Liebe und Identität

Manuskript: Maximilian Preisler
SFB/ORB Radio Kultur

21. Januar 1999
Hannah Arendt und Heinrich Blücher

SPRECHER 1:
Beginnen wir mit dem Ende. Dem Ende eines Lebens, dem Ende einer über dreißigjährigen Beziehung. Am 31. Oktober 1970 starb Heinrich Blücher, der Ehemann von Hannah Arendt. Blücher war seit der Heirat in Paris, genau 30 Jahre zuvor, Hannah Arendts Mann, er war gleichzeitig ihr Vertrauter, an den sie Briefe aus der Ferne richtete, und der ihr ein Gefühl des Zuhauses gab, portable Heimat nannte sie ihn einmal; er war Freund unter Freunden und, vor allem, Heinrich Blücher war ihr engster politisch-philosophischer Gefährte.
Als die amerikanische Schriftstellerin Mary McCarthy am 1. November 1970 in Paris ein Telegramm ihrer Freundin Hannah Arendt erhielt –

SPRECHERIN:
Heinrich Samstag an einem Herzinfarkt gestorben

SPRECHER 1:
flog sie umgehend nach New York, sie wußte, wie tief Hannah Arendt durch den Tod ihres Mannes getroffen war. „Wie soll ich jetzt leben?“ fragte sie sich am Abend nach Blüchers Tod, so erinnern sich Freunde. Ihre Trauer war so tief, schreibt Lotte Köhler, eine weitere Freundin Hannah Arendts, fünf Jahre später wird sie, nach Hannah Arendts Tod, gemeinsam mit Mary McCarthy Hannah Arendts Nachlass verwalten, ihre Trauer ging so tief, daß es ihr erster Impuls war, für Blücher, den Nicht-Juden, eine jüdische Trauerfeier, mit Kaddischgebet, auszurichten.
Hannah Arendt war eine „celebrity“, eine öffentlich bekannte Person, Blücher blieb im Hintergrund, jedoch sein Tod war Anlaß mehrerer Nachrufe. Den Ton gab die Zeitschrift „National Review“ vor:

SPRECHER 2:
Er sah aus und hörte sich an wie Sokrates, und seine Liebe und sein Verständnis für das alte Griechenland und für dessen Philosophie und Literatur waren profund. Er stand in der großen Tradition der philosophischen Amateure, und er hätte sich zu Hause gefühlt in den Salons des 18. Jahrhunderts, in Diskussionen mit Diderot verwickelt, dem er in mehrfacher Hinsicht glich.

SPRECHER 1:
Selbst die ehrenvollen Nachrufe in den amerikanischen Zeitschriften zeigen, wie wenig über Heinrich Blücher bekannt war. Man lobte ihn zwar als kongenialen Lehrer –

SPRECHER 2:
Er war Professor für Philosophie, aber er gab keine Kurse über individuelle Philosophen oder philosophische Schulen. Er lehrte Philosophie, indem er ein Philosoph war, indem er beständig die überkommenen „Weisheiten“ in Frage stellte und überprüfte.

SPRECHER 1:
– und man pries ihn als Mann des Gesprächs –

SPRECHER 2:
Er erkannte, daß wirkliches Lehren im Dialog geschieht und daß der Dialog unmöglich wird, wenn zu viele daran beteiligt sind.

SPRECHER 1:
– doch gleichzeitig schlichen sich etliche biographische Fehler ein. Blücher war nicht, wie die „National Review“ behauptete „ein Offizier der deutschen Armee im Great War, dem 1. Weltkrieg“, 1899 geboren, war er neben allen anderen Gründen, die dagegen sprachen, einfach zu jung für eine solche Karriere, und er hatte später, nach der Emigration in die USA, keineswegs, wie ebenfalls behauptet wurde, an der Elite-Universität in Princeton gelehrt. Und wenn es auch stimmen mochte, was viele von ihm behaupteten –

SPRECHER 2:
Er trug Berlin mit sich herum.

SPRECHER 1:
– so ist es eher eine farcenhafte Fußnote, wenn wir an anderer Stelle folgende „Begründung“ dafür lesen:

SPRECHER 2:
Sein tiefstes Gefühl war für Berlin und ein tugendhaftes Preußen reserviert: als ob Potsdam und die Kadettenschule, die er besuchte, in seinen Augen etwas von Athen bewahrt hätten.

SPRECHER 1:
Es erübrigt sich fast zu sagen: Blücher war nie und nimmer Schüler einer Kadettenanstalt.
Gehen wir also an den Anfang zurück. Wer war Heinrich Blücher, wie lernte er Hannah Arendt kennen und was, das sind die beiden vorrangigen Fragen, was bedeutete Blücher für Arendt – und was Arendt für Blücher. Wir stützen uns dabei auf Briefe der beiden Protagonisten, auf schriftliche Erinnerungen von Freunden und auf mündliche Reminiszenzen, vor allem die von Lotte Köhler, der bereits erwähnten Freundin und Nachlassverwalterin.
Als sie sich kennen lernten, 1936 in Paris, waren sie beide mittellose Emigranten aus Deutschland, doch das war auch schon das einzige, was sie verband. Das Trennende schien viel größer: Sie, Hannah Arendt, eine Jüdin aus Königsberg, aufgewachsen im aufgeklärten Elternhaus, promovierte Schülerin der Philosophen Karl Jaspers und Martin Heidegger, nun tätig für die Jugend-Aliyah, eine zionistische Organisation, die jüdische Jugendliche aus ganz Europa nach Palästina in Sicherheit brachte. Er, Heinrich Blücher, nicht-jüdisch, im Arbeitermilieu Berlins aufgewachsen, Autodidakt, politisch der Kommunistischen Partei Deutschlands – Opposition verbunden, die sich als strikt antifaschistisch – aber auch als eindeutig antistalinistisch verstand, und er war mit anderen geflüchteten Genossen in die Lieblingstätigkeit so vieler politischer Emigranten verstrickt, der heftigen Diskussion über die richtige politische Linie. Der Beziehung auch nicht gerade förderlich war die Tatsache, daß sie beide noch mit anderen Partnern verheiratet waren. Trotz all dieser Widrigkeiten und Gegensätze: sie verlieben sich, sie verlieren sich in der Liebe, und finden sich gleichzeitig darin. Für ein ganzes Leben.
Das erste Angebot, das Heinrich Blücher der Geliebten im Brief macht, klingt noch recht zurückhaltend:

SPRECHER 2:
Es sind drei Sessel im Zimmer. Wenn Du wieder den nehmen willst, auf dem Du das letzte Mal neben mir gesessen hast, so kann (mein Freund) Robert den andern nehmen.

SPRECHER 1:
Hannah Arendt greift die Anspielung auf, bedankt sich für die Sitzgelegenheit, doch wehrt ab.

SPRECHERIN:
Das ist just ja die Frage: ob ich mich nämlich in den drittel Sessel, den Du mir so großzügig zur Verfügung stellst, setzen kann. Nicht und niemand legitimiert mich dazu. Sieh mal, Du hast selbst gesagt: Alles spricht dagegen. Was ist dies „alles“ – abgesehen von den Vorurteilen und von den Schwierigkeiten und von den kleinen Ängsten – denn anderes, als daß wir keine gemeinsame Welt haben werden.

