte auf gleichstarke Tarifpartner, das Gewicht der Unternehmerverbände sollte durch starke Gewerkschaften in der Balance gehalten werden. Das war – in den USA – eine umwälzende Neuerung. Wie Pilze im Wald schossen überall im Land Organisationen der ungelernten Arbeiter empor, die sich bald zu nationalen Industriegewerkschaften vereinigten. Für Myles Horton waren sie die vorzüglichen Partner der Schule, aus ihren Reihen sollten die Schüler kommen, zu ihnen sollten die Studenten zurückkehren.

SPRECHER 2:

Es war eine soziale Bewegung, das war mehr als nur Gewerkschaften, es war mehr als nur um bessere Löhne zu kämpfen, um bessere Arbeitsbedingungen und Sicherheit. Das waren Leute, die sich in der Community, in der Gemeinde organisierten, die politisch tätig wurden, die etwas über die Welt erfahren wollten, die Erziehungsprogramme durchführten, weil sie Kooperativen gründen wollten, alle möglichen Sachen sollten durchgeführt werden. Erziehung war ein Teil davon, es war der Funke, der all die anderen Dinge anfachte. Und die Gewerkschaft sollte alles zusammen halten, das sollte der Zement sein.

MUSIK: Pete Seeger and the Weavers: Sit Down

SPRECHERIN 1:

Von Anfang an knüpfte die Highlander Folk School an die kulturellen Traditionen des Südens an, und die wichtigste Überlieferung bestand in der dort noch sehr lebendigen Volksmusik. Jamboree Sessions, gemeinsames abendliches Singen und Musizieren, gehörten zum Lehrplan, Zilphia Horton und später Guy Carawan sammelten Folksongs und veröffentlichten sie in Buchform. Sänger und Musiker aus der Umgebung führten Workshops durch, in denen auch neue Texte, aufrührerische Texte, agitatorische Texte zu alten Melodien entstanden. Bis nach New York und Los Angeles sprach sich dieser Teil der Arbeit herum, Pete Seeger gehörte zu jenen, die bereits früh von der Musik aus den Cumberland Bergen inspiriert wurden.

SPRECHER 1:

Ich traf Myles und seine Frau Zilphia 1940 das erste Mal, im Juni 1940 besuchten Woody Guthrie und ich die beiden und wir blieben zwei Tage. Es war damals eine kleines Zentrum, eine Arbeiterbildungsstätte, die Myles acht Jahre vorher gegründet hatte. Die Schule bestand aus einem Holzhaus, das genausogut das Wohnhaus einer Familie hätte sein können und einigen wenigen Holzgebäuden in der Nähe. Umgeben war das Zentrum von Wäldern und Hügeln, meilenweit nur Wälder und Hügel, es lag etwa in der Mitte zwischen Chattanooga und Nashville, Tennessee. Und Myles sagte mir: Highlander will durch Erziehung die Gesellschaft verändern, nicht die alte nur kosmetisch reformieren, nein, eine neue, humanere Gesellschaft soll entstehen.

SPRECHERIN 1:

Die gewerkschaftliche Orientierung und die wiederholte Einladung schwarzer Redner an die Schule, brachte Highlander bei den konservativen Politikern des Südens in Mißkredit, mehrere Male wurde ein Vorwand gefunden, die Schule vorübergehend zu schließen. Immer wieder kam es vor, daß Kursteilnehmer bei der An- und Abreise eingeschüchtert wurden, Mitarbeiter wurden verbal und auch handgreiflich bedroht. Doch selbst Attentate brachten die Schule nicht zum Aufgeben, sie überstand alle Anfechtungen. Ein tiefer Einschnitt bedeutete jedoch der Entschluß des amerikanischen Gewerkschaftsdachverbands AFL/CIO in den frühen 50er Jahren, die Zusammenarbeit mit der Schule einzustellen. Der Grund: die Schulleitung hatte sich geweigert, die Verbindung zu jenen Gewerkschaften abzubrechen, die vom Untersuchungsausschuß für unamerikanische Umtriebe als „kommunistisch infiltriert“ gebrandmarkt worden waren.

