Klaus Fuchs, der Atomspion

Manuskript: Maximilian Preisler
für Radio Kultur (SFB/ORB)
Klaus Fuchs, der Atomspion
Ein Fall von kontrollierter Schizophrenie, untersucht in 12 Kapiteln von Maximilian Preisler.
MUSIKAKZENT

AUTOR:
Kapitel 1: Ich halte hier in meinen Händen eine Liste…

ERSTER SPRECHER:
Allen Weinstein, für Ihr Buch über die sowjetische Spionage in Amerika haben Sie bisher unzugängliches KGB Material einsehen können. Wurden die USA denn tatsächlich extensiv ausspioniert in den 30er und 40er Jahren?

ZWEITER SPRECHER:
Sehr ausgiebig. Vor allem während der Zeit des Krieges hatten die Russen Top Agenten im Außenministerium, im Wirtschaftsministerium, im OSS, dem militärischen Abschirmdienst, sie hatten mit Lachlan Currie einen Agenten in der Nähe von Roosevelt, er war einer der Berater des Präsidenten, und auch noch in anderen Regierungsinstitutionen hatten sie Zuträger. Auf drei Arten konnten die Sowjet also profitieren: mit Hilfe der Informationen aus den Regierungsstellen konnten sie sich ein klares Bild über den Gang der amerikanischen Politik machen, zweitens erhielten sie wichtige Informationen über die Entwicklung der Waffen und Kriegsgeräte. Und dann drittens natürlich die Atomspionage, vor allem durch David Greenglass, Theodore Hall und – Klaus Fuchs.

SPRECHERIN:
Klaus Fuchs, ein junger, deutscher Kommunist, in Deutschland von den Nazis verfolgt, flieht vor Hitler nach England, und wird dort an den besten Universitäten des Landes ausgebildet. Seine Fähigkeiten als Physiker und Mathematiker werden bald von jenen staatlichen Stellen erkannt, die an der Entwicklung einer britischen Atombombe arbeiten. Fuchs, vor die Entscheidung gestellt, entweder seinem neuen Heimatland gegenüber loyal zu sein oder sich als treues Parteimitglied zu beweisen, entscheidet sich dafür, die Ergebnisse seiner Arbeit an einen russischen Agenten weiterzugeben. Er knüpft auch in den USA, wohin er bald geschickt wird, Kontakte zum sowjetischen Geheimdienst und leistet unbezahlbare Arbeit für die Genossen in Moskau. Sein Arbeitsort in jener Zeit: Los Alamos, New Mexico, der Ort an dem die amerikanische Atombombe entwickelt wird.

ERSTER SPRECHER:
Er leistet unbezahlbare Arbeit – auch unbezahlte Arbeit, Fuchs wies es weit von sich, Geld oder „Geschenke“ für sein Ausspionieren entgegenzunehmen. Harry Gold, er war in Amerika der Agentenführer von Klaus Fuchs, in seiner Aussage vor dem FBI im Jahr 1950:

ZWEITER SPRECHER
An Weihnachten gab ich Klaus als Geschenk eine sehr feine Brieftasche. Von „John“ hatte ich auch die Summe von 1500 $ erhalten, die ich Klaus übergeben sollte. Meine Instruktionen lauteten, ich solle nicht aufdringlich sein, ihm nicht zu nahe treten und unter keinen Umständen sollte ich auf der Übernahme des Geldes bestehen oder daraus eine wichtige Sache machen. Klaus akzeptierte die Brieftasche, schaute jedoch einigermaßen bestürzt drein, und als ich sehr vorsichtig fragte, ob er Geld für sich selbst oder für seine Schwester gebrauchen könne, war seine Antwort so kalt und endgültig, daß ich die Sache fallen ließ. Es war offenkundig, daß ihn schon meine Erwähnung von Geld verletzt hatte.

SPRECHERIN:
Geständnis von Klaus Fuchs, niedergeschrieben am 27. Januar 1950 im britischen Kriegsministerium, in Gegenwart von William J. Skardon, Mitarbeiter von MI 5.