SPRECHER 1:
Genau dies jedoch werden sie haben, werden sie sich schaffen: eine gemeinsame Welt. Die Liebesbeziehung zweier Menschen als Welt, als Welt, in der jeder seine Gedanken ausprobieren kann und doch geschützt ist, eine Welt, auf die Verlaß ist, im Gegensatz zur Welt draußen. Keine friedvolle Gartenlaube, eher ein fruchtbares Gewächshaus, keine dornenumrankte Idylle, in die niemand eindringen darf, eher ein liebevolles philosophisches Hauptseminar zu zweit, in der die Partner abwechselnd die Rolle des Professors und des Studenten einnehmen und Gasthörer immer willkommen sind.
Zuerst allerdings mußten sie sich als Liebende beweisen. Hannah Arendt war selbst überascht über ihre Entdeckung.

SPRECHERIN
Liebster, ich glaub´, ich liebe Dich. Im Ernst. Und sehe langsam, sehr langsam ein, da es gegen Liebe keine Gründe geben sollte.

SPRECHER 1
Und freudig ausgelassen feiert sie bald im Liebesbrief den Geliebten, der in Paris geblieben war, während sie im politischen Auftrag nach Genf gefahren war:

SPRECHERIN:
Lieber Liebster. Mir sind vor lauter Sehnsucht alle Philosopheme vergangen. Ich will nach Haus, zu Stups, ein Pferdchen sein, kein Löwe mehr, will viele Küsse kriegen, will ins Jackett kriechen, will Arm in Arm spazieren gehen, will mich über seine Meckereien ärgern and so on. Lieber Liebster, Stups und Katz, Meiner, sei klug und weise – ärger Dich über niemand, denk viel an mich, freue Dich, wie ich mich freue und sei ganz überall hin geküßt von Deiner Hannah.

SPRECHER 1
Heinrich Blüchers briefliche Liebesgeständnisse sind ebenso überschwenglich, dabei ist er durchaus selbstkritisch:

SPRECHER 2:
Dein Brief kam gestern; ich kann wieder atmen und wie nun atmen; tief in mich hinein mich füllen mit Deiner Liebe. Das wärmt. … Du hast mit Deinen Küssen in den Mund eines Golem einen Zettel gelegt, auf dem geschrieben steht: Liebster, ich liebe dich!. Und nun singt er herum und springt umher – wenn auch mit schwerer Zunge und tolpatschigen Füßen. … Ich liebe Dich über und über, um und um, durch und durch.

SPRECHER 1:
Viel später, 1958, als Hannah Arendt und Heinrich Blücher schon fast zwanzig Jahre verheiratet sind und seit genau so vielen Jahren in Amerika leben, gibt Hannah Arendt in ihrer Laudatio auf ihren Lehrer und Freund Karl Jaspers, der in jenem Jahr den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhält, eine Charakterisierung der Beziehung zwischen Gertrud und Karl Jaspers, die gerade so gut zur Beschreibung ihrer eigenen Ehe dienen kann.

SPRECHERIN:
Zwischen zwei Menschen, wenn sie in der Bindung nicht der Illusion verfallen, Eines zu werden, kann schon wieder eine Welt entstehen, und gerade für Jaspers ist wohl dies Glück, in das er seine und der Frau Herkunft hineinzunehmen und zu bewahren verstand, nie ein nur Privates gewesen, sondern eine Welt en miniature, in der er modellartig erfuhr, wie es in der Welt zuging oder zugehen konnte. Denn in dieser kleinen Welt entfaltete und übte sich seine unvergleichliche Fähigkeit für das Gespräch, die herrliche Genauigkeit des Zuhörens, die ständige Bereitschaft, Rede und Antwort zu stehen, die Geduld, bei der einmal besprochenen Sache zu verweilen; ja mehr noch, die Fähigkeit, das sonst Verschwiegene in den Gesprächsraum zu locken, es sprechwürdig zu machen und so alles im Sprechen und Hören zu verändern, erweitern, verschärfen – oder, wie er selbst am schönsten sagen würde: zu erhellen.

SPRECHER 1:
Im Januar 1940 heiraten Hannah Arendt und Heinrich Blücher, für sie ist es die zweite, für ihn die dritte Ehe. Bald sind sie aber schon wieder getrennt, da sie beide – als Deutsche, der Krieg hat ja begonnen – in französische Internierungslager gesperrt werden. Im Gegensatz zu ihrem Freund Walter Benjamin gelingt ihnen die Flucht nach Spanien und schließlich nach Portugal. Dort besteigen sie ein Schiff, das sie im Mai 1941 nach New York bringt. Hier stehen sie nun, wie viele andere Emigranten, vor völlig neuen Aufgaben: sie können die Sprache nicht, oder nur unzureichend, sie haben keine Arbeitsmöglichkeit, sie leben, zusammen mit Hannah Arendts Mutter, in äußerst bescheidenen Verhältnissen, teilen sich möblierte Zimmer. Die ersten Jahre sind schwierig, Hannah Arendt schreibt Artikel für die in New York erscheinende deutsch-jüdische Zeitung „Der Aufbau“, Heinrich Blücher hält Vorlesungen vor amerikanischen Soldaten über deutsche Militärgeschichte und übernimmt Aushilfsjobs. Erst vom Beginn der 50er Jahre kann man von einer einigermaßen gesicherten, „bürgerlichen“ Existenz des Paares sprechen, 1951 erscheint Hannah Arendts Untersuchung „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“, ein Buch, das sie mit einem Schlag bekannt, ja berühmt macht, und ihr den Status einer intellektuellen Wortführerin in den USA einbringt. Um die gleiche Zeit wird Heinrich Blücher aufgefordert, an der New Yorker New School for Social Research Vorlesungen über die Philosophie der Kunst zu halten, und von 1952 bis 1968 wird er am Bard College als Professor für Philosophie lehren. Ãœbrigens ohne Habilitation, ohne Promotion, ohne irgendeine Veröffentlichungsliste. Allein auf Grund seiner zum Teil improvisierten Vorträge über Kunstgeschichte in New York, vor einem halb privaten, halb öffentlichen Kreis von Kunstfreunden, erhält er diese Stelle.
Dies kann nur mit seiner Persönlichkeit erklärt werden und, das muß ebenfalls betont werden, mit der sehr amerikanisch anmutenden Offenheit, auch der Offenheit von Institutionen, gegenüber jemanden, der von außen kommt. Lotte Köhler zu Blüchers – autodidaktischen – Fähigkeiten:

BAND TAKE EINS:
Ja, und vor allem einer, der ungeheuer intelligent, für Philosophie begabt, belesen, der hat wirklich alles mögliche gelesen. Hannah bekam oft Bücher, ich erinnere mich zum Beispiel, Benno von Wiese hat ein Schiller Buch geschrieben, Heinrich hat das gelesen, sie nicht, weil sie sich um andere Sachen gekümmert hat. Und natürlich alle zusammen den Heidegger gelesen, beide gelesen und sich darüber unterhalten, Jaspers gelesen und sich darüber unterhalten. Er hatte von den Vorsokratikern bis zur Gegenwart alles gelesen und verarbeitet und gewußt. Und dazu kam ein ganz ungewöhnliches Rednertalent und Lehrtalent. Also diese Kombination von Artikulationsfähigkeit und Lehren-Können, also Studenten begeistern können, oder überhaupt eine Zuhörerschaft begeistern können, das ist es gewesen, nicht wahr.