SPRECHER 1:

Die Schule suchte neue Ansprechpartner und fand sie sehr schnell. Die Schwarzen des Südens waren aufgewacht, sie wollten nicht länger zweitklassige Bürger sein, sie suchten Organisationsformen, um ihren Protest wirksam werden zu lassen, sie brauchten einen Ort, um gewaltfreie Widerstandsformen einzuüben. Seit der höchstrichterlichen Entscheidung in der Sache Brown versus Board of Education, der die Formel „separate but equal“ als unrechtmäßig bezeichnete und damit die rechtliche Gleichbehandlung von Weißen und Afro-Amerikanern einforderte, hatte die Bürgerrechtsbewegung einen ungeheuren Aufschwung erlebt. Viele der inzwischen berühmten Inititiatoren des Civil Rights Movement kamen nach Tennessee, zur Highlander Folk School, um zu lernen und zu lehren. Aus der Schule für Gewerkschafter und Community Leaders wurde allmählich eine Citizen School.

MUSIK: Guy and Candie Carawan: Woke up this Morning With My Mind Stayed On Freedom

SPRECHERIN 1:

Unter den Kursteilnehmern fanden sich Andrew Young, der spätere Bürgermeister von Atlanta; Esau Jenkins, aus Charleston, der die Verbindung zur radikalen Black Power Bewegung um Stokeley Carmichael herstellte, Gast war schließlich auch Martin Luther King, Jr. Überall im Süden waren Plakate angebracht mit einem Photo von King, das ihn an der Highlander Folk School zeigte. Die Unterschrift lautete: Martin Luther King im kommunistischen Trainingslager. Und noch am Vorabend jenes historischen Tages im Jahre 1955, an dem sich Rosa Parks in Montgomery, Alabama weigerte, ihren Platz im „weißen“ Teil des Busses aufzugeben und damit den größten Boykott auslöste, der jemals die USA erschütterte, hatte sie an einem Highlander Kurs teilgenommen. Rosa Parks:

SPRECHERIN 2:

Myles Horton hat eine Menge meiner feindseligen Gefühle, vor allem meine Vorurteile und mein Gefühl der Bitterkeit gegenüber weißen Menschen einfach weggewaschen. Vor allem weil er einen solch wunderbaren Humor besaß. Das hat mich beeinflußt, aber auch seine Überlegungen, wie man die weißen Vertreter der Rassentrennung von ihren tiefsitzenden Überzeugungen abbringen könnte, wie man sie verwirren könnte.

MUSIK: Guy & Candie Carawan: If You Miss Me From The Back Of Th Bus

SPRECHER 1:

In den 70er Jahren verschob sich der Schwerpunkt erneut auf die Bildung von Gemeinschaftsorganisationen und Kooperativen in der näheren Umgebung, dem immer noch zum Armenhaus der Nation zählenden Gebiet der Appalachen, in den 80ern dann wurden Workshops wie „Stop the Poisoning“ durchgeführt, Kurse, in denen beratschlagt wurde, wie die auch in den USA immer stärker bedrohte Umwelt zu schützen sei. 1982 wurde die Schule für ihre Arbeit der letzten Jahrzehnte gar für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen.

SPRECHERIN 1:

Auch nach dem Tod von Myles Horton im Jahre 1990 und der Umbenennung in „Research And Education Center“ hat Highlander nichts von dem Elan und den demokratischen und egalitären Prinzipien der Anfangszeit verloren. Unter dem neuen Direktor, Jim Sessions, hat man jedoch neue Arbeitsfelder gefunden: als Teilnehmer des im letzten Jahr begonnenen „Nord-Süd Dialogs“, dessen Ziel der Aufbau eines „Poor People´s Movement“ ist, kamen Vertreter der unterbezahlten mexikanischen Tagelöhner von den Erdbeerfeldern Kaliforniens und Latino-Immigranten aus den Staaten der Ostküste nach Tennessee. Nach wie vor gilt die Devise, die Myles Horton aufstellte: Traut den Menschen zu, sich selbst zu helfen.

SPRECHER 2:

Die Menschen sind kreativ. Man muß ihnen nur erlauben, Dinge zu tun, die nicht in ein System passen. Es ist viel Dynamik, viel Kraft in dem, was die Menschen ängstigt. Die Menschen haben die Kraft – doch sie wird unterdrückt. Highlander versucht, sein Gewicht dabei auf die Waagschale zu legen, um den Menschen zu helfen, das zu tun, was sie für richtig halten. Die Menschen haben die Ideen schon in ihren Köpfen. Was wir machen, ist, diese Samen zu entwickeln. Wir graben nach ihnen, kultivieren sie und helfen den Menschen dabei zu lernen, daß sie von anderen Menschen lernen können.

MUSIK: We Shall Overcome (letzte Storphe)

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