DRITTER SPRECHER:
Als ich 1941 von der Natur meiner Arbeit erfuhr, entschloß ich mich, Russland zu infomieren. Damals hatte ich vollkommenes Vertrauen in die russische Politik und ich war überzeugt, die westlichen Alliierten zielten bewußt darauf ab, daß Russland und Deutschland bis zur Vernichtung gegeneinander kämpfen sollten. Ich hatte daher keine Hemmungen, ihnen alle Informationen zu geben, die ich besaß. Allerdings versuchte ich im wesentlichen nur die Ergebnisse meiner eigenen Arbeit zu übermitteln.

ERSTER SPRECHER:
Mr. Weinstein, aus welchen Motiven handelten die Spione damals? Sie wollten ja wohl kein Geld?

ZWEITER SPRECHER:
Nein, es gab generell andere, unterschiedliche Motive. Einige waren überzeugte Kommunisten, sie glaubten, daß die Sowjetunion die Hoffnung der Menscheit darstellte. Andere wollten vor allem den aggressiven deutschen Faschismus stoppen, der auf einen Krieg hinführte, und dann gab es einige, die für den New Deal gearbeitete hatten, denen diese Politik zu langsam voranging, und die einen radikalen, schnellen Wandel erreichen wollten.

ERSTER SPRECHER:
Also hatte Senator Joseph McCarthy doch recht, als er vor der Unterwanderung Amerikas durch russische Spione warnte?

ZWEITER SPRECHER:
McCarthy kam fünf Jahre zu spät. Im November 1945 war die sowjetische Spionin Elizabeth Bentley bereits zum FBI übergelaufen. Und die andere Seite erfuhr dies durch einen weiteren Spion, Harold Kim Philby, der sich im englischen Geheimdienst als „Maulwurf“ hochgedient hatte. Daraufhin hat Moskau sofort seine Netzwerke in Amerika abgebaut und die russischen und amerikanischen Agenten haben sich in Sicherheit gebracht. Als McCarthy 1950 auf der Bühne erschien und seine Papiere schwenkte, die beweisen sollten, daß Hunderte von Kommunisten im Außenministerium und in anderen Regierungsinstitutionen sitzen, da war das purer Unsinn.

MUSIKAKZENT:

AUTOR:
Zweites Kapitel: Eine deutsche Kindheit

DRITTER SPRECHER:
Ich wurde in Rüsselsheim geboren, am 29. Dezember 1911. Mein Vater war Pfarrer und ich hatte eine sehr glückliche Kindheit. Eine Sache ist mir vor allem im Gedächtnis geblieben, mein Vater sagte uns immer, wir sollten unseren eigenen Weg gehen, auch wenn er nicht mit diesem Weg einverstanden war. Er selbst focht viele Kämpfe aus, weil er das tat, was ihm sein Gewissen vorschrieb.

SPRECHERIN:
Der Vater des Atomspions: Emil Fuchs, protestantischer Pfarrer, zuerst im aufstrebenden Industrieort Rüsselsheim, dann längere Zeit in der durch Arbeiterschaft und Bürgertum gleichermaßen geprägten Stadt Eisenach. Als junger Mann war der angehende Pfarrer nach England gekommen – und war tief beeindruckt.

ZWEITER SPRECHER:
Das aber gehört durchweg zum Großen, was man in diesen englischen religiösen Kreisen erlebte – ganz besonders in diesen der freikirchlichen Bewegung – : die unbedingte Unabhängigkeit der Kirchen und ihrer Prediger. Wie klar und schroff nahmen sie Stellung zu den Fragen des öffentlichen, des sozialen, des politischen Lebens.