SPRECHER 1:
Wie ist das zu verstehen? Lasen die beiden tatsächlich zusammen? Hörten sie denn auf das, was der andere von einem bestimmten Buch, von einer bestimmten Auffassung hielt? Oder verfolgte jeder allein seine Interessen?

BAND TAKE ZWEI:
Na ja, ich meine, jeder hat für sich gelesen, und dann haben die sich darüber unterhalten. Na ja, und ich habe einmal eine schöne Szene, die habe ich dann auch immer wieder erzählt, da hat Heinrich, das war in einer Bibliothek und Hannah hielt eine, machte da statements, behauptete etwas. Und plötzlich stoppte sie und sagte dann, zu ihm gewandt, „Oder Heinrich, wie ist das?“ „Tja,“ sagte er dann. Das heißt also, sie hat dann ihre eigenen, rasch hingeworfenen Urteile doch von ihm auch noch mal hören wollen, ob die wohl so stimmig sind. Das fand ich ein sehr gutes Beispiel dafür, daß es nicht so ist, daß sie nicht aufeinander gehört haben. Oder jeder für sich die Sachen gemacht hat. Sondern die haben sich tatsächlich über das, was ihnen wichtig war, und das war bei beiden die Philosophie, und die Politik, er kam ja ganz von der Politik her, doch immer sehr gründlich darüber unterhalten.

SPRECHER 1:
Lotte Köhler, wir haben Sie bereits vorgestellt, als Freundin des Ehepaares, als Nachlaßverwalterin von Hannah Arendt, lebt heute in New York. Sie wuchs in Deutschland auf, kam erst nach dem Krieg in die USA. Wie lernte sie Hannah Arendt kennen?

BAND TAKE DREI:
Im Winter 55/56, das war mein erster Winter hier, da war mein Lehrer Benno von Wiese – und Freund – in Princeton Gastprofessor. Ich war erst im Herbst 55 hierher gekommen. Ausgewandert zu einer alten Tante. Und der sagte dann, Hannah ist eine alte Freundin und ich möchte Dich gerne da mit hinnehmen. Und dann habe ich sie dort kennen gelernt, und wie das dann so ist, entweder ist eine Sympathie, entsteht beim Treffen und dann sieht man sich auch wieder, denn Benno von Wiese fuhr natürlich wieder nach Deutschland zurück, wie sein Semester zuende war. Und dann habe ich gleich im ersten Sommer, hat Hannah mir ihr Buch, Rahel Varnhagen, mir das Manuskript gegeben. Was in schlechtem Zustand war, was ja durch die Emigration geschleppt wurde und so. Sie wollte, daß die Texte möglichst gecheckt werden. Und ich habe ziemlich lange im Sommer daran gearbeitet, um das zu einem Manuskript zu machen, was zu veröffentlichen ist. Was ja dann geschehen ist. Es wurde dann aus dem Manuskript ins Englische übersetzt, Englisch erst veröffentlicht, und dann auch auf Deutsch. So war der Anfang. Und Hannah war zu der Zeit sehr beschäftigt immer. Sie hatte schon ihr großes Buch, „The Origins of Totalitarianism“, war ja schon erschienen, aber sie arbeitete inzwischen schon wieder an neuen Sachen. „Human Condition“ war das zu der Zeit.

SPRECHER 1:
Heinrich Blücher war ein Mann des Wortes, einen Zugang zum Schreiben hat er nie gefunden, was überraschend ist, wenn man seine Briefe betrachtet. Sein Metier blieb der philosophisch-pädagogische Dialog, vor allem in seinen berühmten Einführungskursen für alle Studenten am Bard College, eine Art Studium Generale, nicht nur für die Freshman-Semester konzipiert. Bereits 1960 faßte ein ehemaliger Student, nun selbst Professor, in einem Artikel in Bards „Alumni Magazine“ die Bedeutung Blüchers für das College so zusammen:

SPRECHER 2
Man könnte den Kurs beschreiben als einen Versuch, einen gemeinsamen Korpus an Kultur zu schaffen, unter Bedingungen, in Amerika und der Moderne, in denen ein gemeinsamer Korpus an Kultur nicht mehr länger als gegeben und vorhanden angesehen wird. Als ich ihn zuerst hörte, fiel mir auf, und dies ist wichtig für Bard, hier hatten wir einen Europäer, einen Mann, der nicht nur Verlaine als Franzose lesen konnte, Eliot als Engländer und Rilke als Deutscher, sondern er las sie als Poeten, die alle unter einem Stern standen.

SPRECHER 1:
Auch Hannah Arendt unterrichtete später, unter anderem an der University of Chicago. Diese unterschiedlichen Tätigkeiten und vor vor allem Hannah Arendts Reisen nach Europa, zuerst im Auftrag einer jüdischen Kulturorganisation, brachten eine häufige Abwesenheit von der gemeinsamen New Yorker Wohnung mit sich, Zeiten, in denen sich das Ehepaar brieflich weiter unterhielt. Offen, direkt, ohne an eine spätere Veröffentlichung zu denken. Urteile über andere und politische Einschätzungen fielen sehr eindeutig aus und wurden unverblümt ausgesprochen. Hannah Arendt aus Bonn, während ihrer ersten Fahrt durch Deutschland nach dem Krieg:

SPRECHERIN:
Weißt Du eigentlich, wie recht Du hattest, nie wieder zurück zu wollen? Die Sentimentalität bleibt einem im Halse stecken, nachdem sie einem erst in die Kehle gestiegen ist. Die Deutschen leben von der Lebenslüge und der Dummheit. Letztere stinkt zum Himmel.

SPRECHER 1
Das war im Jahre 1949. Zwölf Jahre später, 1961, berichtet sie viel Erfreuliches nach Hause, vor allem über deutsche Studenten, mit denen sie während einer Tagung in der Eifel diskutiert hatte.

SPRECHERIN:
Der Generationsbruch ist ungeheuer. Sie können mit ihren Vätern nicht reden, weil sie ja wissen, wie tief sie in die Nazi-Sache verstrickt waren. Einige von ihnen waren in Amerika zum Studium und ganz erleichtert, daß ich den anderen halbwegs klarmachen konnte, wie man in Amerika über Politik diskutiert. Das schien ihnen allen wie ein Paradies. Vor allem, daß man nicht übelnimmt, sich nicht versteift, Meinungen ändern kann, andere anhören kann usw.

