„Mendel lebt – Wiederbegegnung mit Mendel Szajnfeld: Regieportrait Hans-Dieter Grabe

Manuskript: Maximilian Preisler

radio kultur (SFB/ORB)

Journal, 25. 11. 1999

Red.: Claudia Henne

Da steht ein alter Mann in der Kche und schneidet Brot, fragt den fr uns nicht sichtbaren Kameramann, ob dieser denn auch ein Stck mî’‹hte, nickt befriedigt, als er die Antwort erf臧rt und schneidet zwei weitere Scheiben vom Brotlaib ab; er misst mit dem Daumen die Dicke, setzt sorgf舁tig das Messer an und legt die exakt geschnittene Scheibe zu den anderen auf den kleinen Haufen. Eine Alltag-Szene und doch zugleich eine Szene, die vielf舁tige Konnotationen birgt. Mendel Szajnfeld, der wei゚-haarige Mann, dem wir bei der Vorbereitung der Vesper zuschauen, ist ein ワberlebender der Vernichtungslager. Fr ihn hei゚ Brot – Leben. Ich habe Brot, ich habe zum Brot, warum sollte ich dann unzufrieden sein? Im KZ musste er hungern, tagelang, monatelang, die dnne Brotscheibe am Abend reichte nicht aus zum ワberleben. Da starb in der Nacht der H臟tling auf der Pritsche ber ihm. Dieser hatte sein Stck Brot noch nicht gegessen, also nahm Mendel es ihm aus den erkalteten H舅den.

„Mendel lebt so hei゚t Hans-Dieter Grabes neuer Dokumentarfilm, mit dem ein umfangreiches Filmportrait der Akademie der Knste in Verbindung mit dem Filmkunsthaus Babylon heute begonnen wird. Grabe macht Dokumentarfilme frs Fernsehen, nicht frs Kino, dennoch wirken seine Arbeiten so, als seien es gro゚e Filme. Er konzentriert sich auf Menschen, auf eher durchschnittliche Menschen. Auf den kleinen Jungen, der im Vietnam Krieg schwer verletzt wurde, auf den Zirkusknstler, der auf sich schie゚en l舖st, auf den sich in der Anonymit verbergenden korrekten Beamten Hohenstein, der als Amtskommissar im Polen des Jahres 1941 ordentlich-deutsche Zust舅de herstellt, und an den ordentlich-massenhaften Liquidationen der Juden seines Amtsgebiets leidet.

Und auch Grabes erster Besuch bei Mendel Szajnfeld muss bei dieser Aufz臧lung erw臧nt werden. 1971 begleitete ihn der Filmemacher von Oslo aus, wo Mendel nach dem Krieg Aufnahme fand, nach Mnchen, zum Entsch臈igungsamt. Mendels Geschichte haben wir, von ihm selbst erz臧lt, der Ort der Handlung: ein Eisenbahnabteil, wenn wir in Mnchen ankommen, ist der Film zu Ende. Ab und zu blickt die Kamera nach drau゚en, in die vorbeiziehende Landschaft, dann – halbnah, fr den Fernsehbildschirm die ideale Einstellung – sitzt uns Mendel wieder gegenber, der uns von seiner ersten Reise nach Deutschland erz臧lt, von Polen aus, einer ganz und gar unfreiwilligen Reise. So wie wir es jngst bei Imre Kertesz lasen, so erz臧lt Mendel, in jener khlen, beil舫fig-distanzierlichen Art des Evozierens, das um so mehr schockiert: Wie die Menschen gestorben sind? Nun, an L舫sen, an Hunger, an K舁te, ach ja, und an Misshandlungen, selbstverst舅dlich. Was, um Gottes willen, ist daran selbstverst舅dlich?

Nun, 29 Jahre sp舩er, ist der Filmemacher wieder zu Besuch bei Mendel. Er wundert sich, dass dieser berhaupt berlebt hat, denn als die Befreiung kam, ja, noch als der erste Film zusammen gedreht wurde, war Mendel ein kperliches und seelisches Wrack. Grabe erinnert uns an den frheren Film, l葹t uns einige entscheidende Szenen davon sehen, und konzentriert sich dann wieder auf Mendel heute. Wie konnte er alles berstehen? Mendel hat es nicht berstanden, sein Trauma ist auch heute noch allgegenw舐tig, wenn er im G舐tchen in Oslo den Boden umgr臙t, oder wenn er mit norwegischen Schlern als Zeitzeuge unterwegs ist zu den Stationen seines Leidens. Sein Trauma sind die Erinnerungen, die er nicht los wird, die Erinnerung an die 5 auf den Arsch die brutale Prgelstrafe, die so manche Mith臟tlinge nicht bestanden, an die Kinder vor allem, die ebenfalls ins Gas gefhrt wurden, die Kinder, was hatten die denn fr ein Verbrechen begangen? Vielleicht hat Mendel berlebt, weil er Zeugnis ablegen muss. Еrz臧l, was mit uns geschah, riefen ihm die Menschen auf ihrem Weg in den gewaltsamen Tod zu.

Am Ende sind wir wieder in der Kche, der alte Mann schneidet Brot und sagt: Wenn es nicht reicht, haben wir mehr. Jetzt erst kî’–nen wir ahnen, was fr ein Glcks-gefhl es sein muss, diese Worte sagen zu kî’–nen.

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