SPRECHERIN:
Klar und schroff – so verhielt sich der Vater bald schon selbst. In Rüsselsheim empört er sich über die herablassende Art des Almosengebens durch die erste Dame des Ortes, die Rätin von Opel. In Eisenach stößt er viele Gemeindemitglieder vor den Kopf, als er freundschaftliche Bande zu englischen Quäkern schließt, und das wenige Jahre nach dem Ende des Krieges, in einer Phase des allgemeinen Wunden-Leckens in Deutschland, und als er verkündet, von nun an auch in der Sozialdemokratischen Partei mitzuarbeiten, für die bürgerlich-nationalistischen Eisenacher ein Affront. Die Idylle des Pfarrhauses –

ZWEITER SPRECHER:
Meine Kinder waren älter als die Durchschnittskonfirmanden. Was ich in einer gewöhnlichen Konfirmandenstunde behandelte, war ihnen längst bekannt. Sie lebten mit ganz anderen Problemen in einem Hause, durch das dauernd Gäste gingen, mit denen am gemeinsamen Mittagstisch alle Frage geistigen, religösen und sozialen Lebens besprochen wurde. Für sie wäre eine Konfirmandenstunde, wie man sie anderen Kindern bieten muß, eine Qual gewesen, verbunden mit der Gefahr, alles Religiöse zur Langweile zu machen. … Ich besprach vor dem versammelten Kreis eine Reihe wichtiger Bibelstellen mit ihnen, die sie auswendig sagten, dann folgte die Konfirmation und das Abendmahl. Diesen Tag brachten wir ganz in der Stille mit unseren Kinden zu. Am folgenden Sonntag aber luden wir jedesmal unsere Freunde ein. Die Kinder führten ihnen ein ernstes Spiel vor, selbstgedichtet. Es war einmal eine Umformung des „Parzifal“ und einmal das Spiel „Wovon die Menschen leben“ nach Tolstoi. Dann waren mit ihnen fröhlich zusammen, in Haus und Garten.

SPRECHERIN:
Die Idylle des Pfarrhauses wurde überschattet durch Widrigkeiten der Welt draußen. Emil Fuchs nahm Partei und die kleinbürgerliche Stadt rächte sich – auch an den Kindern.

ZWEITER SPRECHER
Klaus, mein drittes Kind und zweiter Sohn, litt weniger unter der Vereinsamung, vor allem, da er sehr zurückgezogen war, sehr klug und ein in allen Fächern ein glänzender Schüler. Da seine Mitschüler jedesmal bei ihm saßen, wenn eine Arbeit zu schreiben war, besonders in Mathematik, und er immer bereit war zu helfen, war er angesehen. Mathematik war ihm wie angeboren, aber auch in allen andren Fächern hatte er durch seine ganze Schulzeit nur sehr gute Noten. Als 1928 das zehnjährige Bestehen der Republik gefeiert wurde, war das Buch von deren Geschichte dem besten Schüler einer jeden Stadt als Prämie bestimmt. Jede Stadt mit höheren Schulen bekam ein Exemplar. Man erkannte Klaus den Preis zu, also als besten Schüler Eisenachs. Er kam nach Hause und sagte so nebenbei: „Ich habe auch den Preis bekommen!“ „Na,“ sagte ich, „da kannst du aber stolz sein!“ „Nein,“ sagte er, „ich bin es nicht. Als die Schulfeier zu Ende war, kam der Direktor an meiner Bank vorbei und sagte: „Klaus, kommen Sie einen Augenblick mit mir auf mein Zimmer.“ Dort unter vier Augen gab er mir das Buch!“ – Der Junge war tief beleidigt. Er fühlte wohl, daß man ihm, dem Sohn des Sozialdemokraten, nicht öffentlich den Preis überreichen wollte. Sollte man sich beschweren? Das wäre nur als Eitelkeit ausgelegt worden.

MUSIKAKZENT

AUTOR:
Drittes Kapitel: Die roten Füchse

SPRECHERIN:
Unter dem Titel „Mein Leben“ veröffentlichte Emil Fuchs nach dem Krieg seine Memoiren. Voller Stolz spricht er von den politischen Aktivitäten seiner Kinder, die den Vater zu Beginn der 30er Jahre politisch links überholten.