SPRECHER 1:
Viel stärker noch als Hannah Arendt lehnte Blücher alles Deutsche ab. Woher kam diese Haltung? Lotte Köhler:

BAND TAKE VIER
Er war so bitter enttäuscht über die politische Entwicklung und das Schicksal seiner kommunistischen Kameraden, da ist der eine ergreifende Brief gleich am Anfang, wo er schildert, wie die Nazis einen Kameraden zusammengeschlagen haben, ermordeten, ins KZ. Man weiß, daß er eigentlich nie mehr nach Deutschland wollte. Was er auch weitgehend durchgehalten hat. Ich glaube einmal ist er kurz in Köln gewesen, bei den Zülkens, Dr. Johannes Zülkens, das ist ein Arzt in Köln, ein jüngerer Mann, jünger als Hannah, also meine Generation oder ein bißchen älter, da war er wohl mal kurz, sonst war er nicht in Deutschland. Er ist nicht wieder nach Berlin gefahren. Hannah hat ihm davon berichtet, wie es in Deutschland ist. Er hat den Jaspers besucht, ach ja, einmal war er doch in Deutschland, denn er hat ja auch den Heidegger einmal besucht, mit der Hannah zusammen. Aber das waren gezielte, da waren Pläne vorher, aber nicht das Ansehen, dafür war die Bitterkeit zu groß.

SPRECHER 1:
Welche Rolle spielte dabei die Verfolgung und Ermordung der Juden Europas?

BAND TAKE FÃœNF:
Da war kein Unterschied zwischen Hannah und Heinrich in dem Erschrecken über das Grauenhafte, daß das überhaupt möglich war, daß es geschah. Über die Nazizeit und das, was da geschehen ist, hatten sie absolut die gleichen Ansichten.

SPRECHER 1:
Aus dem Briefwechsel zwischen dem Ehepaar wird sogar deutlich, daß Hannah Arendt, die deutsche Jüdin, eher wieder Zugang zu Deutschland fand als Heinrich Blücher, der Nicht-Jude.

BAND TAKE SECHS:
Ja, aber das ist es eben, das hat sie in dem Briefwechsel auch geschrieben, immer wieder, denn was ihr wichtig war, ist die deutsche Muttersprache, die deutsche Philosophie, die deutsche Literatur und Poesie, und die Sprache. Und wie sie auch schreibt, sie ist immer wieder verlockt, in der Sprache, die ihr am nächsten ist, und wo sie sich am leichtesten ausdrücken kann, darin zu schreiben. Obwohl, wenn sie dann hier geschrieben hat, hat sie es zuerst auf Englisch gemacht.

SPRECHER 1:
Für all jene Emigranten, die mit Sprache arbeiteten, ob sie nun Schriftsteller waren oder Lehrende, Philosophen oder Politikwissenschaftler, bedeutete die Einübung in die Lingua franca des neuen Heimatlandes die unumgängliche Vorbedingung für jede Fortsetzung der intellektuellen Tätigkeit. Bei Heinrich Blücher waren die Voraussetzungen dafür nicht so günstig.

BAND TAKE SIEBEN
Der arme Kerl hat wirklich da schwer was durchgemacht, denn er ist ja nicht in eine höhere Schule gegangen. Nicht das wir da schon gleich herrlich Englisch oder Französisch gelernt hätten, aber man hatte eine Grundlage. Die hatte er nicht. Er kam also nach Paris und konnte kein Wort Französisch. Und war an sich auch nicht besonders daran interessiert. Aber Hannah – das geht ja auch aus dem Briefwechsel hervor – : Bitte, lerne Französisch! Und dann hat sie ihm einen Brief auch korrigiert. Das muß so und so heißen. Und bitte, lerne es! Und da er ja intelligent war, und auch nicht uralt, aber immerhin zu alt, um eine Sprache gut zu lernen, hat er es gelernt. Denn, wie man weiß, sind ja seine Briefe – wie sie dann interniert waren, sie mußten auf Französisch sein, sonst hätte die Hannah nie eine Nachricht gekriegt – hat er auf Französisch geschrieben. Und dann, wie sie hier ankamen, konnte er kein Wort Englisch. Und Französisch galt nicht mehr. Während Hannah mindestens etwas konnte, etwas Englisch von der Schule mitgebracht hat. Sie konnte sehr gut Französisch, weil sie, glaube ich, von Sexta an hatte sie Französisch, und dann später ein bißchen Englisch. So daß sie auf etwas aufbauen konnte. Und sie war fest entschlossen, diese Sprache zu lernen. Und er hat dann, mühselig! Aber er ist dann da reingekommen. Denn all seine Vorträge, an der New School, am Bard College, waren auf Englisch. Mit schwerem Akzent, aber Hannah hatte auch einen schweren Akzent.

SPRECHER 1
Es waren vor allem zwei Gründe, die Hannah Arendt schon bald nach dem Ende Krieges nach Europa reisen ließen: zum einen ihre Tätigkeit bei der 1948 gegründeten Organisation „Jewish Cultural Reconstruction“, deren Aufgabe die Auffindung und – wenn möglich – Rückgabe jüdischer Bücher und Kultgegenstände war, und es zog sie nach Europa, weil sie zwei Menschen besuchen wollte: ihren Lehrer und späteren Freund Karl Jaspers und ihren Lehrer Martin Heidegger. Für Heidegger empfand sie mehr als Freundschaft, immerhin hatte die beiden in den 20er Jahren ein Liebesverhältnis verbunden, gleichzeitig war das 1950 neu geknüpfte Band viel fragiler als die starke Verbindung zu Jaspers. Mit Karl Jaspers, der zum Zeitpunkt ihrer ersten Europareise bereits in Basel lebte, führte sie ein nur durch die Kriegszeit unterbrochenes Gespräch. Zu diesem Gespräch wurde bald auch Heinrich Blücher hinzugezogen. Dabei war sich das Ehepaar Arendt – Blücher einig in der Ablehnung der ersten schriftlichen Äußerungen des ab 1948 nicht mehr in Heidelberg sondern in Basel lehrenden Philosophen, vor allem, als er über die „Schuld Deutschlands“ schrieb.

SPRECHER 2:
Nun muß ich etwas sagen, was mir sehr schmerzlich ist. Die Schuldbroschüre von Jaspers ist trotz aller Schönheit und Noblesse ein verdammtes und verhegeltes, christlich-pietistisch-muckerisches nationalisierendes Gewäsch. Es wird dieser christlich-nationale Unsinn natürlich den Besatzungsmächten sehr gefallen. Denn es zielt auf den inneren Frieden und auf Ordnung ab. Wenn Jaspers das wahre deutsche Wesen sucht, findet er niemals den wahren deutschen Konflikt, der immer in dem republikanisch-freiheitlichen Willen weniger gegen die kosakisch-knechtischen Neigungen vieler bestand. In Deutschland war endlich die Gelegenheit gegeben, die Fronten des wirklichen Bürgerkrieges unserer Zeit klar zu stellen, Republikaner gegen Kosaken, das heißt der Kampf des Citoyen gegen den Barbaren, der wirkliche und permanente Bürgerkrieg. Kaum gibt es etwas Luft durch den glücklichen Umstand der auswärtigen Befreiung, und schon haben wir das Versöhnungsgerede, um nur ja uns davon abzuhalten, jetzt zum Gegenangriff vorzugehen.

SPRECHER 1: Hannah Arendt wiederum setzte sich immer wieder von neuem mit Jaspers Vorstellung auseinander, was deutsch und was jüdisch sei. Seine Frage, ob sie sich denn als Deutsche oder als Jüdin fühle, beantwortet sie einerseits mit lässiger Gebärde:

SPRECHERIN:
Ehrlich gesagt, es ist mir persönlich und individuell gesehen ganz egal.

SPRECHER 1
Sie macht dabei aber klar, daß für sie die Bezeichnung „Deutsche“ im politischen, öffentlichen Raum nicht mehr zutreffe, für sie sei Deutsch: die Muttersprache, die Philosophie und die Dichtung, jedoch beharrt sie in einem Brief an Jaspers vor allem auf ihrer Unabhängigkeit.

SPRECHERIN:
Wenn die deutschen Juden heute nicht mehr Deutsche sein wollen, so kann man es uns ja gewiß nicht verdenken. Woran mir liegen würde, und was man heute nicht erreichen kann, wäre eigentlich nur eine Änderung der Zustände, daß jeder frei wählen kann, wo er seine politischen Verantwortlichkeiten auszuüben gedenkt und in welcher kulturellen Tradition er sich am wohlsten fühlt. Damit endlich die Ahnenforschung hüben und drüben eine Ende hat. Momentan scheint mir am wichtigsten, all diese Fragen nicht zu überschätzen, weil man sonst immer wieder vergißt, daß dies doch vermutlich die Sintflut ist, in der man am besten tut, sich nirgends ganz häuslich einzurichten, sich auf kein Volk wirklich zu verlassen, denn es kann sich im Nu in Masse verwandeln und in ein blindes Werkzeug des Verderbens.

SPRECHER 1:
Jaspers adressierte auch Blücher immer wieder als Deutschen. Blücher reagierte vehement:

SPRECHER 2:
Damit stoße ich nun wieder auf Ihre alte Frage an mich: wie ich mich denn in dieser Zeit als Deutscher fühl? Meine Antwort muß sein: Gar nicht. So wie Hölderlin einst sagte, es sei die Zeit der Könige nicht mehr, so ist es nun die Zeit der Völker nicht mehr.

SPRECHER 1:
Jaspers läßt nicht locker. In einem Brief an Hannah Arendt fügt er ein P.S. an Blücher hinzu:

SPRECHER 2:
Grüßen Sie Heinrich. Wenn ich an ihn denke, denke ich auch an seine Nähe zu Kant und an seine Wendung: Deutschland interessiere ihn nicht mehr. Und ich, deute mir: er meint die heutigen deutschen Staatsbildungen, nicht unser Deutschland.

SPRECHER 1:
Als Jaspers dann 1960 in der „Zeit“ seine Artikel zu „Freiheit und Selbstbestimmung“ veröffentlichte, in denen er der Freiheit der beiden deutschen Staaten einen höheren Stellenwert einräumte als der Wiedervereinigung, sprach er allerdings Blücher aus der Seele.

SPRECHER 2:
Daß zu der heute entscheidenden politischen Frage von der Rolle des Nationalen für die Zukunft ausgerechnet aus Deutschland und noch dazu, noch ausgerechneter, von einem deutschen Philosophen ein grundlegender Beitrag gestellt wird, kam mir so herrlich unerwartet, daß ich fast glaube, die Freiheit griffe in ihrer Verzweiflung zu Wundern. Wenn auch nur ein einziger Deutscher aus dem Wahn des Nationalismus so klar heraussteigt, dann weiß man nicht, was noch alles geschehen mag. Ich denke, daß ihre Grundunterscheidung zwischen den verlierbaren und den unverlierbaren Rechten mit der erwähnten Unterscheidung des politisch Ereigneten und des geschichtlich Geschehenden sich gut in Übereinstimmung bringen läßt. Es gibt wohl überhaupt nur aus der Freiheit ereignete, unverlierbare Rechte; aus dem gesellschaftlich-geschichtlich Geschehenden ergeben sich nur austauschbare und verlierbare Privilegien.

SPRECHER 1:
Das stete Werben Jaspers um Heinrich Blücher, den er als „meinen verborgenen Freund aus dem 18. Jahrhundert“ titulierte, hatte schließlich Erfolg, Blücher begleitete, ab 1961, seine Frau auf ihren Besuchsreisen nach Basel. Das herzliche Einvernehmen, das zwischen den beiden Ehepaaren entstand, man ging nun in den Briefen zum Du über, hatte gewiß auch damit zu tun, daß beide Ehen erfolgreiche deutsch-jüdische Lebensgemeinschaften waren, in beiden Fällen waren die Frauen jüdisch. Was die beiden Ehepaare gleichfalls verband, war die Hochschätzung von Freundschaft. Viel schwieriger, auch widersprüchlicher, dafür aber auch in manchem tiefer und intimer, gestaltete sich das Verhältnis Arendts zu Heidegger. Das Liebesverhältnis war von Arendt 1926 beendet worden. Also mehrere Jahre vor Heideggers „Irrtum“, der ihn dazu geführt hatte, im Nationalsozialismus die „Begegnung der planetarisch bestimmten Technik und des neuzeitlichen Menschen“ zu sehen. Trotz des Abbruchs des Verhältnisses hatte Hannah Arendt allerdings noch 1929, in einem Brief, in dem sie ihre erste Ehe ankündigte, Martin Heidegger beschworen:

SPRECHERIN:
Vergiß nicht, wie sehr und tief ich weiß, daß unsere Liebe der Segen meines Lebens geworden ist.

SPRECHER 1:
Im letzten Brief vor Arendts Emigration, fragt sie den inzwischen in Freiburg als Husserl-Nachfolger lehrenden nach Gerüchten, die sie beunruhigen. Heideggers Antwort: Nein, er sei kein Antisemit, das seien Verleumdungen. Doch die Antwort fällt so aus, daß Arendt schwerlich beruhigt sein konnte, denn die Rückweisung der Gerüchte wird begleitet vom Jammern über die Zudringlichkeit der Studenten, vor allem jüdischer Studenten.

SPRECHER 1:
Nun, 1950, trafen sich die beiden wieder. Es kommt zu einer Aussprache, bei der auch Heideggers Frau anwesend ist. In einem Brief an Blücher beschreibt Arendt die Szene:

SPRECHERIN:
Heute früh kam dann noch eine Auseinandersetzung mit seiner Frau – die macht ihm seit 25 Jahren, oder seit sie auf irgendeine Weise die Bescherung aus ihm rausgekriegt hat, offenbar die Hölle auf Erden. Und er, der doch notorisch immer und überall lügt, wo er nur kann, hat ebenso offenbar … nie in all den 25 Jahren geleugnet, daß dies nun einmal die Passion seines Lebens gewesen sei.

SPRECHER 1:
Mit diesen – fast schnoddrigen – Worten, kann allerdings nicht erklärt werden, wieso Hannah Arendt – auch später – von sich aus immer wieder den Kontakt zu Heidegger suchte. Die Grund dafür ist wohl ein doppelter. Zuerst: Sie war und blieb fasziniert von seinem Denken. Jahre später, 1969, in einer Laudatio zu seinem 80. Geburtstag, wird sie ihn als „König im Reich des Denken“ apostrophieren und von der Fama erzählen, die damals, als sie ihr Studium begann, durch Deutschland ging, die Fama besagte, daß da einer sein, bei dem man Denken lernen könne, daß man von ihm etwas Unerhörtes erfahren könne, nämlich daß „Denken als reine Tätigkeit … zu einer Leidenschaft“ werden kann.