ZWEITER SPRECHER:
Da sie alle sehr begabt waren und die beiden Söhne gute Redner, wurden sie von der KPD in der politischen Agitation sehr stark eingesetzt und waren weithin bekannte, geliebte und gehaßte Persönlichkeiten geworden. Ich erinnere mich, als ich einmal einen großen Demonstrationszug der KPD vom Fenster her vorbeiziehen sah, wie der Parteisektretär, dem sie zur Rechten und Linken gingen, stolz zu mir heraufwinkte und dann seine Arme um ihre Schultern legte. Es war mir ein Sinnbild der Hingabe der drei an ihre gewaltige Zielsetzung. Wie liebten und bewunderten sie Thälmann, zu dessen Versammlungen sie immer gingen, wenn er in der Nähe sprach! Wie glühten sie im Bewußtsein, daß durch die große Katastrophe hindurch eine machtvolle Zufkunft für die Sache des Kommunismus aufsteige! Dabei täuschten sie sich nicht über die Schwere der nun bevorstehenden Zeit.

ERSTER SPRECHER:
Eine verräterische Passage, deutlich spürt man ihr an, wann und wo sie geschrieben wurde: 1959 in der DDR. Die „Hingabe“ der Kinder an die ideologisch schon damals sehr fragwürdige „gewaltige Zielsetzung“ – hatten nicht gerade die Kommunisten gemeinsam mit den Nazis einen Streik in Berlin initiiert, der gegen die „Bonzen“ aus der Partei des Vaters, die SPD, gerichtet war? Und daß „durch die große Katastrophe hindurch eine machtvolle Zukunft für die Sache des Kommunismus aufsteige“ – diese Vermutung war nicht nur gefährlich, denn sie unterschätzte die Attraktivität der Nationalsozialisten bei weitem, diese Dummheit führte auch dazu, daß die wenigen und widersprüchlichen Angebote der SPD, den Nationalsozialismus gemeinsam zu bekämpfen, von der KPD hochnäsig zurückgewiesen wurden. Ein paar Monate hätte man Hitler zu ertragen, dann würde die große Revolution sich Bahn brechen, das war der Irrglaube vieler Kommunisten – vor allem der bestimmenden Kader aus der Sowjetunion.

SPRECHERIN:
Emil Fuchs hatte 1931 den Ruf auf eine Professur an der Universität Kiel erhalten. Er war einer der ersten Professoren dort, die nach der Machtergreifung der Nazis entlassen wurden, später wurde er festgenommen und mehrere Wochen von der Gestapo verhört. Ein weiterer Grund für seine beiden Söhne und die ältere Tochter den politischen Kampf gegen die Nationalsozialisten fortzusetzen, allerdings auch: sich den Anordnungen der kommunistischen Partei zu unterwerfen.

ZWEITER SPRECHER:
Die nationalsozialistischen Studenten hatten vom Rektor der Universität die große Halle der Universität zu einer Wahlversammlung gefordert, die er ihnen verweigern mußte, da sie statutengemäß nicht für politische Versammlungen gegeben werden durfte. Da umlagerten sie einige Tage lang die Universität. Mein Sohn Klaus kam mit seinen Büchern, um ins Kolleg zu gehen. Da schrien sie: „Werft ihn in die Förde“. (Die Universität liegt an der Förde.) Er rannte davon und konnte in ein Haus von Bekannten flüchten, in dem sich gerade Elisabeth befand. Diese erzählte mir alles, er nie. Am anderen Tag kam er wieder mit seinen Büchern, ging durch den Ring und man ließ ihn durch. Das hatte doch Achtung geschafft.

SPRECHERIN:
Die “roten Füchse“, so wurden die Mitglieder der Familie bereits in Eisenach genannt, als Reaktion auf einen öffentlichen Akt des Vaters, der im Talar den Trauerzug von ermordeten Kommunisten anführte, und dieser Name blieb an den Kindern in Kiel haften, die „roten Füchse“ gingen wie viele andere Kommunisten in den Untergrund. Der Vater blieb allein zu Hause zurück. Seine Beschreibung eines Polizeieinsatzes auf der Suche nach den Untergetauchten macht noch einmal das geistige Klima des Elternhauses deutlich – eine Mischung aus drei unterschiedlichen, auch gegensätzlichen Ãœberzeugungen: sozialistischem bzw. kommunistischem Gedankengut, pazifistischer Grundeinstellung und einer gehörigen Portion gut-bürgerlicher Naivität. Nicht zu übersehen: die allem zugrunde liegende, unbedingte Glaubensbereitschaft