SPRECHERIN:
Wir sind so an die alten Entgegensetzungen von Vernunft und Leidenschaft, von Geist und Leben gewöhnt, daß uns die Vorstellung von einem leidenschaftlichen Denken, in dem Denken und Lebendigsein eins werden, einigermaßen befremdet. … Heideggers Denken hat entscheidend die geistige Physiognomie des Jahrhunderts mitbestimmt. Dies Denken hat eine nur ihm eigene bohrende Qualität, die, wollte man sie sprachlich fassen und nachweisen, in dem transitiven Gebrauch des Verbums „denken“ liegt. Heidegger denkt nie „über“ etwas; er denkt etwas. In dieser ganz und gar unkontemplativen Tätigkeit bohrt er sich in die Tiefe, aber nicht, um in dieser Dimension – von der man sagen könnte, daß sie in dieser Weise und Präzision vorher schlechterdings unentdeckt war – einen letzten und sichernden Grund zu entdecken oder gar zutage zu fördern, sondern um, in der Tiefe verbleibend, Wege zu legen und „Wegmarken“ zu setzen.“

SPRECHER 1:
Dies der eine Grund. Zum anderen blieb nicht nur für ihn jenes Liebes-Ereignis aus der Mitte der 20er Jahre ein immerwährender Bezugspunkt. Heidegger ließ sich durch das Wiedersehen, durch den Wieder-Blick zu Gedichten inspirieren, die bei aller Hoheit des Tons, bei allem Verschleiern, doch von dem Glücksfall der Liebe und der „Sanftmut des Nievergessens“ künden:

SPRECHER 2:
In Jähen, raren, blitzt uns Seyn.
Wir spähen, wahren – und schwingen ein.

SPRECHER 1:
Und Hannah Arendt klagt 1950, nach dem Wiedersehen, zwar einerseits in einem Brief an eine Freundin:

SPRECHERIN:
Er hat absolut keine Vorstellung davon, daß das alles 25 Jahre zurückliegt.

SPRECHER 1:
Doch andererseits bedeutet auch für sie dieses Treffen in Freiburg mehr als sie sich vielleicht eingestehen mochte. Warum sonst sollte sie am Tag nach der der ersten Wiederbegegnung diese Zeilen an Heidegger senden?

SPRECHERIN:
Dieser Abend und dieser Morgen sind die Bestätigung eines ganzen Lebens. Eine im Grunde nie erwartete Bestätigung. Als der Kellner Deinen Namen sagte …, war es, als stünde plötzlich die Zeit stille.

SPRECHER 1:
Sie war hocherfreut und wohl auch stolz über die Gedichte, die er ihr widmete, und sozusagen im Gegenzug spricht sie später von der Widmung, die ihr Buch „Vita activa oder Vom tätigen Leben“ eigentlich tragen müßte – aber eben nicht tragen kann.

SPRECHERIN:
Du wirst sehen, daß das Buch keine Widmung trägt. Wäre es zwischen uns je mit rechten Dingen zugegangen – ich meine zwischen, also weder Dich noch mich -, so hätte ich Dich gefragt, ob ich es Dir widmen darf; es ist umittelbar aus den ersten Freiburger Tagen entstanden und schuldet Dir in jeder Hinsicht so ziemlich alles. So wie die Dinge liegen, schien mir dies unmöglich; aber auf irgendeine Weise wollte ich Dir doch wenigstens den nackten Tatbestand sagen.

SPRECHER 1:
Blücher nahm auch an dieser Beziehung teil, Hannah Arendt brauchte auch hier die Sicherheit der Mikro-Welt, die nur aus ihnen beiden bestand, um ihr Verhältnis zu Heidegger gestalten zu können. Zumal zu der Kompliziertheit ihrer Beziehung zu dem verheirateten Heidegger noch die mindestens ebensogroße Kompliziertheit des Verhältnisses ihrer beiden Philosophenfreunde untereinander trat. Meinte Heidegger sie, Hannah Arendt, sei das „und“ im Verhältnis „Heidegger und Jaspers“, klang es aus Basel, von Japsers Seite, ganz anders:

SPRECHER 2:
Der arme Heidegger, nun sitzen wir hier, die beiden besten Freunde, die er hat, und durchschauen ihn.

SPRECHER 1:
Amerikanische und deutsche Freunde von Arendt und Blücher betonten immer wieder deren „Begabung für Freundschaft“, wobei Kontinuität und Treue wichtiger waren als Erfolg und Ansehen. Beide agierten gleichberechtigt, auch gleich eingenommen vom eigenen Wert und dem des anderen. Randall Jarrell, ein befreundeter Dichter und Schriftsteller, nannte die beiden spöttisch-bewundernd: die Doppelmonarchie. Allerdings kam es gelegentlich durchaus zu Rissen in dieser Doppelherrschaft. Heinrich Blücher war, wie Lotte Köhler es in der Einführung zu dem von ihr herausgegebenen Briefwechsel zwischen Hannah Arendt und Blücher formuliert, keineswegs „das Musterbild des unverführbaren Ehemannes, (e)r war für die weiblichen Reize im näheren Freundeskreis druchaus empfänglich.“ Es finden sich in den Mitteilungen der Eheleute keine Beschreibungen von Eifersuchtszenen, jedoch Hannah Arendt war nicht blind gegenüber dem Verhalten ihres Mannes. Nur so lassen sich Eintragungen in ihren nicht veröffentlichten „Denktagebüchern“ verstehen, in denen sie länger über die „Treue“ reflektiert. Hannah Arendt unterscheidet dabei zwischen der „gleichsam unschuldigen Untreue“, die im „Weiter des Lebens und der Lebendigkeit“ vorgezeichnet ist, und dem „großen Verbrechen der Untreue“, die „das Wahrgewesene mordet“. Auf jene erste Art der Untreue mit Eifersucht zu reagieren, würde bedeuten, die „Lebendigkeit aus der Welt zu schaffen“, es würde zu „Versteinerung“ führen. Anders ist jene Untreue zu bewerten, die das „Wahrgewesene“ verleugnet. Dies ist für Arendt die „einzig wirkliche Sünde, weil sie Wahrheit, gewesene Wahrheit, auslöscht“. Es ist, ganz konkret gesprochen „das Vergessen“, das sie hier anprangert, vor dem sie Angst empfindet. Nur aus diesem Blickwinkel sind auch jene Briefstellen zu verstehen, in denen sie Heinrich Blücher vorwirft, sie „vergessen“ zu haben.

SPRECHERIN:
Liebster –
seit Basel keine Zeile; nichts in London und bisher auch nichts in Paris. Wenn ich morgen auf dem Joint (Distribution Committee) keine Nachricht finde, werde ich wohl wieder einmal telegrafieren müssen. Das gibt mir eine Unruhe, die Du wohl schwer begreifst. Ich kann mich in der Welt nicht so rumtreiben – wie ich es mit gesichertem Rücken doch sehr, sehr gerne tue -, wenn Du nicht schreibst. Einmal die Woche ist genug; aber das muß auch immer sein.“

SPRECHER 1:
Heinrich Blüchers Entschuldigung fällt eigentümlich wortkarg aus, andere, gemeinsame Freunde hätten doch brieflichen Kontakt mit ihr gehalten, und die Adresse in Europa habe er auch nicht gewußt. Hannah Arendts Antwort ist bitter wie selten:

SPRECHERIN:
Heinrich: Dein Brief hat nicht viel geholfen.

SPRECHER 1:
– so beginnt sie sehr ernst:, um dann, nach einigen Vorwürfen, zum Kern ihrer Verbitterung zu kommen:

SPRECHERIN:
Mir ist das Herz sehr schwer. Ich kann diesen völlig fehlenden Sinn für die primitivsten menschlichen Verantwortungen und Verpflichtungen nicht verstehen. Ich kann nicht verstehen, daß Du so wenig Einbildungskraft hast, daß Du Dir absolut nicht vorstellen kannst, wie mir zumute ist, so in der Welt wie ein verlorengegangenes Rad am Wagen herumzusausen, ohne jegliche Verbindung mit einem Zuhause, mit etwas, worauf Verlaß ist.

SPRECHER 1
Und auch wenn Arendt sich nach ausführlichen Briefen ihres Mannes bald wieder versöhnt zeigt, ist für einige Zeit ein Nachbeben zu spüren. Der Brief, den sie am Tag nach dem Wiedertreffen mit Heidegger an Blücher richtet, endet mit einem flehenden Ruf, der vielleicht auch gleichzeitig Ausdruck der eigenen, tiefen Verunsicherung ist:

SPRECHERIN:
Stups –

SPRECHER 1:
so lautet ihr ganz privater Kosenamen für Blücher –

SPRECHERIN:
Stups – um Gottes willen die vier Wände, die Du bist.

SPRECHER 1:
Hinter der bereits erwähnten „Begabung für Freundschaft“, die beide auszeichnete, stand ebenfalls dieser Wunsch nach Kontinuität, dazu aber auch ein philosophisch-politisches Programm, das von Blücher in einer seiner Vorlesungen – der bis jetzt einzigen, die in schriftlicher Form existiert, nach dem Notat eines Studenten – so skizziert wurde:

SPRECHER 2:
Was der mit Angst vor der Natur erfüllte Mensch von Anfang an sein wollte, nämlich Beherrscher der Natur zu sein, hat er schließlich erreicht; er hat es gelernt, mit der Natur umzugehen; die Natur ist nicht mehr der Erzfeind des Menschen. Aber kaum hatten wir diesen glänzenden Sieg errungen, als ein anderer Feind auftauchte, ein weit schrecklicherer: der Mensch selbst. Der Mensch ist der schlimmste Feind des Menschen geworden. Während so die Wissenschaft den herrlichsten Erfolg unseres Jahrhunderts darstellt, stellt die Politik sein größtes und gefährlichstes Versagen dar. Ich sage das nicht als Politikwissenschaftler, sondern vielmehr als einfacher citizen bin ich mit Sokrates davon überzeugt, daß die wichtigste Aufgabe des Menschen die Etablierung zwischenmenschlicher Beziehungen ist, die schließlich die ganze Menschheit umfassen werden, und das ist die Aufgabe der Politik.

SPRECHER 1:
Nicht nur gegenüber Studenten machte Heinrich Blücher durch seine Wortgewalt großen Eindruck. Seine „privaten“ Vorlesungen wurden geradeso gelobt, und manchmal wohl auch etwas gefürchtet. Im August 1950 besuchte Hermann Broch, der ebenfalls in die USA emigrierte Schriftsteller, Hannah Arend und Heinrich Blücher. Broch wollte die erste Fassung seines Essays „Trotzdem: Humane Politik. Verwirklichung einer Utopie“ mit ihnen besprechen. Wenige Tage später schrieb er einen begeisterten Brief an seine zukünftige Ehefrau Annemarie Meier-Graefe:

SPRECHER 2:
Ich bin abends hingefahren, habe dort übernachtet, und nachdem die Hannah schlafen gegangen ist, hat er mir einen bis 3h Früh dauernden geradezu unterbrechungslosen Vortrg gehalten, umso unterbrechungsloser, als er sich ja nicht unterbrechen läßt. Es war wohl der erfreulichste Abend, den ich seit Monaten, ja seit Jahren gehabt habe: das Denken dieses Menschen ist von einer unbestechlichen Klarheit, wie man es nur bei Genies (das er hierin wirklich ist) antrifft, und ich habe habe mich geehrt gefühlt, daß er meine Arbeit in dem von ihm gepachteten Feld der poitiischen Theorie nicht einfach abgetan, sondern sogar anerkannt hat.

SPRECHER 1:
Politik bedeutet für Arendt und Blücher: handelnd tätig zu werden, einzugreifen. Dies verlangt, die Philosophie neu zu definieren, und als sei dies eine Kleinigkeit, schreibt Blücher in einem Brief:

SPRECHER 2:
Weit weg bin ich nun von den Titanen und Giganten. Kant war ein Diener, Nietzsche ein Herr, Marx ein Despot, Kiergegaard ein Sklave. Und ich bin ein „prospective citizen“.

SPRECHER 1:
Hannah Arendt folgt ihm darin. In ihrem Essay „Macht und Gewalt“, 1970, im Todesjahr ihres Mannes veröffentlicht, zeigt sie kritische Sympathie für die aufbegehrenden „Bürger“, die Rebellen des Ostens, vor allem in der Tschechoslowakei, und des Westens, den protestierenden Studenten von Berkeley bis Berlin.

SPRECHERIN:
Was den Menschen zu einem politischen Wesen macht, ist seine Fähigkeit zu handeln; sie befähigt ihn, sich mit seinesgeleichen zusammenzutun, gemeinsame Sache mit ihnen zu machen, sich Ziele zu setzen und Unternehmungen zuzuwenden, die ihm nie in den Sinn hätten kommen können, wäre ihm nicht diese Gabe zuteil geworden: etwas Neues zu beginnen.

SPRECHER 1:
„Hannah Arendt folgte ihm darin“, so haben wir gerade formuliert. Ist es die richtige Wortwahl? Was hat Hannah Arendt von Blücher übernommen, was hat er von ihr gelernt? Lotte Köhler:

BAND TAKE ACHT:
Also da kann man am besten sagen, weil Hannah das selber gesagt hat, im Politischen hat sie von ihm gelernt, alles. Denn sie interessierte sich, schon durch ihr Herkommen, war Heidegger Schülerin, Jaspers Schülerin, für die Philosophie, aber nicht für die Politik. Und als sie anfängt ein bißchen sich für die Politik zu interessieren, das kam durch den Blumenfeld, für den Zionismus. Aber nicht etwa wie: Staatengründung, beste Herrschaftsformen, das ist Heinrichs. Und Demokratie, Kommunismus, das hat sie von Heinrich gelernt, ganz eindeutig.
Was hat er von ihr gelernt? Na das ist wirklich, finde ich, schwer zu sagen, weil man das nicht nachprüfen kann im schriftlich Festgehaltenen. Ich vermute, daß sie durch ihr wirklich scharfes, originelles selbstständiges Denken ihm da Anstöße gegeben hat. Sicherlich. In ganz bestimmte Richtungen zu denken, die er vielleicht so nicht gehabt hätte.