ZWEITER SPRECHER:
Kaum waren die Kinder weg, da erschien Polizei zur Haussuchung. Sie fanden keine Waffen. Es war zwischen mir und meinen Kindern selbstverständlich, daß wir nur mit geistigen Waffen fochten und es in unserem Hause materielle Waffen nicht gab. Sie fanden aber sehr viele Bücher, die sie auf einen gewaltigen Haufen in meinem Zimmer warfen und mitnehmen wollten. Alles, was von Karl Marx, Firedrich Engels, Lenin und Stalin zu haben war, hatten wir, dazu sehr viel andere Literatur politischer und volkswirtschaftlicher Art. Es war starker Regen, und ich sah den Haufen guter Bücher. „Wollen Sie die alle auf diesen offenen Lastwagen werfen?“ „Natürlich“, sagten sie. Da gab ich ihnen einen guten Schließkorb dazu, um die Bücher zu schonen. Weder ihn noch sie sah ich wieder. – Aber welche Illusionen hatte man immer noch!!

SPRECHERIN:
Es ist schwer zu sagen, ob der Traum, den Emil Fuchs an dieser Stelle seiner Memoiren schildert, tatsächlich einen Alptraum wiedergibt, der ihn 1933 quälte, oder ob es nicht eine spätere Idee ist, die dem Vater im nachhinein als Rationalisierung dienlich war:

ZWEITER SPRECHER:
In einer Nacht wachte ich aus wüstem Traume auf und sah vor meinem Bett die blutüberströmten Körper von Klaus und Elisabeth liegen.Schreiend sprang ich aus dem Bett zur Tür. Angeklammert an den Türpfosten hörte ich eine Stimme, die fragte: „Was willst du? Sollen sie ihre Überzeugung verleugnen?“ Ich konnte nur antworten: „Sie sollen den Weg ihres Gewissens gehen! Das andere ist in Deiner Hand!“

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AUTOR:
Viertes Kapitel: Eine protestantische Pfarrersfamilie.

SPRECHERIN:
Waren es tatsächlich nur die Widrigkeiten der Welt draußen, die Schatten warfen auf die Idylle der Familie? Schatten, die sich schließlich zu dunklen Wolken ballten, aus denen Blitze herabfuhren. Oder entstanden die Blitze im Innern der Familie selbst? Wächst in diesen protestantischen Pfarrersfamilien etwas mit, das sich zu irgendeinem Zeitpunkt gewaltsam entladen muß? Welche Zusammenhänge etwa bestehen zwischen den Familien Nietzsche, Ensslin und Fuchs?

ERSTER SPRECHER:
Das Leben der Familie Fuchs böte Stoff für gleich mehrere Tragödien. Nur kurz sollen einige Schicksale skizziert werden. Die Mutter von Klaus Fuchs verübte 1931 Selbstmord, nur kurze Zeit vorher hatte das Ehepaar das Fest der silbernen Hochzeit gefeiert. Sie schluckte Salzsäure und rief auf ihrem Sterbebett: Mutter, ich komme – auch ihre Mutter hatte dem Leben selbst ein Ende gesetzt. Emil Fuchs, selbst nach 1933 mehrere Monate inhaftiert, konnte viele Menschen vor den Nazi-Häschern verbergen, mit seinen Verbindungen ins europäische Ausland, vor allem durch seine Bekanntschaft mit anderen Quäkern, half er Juden und auch politisch Verfolgten über die Grenzen zu gelangen. Als die Situation in Berlin für ihn zu gefährlich wurde, ging er auf das Land nach Österreich, kam jedoch nach Kriegsende sogleich wieder zurück nach Deutschland und ließ sich in Frankfurt am Main nieder. Unzufrieden mit dem „Schneckengang“ der SPD folgte er einem Ruf an die Universität Leipzig, lehrte Theologie, unterstützte den „Aufbau des Sozialismus“, und war mehrere Jahre Berater Ulbrichts in Angelegenheiten der protestantischen Kirche.