SPRECHER 1:
In einem frühen Brief an Jaspers, in dem es um die schon erwähnte „Schuldbroschüre“ des Philosophen geht, gibt Hannah Arendt ein Beispiel für ihre Sicht der intellektuellen Zusammenarbeit, die sich zwischen ihr und „Monsieur“, so der ironische Beiname für Heinrich Blücher, herausgebildet hat. Gleichzeitig macht sie auf die Grenzen dieser Zusammenarbeit aufmerksam. Zum einen stellt stellt sie die „wir“ Form, in der sie argumentiert, in Anführungszeichen, zu sehr scheut sie zurück vor der dadurch implizierten – zumindest teilweisen – Beschränkung der jeweils ganz eigenen Leistung des kritischen Geistes. Und sie ergänzt die in der „wir“-Form vorgebrachte Kritik durch eine darüberhinausgehende persönliche Randbemerkung. Die im übrigen – bereits 1946 – ahnen läßt, mit welcher Haltung Hannah Arendt später dem bürokratischen Massenmörder Eichmann gegenübertreten wird.

SPRECHERIN:
Ich habe so lange nicht geschrieben, weil ich mir die „Schuldfrage“ wieder und wieder durch den Kopf habe gehen lassen und mit Monsieur ausführlichst von neuem diskutiert habe. Was nun folgt, müßte eigentlich im „wir“ geschrieben werden – was mir irgendwie gegen den Geschmack geht. Also, „wir“ sind natürlich in allen wesentlichen Punkten sehr einverstanden und sehr dankbar nicht nur für die Klärung, sondern auch für die implizierte Erklärung einer psychologischen Situation, die von ferne doch sehr schwer zu realisieren ist. Einverstanden, aber mit einigen Einschränkungen und Zusätzen. Monsieur vor allem insistiert, daß ein Ãœbernehmen der Verantwortung in mehr bestehen müsse als in dem Akzeptieren der Niederlage und der damit verbundenen Konsequenzen. Er sagt seit langem schon, daß ein solches Ãœbernehmen der Verantwortlichkeit, das ja eine Vorbedingung für die Weiterexistenz des Volkes (nicht der Nation) ist, mit einer positiven politischen Willenserklärung an die Aderesse der Opfer verbunden sein müsse. Das soll natürlich nicht heißen, daß man versucht gutzumachen, wo nichts mehr gutzumachen ist; wohl aber, daß man z. b. den „displaced persons“ sagt: Wir verstehen sehr gut, daß Ihr raus und nach Palästina wollt; abgesehen davon aber, sollt Ihr wissen, daß Ihr hier alle Rechte habt, daß Ihr auf unsere volle Hilfe zählen könnt, daß wir in einer künftigen deutschen Republik unsere Abkehr vom Antisemitismus in Erinnerung dessen, was durch Deutsche dem jüdischen Volk geschehen ist, konstitutionell festlegen werden, etwa so, daß jeder Jude, gleich wo er geboren ist, jederzeit, wenn er will, und allein auf Grund seiner jüdischen Nationalität gleichberechtigter Bürger dieser Republik werden kann, ohne darum aufzuhören, ein Jude zu sein.
Ich habe nun noch folgendes auf dem Herzen: Mir ist ihre Definition der Nazi-Politik als Verbrechen („kriminelle Schuld“) fraglich. Diese Verbrechen lassen sich, scheint mir, juristisch nicht mehr fassen, und das macht gerade ihre Ungeheuerlichkeit aus. Für diese Verbrechen gibt es keine angemessene Strafe mehr; Göring zu hängen ist zwar notwendig, aber völlig inadäquat. Das heißt, diese Schuld, im Gegensatz zu aller kriminellen Schuld, übersteigt und zerbricht alle Rechtsordnungen.

SPRECHER 1:
Als sich später der Sturm über Hannah Arendts Kopf zusammenzieht, als selbst gute Freunde sich wegen ihres Berichts über „Eichmann in Jerusalem“ von ihr abwenden, bleibt Heinrich Blücher als unbedingter Rückhalt. Überhaupt: Wenn man die Briefe liest, die Arendt und Blücher sich geschrieben haben, dann gewinnt man den Eindruck, daß es insgesamt doch eine sehr glückliche Ehe war. Lotte Köhler stimmt zu:

BAND TAKE NEUN:
Ja, das würde ich sagen. Das würde ich sagen. Ich glaube nicht, daß Heinrich, daß es irgendeine wie auch immer von ihm verehrte Frau gegeben hätte, für die er sich hätte scheiden lassen. Das glaube ich nicht. Wenn da auch vielleicht jemand, na, in jeder Ehe kommen da so Wellen, Krisen oder so etwas, das war für ihn einfach das Gegebene, im Leben.

SPRECHER 1:
Und die letzte Frage an Lotte Köhler: Was war das, was die beiden so zusammenhalten ließ?

BAND TAKE ZEHN:
Ich glaube, was ich überhaupt glaube, für gute Ehen entscheidend ist, daß sie sich über die wichtigsten Dinge des Lebens einig waren. Nicht nur etwa über, wie Staaten aufzubauen sind oder über Vorlieben in der Literatur, sondern auch, was es mit Gott, Freiheit und Unsterblichkeit, wie ich immer mit meinem Mann sage, alte Kant Geschichte, was es damit auf sich hat. Und was für Ansichten man darüber hat, und die Bedeutung. Daß sie darin wirklich eine grundlegende, unerschütterliches Verständnis, also die gleichen Ansichten darüber hatten. Daß das, das Tragende war, glaube ich.

SPRECHER 1:
Hannah Arendt in ihren Büchern, Heinrich Blücher in seinen Vorlesungen, beide haben versucht, etwas Neues zu beginnen. Und das in einer Situation, die kaum dazu geeignet schien: in der Emigration, in der Fremde, in einer Zeit, die von Angst vor dem aktuellen Totalitarismus draußen und dem drohenden bürokratischen Totalitarismus drinnen erfüllt war. Vielleicht konnten sie den Versuch nur wagen, weil sie sich hatten.

SPRECHERIN:
Sieh, Liebster, ich habe immer gewußt – schon als Gör -, daß ich wirklich nur existieren kann in der Liebe. Und hatte gerade darum solche Angst, daß ich einfach verloren gehen könnte. Und als ich Dich dann traf, da hatte ich endlich keine Angst mehr – nach jenem ersten Schreck, der eigentlich immer noch ein Kinderschreck war und sich nur erwachsen aufspielte. Immer noch scheint es mir unglaubhaft, daß ich beides habe kriegen können, die „große Liebe“ und die Identität mit der eigenen Person. Und habe doch das eine erst, seit ich auch das andere habe. Weiß aber nun endlich auch, was Glück ist.