SPRECHERIN:
Der älteste Sohn Gerhard war schon bald nach der Machtergreifung im Januar 1933 in Deutschland untergetaucht, später in die Schweiz geflüchtet und konnte sich nie erholen von der Zeit der Verfolgung, er starb, noch jung an Jahren. Seine Frau wurde verhaftet und gebar im Gefängnis einen Jungen. Sie zog ihn nach ihrer Entlassung alleine auf – der Junge ertrank mit 12 Jahren beim Baden. Elisabeth, die ältere der beiden Schwestern – sie wollte Malerin werden – heiratete einen Kommunisten, der schon bald wegen seiner illegalen Tätigkeit in das Arbeitslager Roßlau eingeliefert wurde. Mit Hilfe seiner Frau konnte er auf abenteuerliche Weise fliehen und tauchte erneut unter, doch die nervlichen Anspannungen waren für Elisabeth zuviel. In Gegenwart des Vaters warf sie sich aus dem fahrenden Zug. Der Großvater war nun verantwortlich für das einzige Enkelkind, einen Jungen, den er alleine erzog. Nur die jüngere Schwester, die nach Amerika emigrierte, schien von dem Familien-Unglück ausgespart zu bleiben. Von der Atomspionage ihres Bruder wußte sie wohl nichts, im Nachhinein allerdings verteidigte sie seine Taten vehement: Er wollte Frieden schaffen, so wie der Vater.

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AUTOR:
Fünftes Kapitel: Die zwei Karrieren des Klaus Fuchs.

ERSTER SPRECHER:
Klaus Fuchs war zweiundzwanzig, als er aus Deutschland flüchtete. Ãœber Paris ging er nach England, hier fand er Zuflucht bei einer Quäker Familie. Seine Studien beendete er mit gleich zwei Dissertationen, eine in Mathematik, die andere im Fach theoretischer Physik. Im Jahr 1941, als die Furcht in der britischen Gesellschaft vor einer bald bevorstehenden Landung deutscher Truppen und einer möglichen Unterstützung durch eine fünfte Kolonne im eigenen Land zunahm und schließlich hysterische Züge annahm, wurde Fuchs wie fast alle anderen Emigranten – oder auch deutsche Nazi-Vertreter in England – als „enemy alien“ klassifiziert und zuerst auf der Insel Man und dann ein knappes Jahr in Kanda interniert.

SPRECHERIN:
Bereits 1940 hatten Rudolf Peierls, ein Lehrer von Fuchs, und der Physiker Robert Frisch, beide ebenfalls deutsche, bzw. österreichische Emigranten, ein Memorandum bei der britischen Regierung über den möglichen Bau eine Atombombe eingereicht, sie fürchteten, daß Nazi-Deutschland bereits auf dem Weg zur Bombe war. Nun kam es zu ersten Untersuchungen, vorwiegend theoretischer Arbeiten. Fuchs wurde auf Initiative Peierls freigelassen, er konnte nach England zurückkehren und erhielt 1942 sogar die britische Staatsbürgerschaft, ein Privileg, das zu jener Zeit nur einer Handvoll deutscher Emigranten vergönnt war.

ERSTER SPRECHER:
Die profunden Kenntnisse des jungen Wissenschaftlers und seine von den Kollegen immer wieder gelobte Verläßlichkeit gaben den Ausschlag – als Peierls ein wissenschaftliches Team zusammenstellte, das nach Amerika gehen sollte, um dort die Arbeit fortzusetzen, war Fuchs mit von der Partie. Beim sogenannten Manhattan Projekt, an der Columbia University und später in New Mexico, ging die Fortentwicklung der Theorie der Atomspaltung Hand in Hand mit der praktischen Umsetzung der wissenschaftlichen Vorarbeiten. Das Spezialgebiet von Klaus Fuchs im hochqualifizierten Team: Die Theorie der Implosion der Atombombe.

SPRECHERIN:
Eine ausgewählte Elite von Wissenschaftlern versammelte sich an einem weltabgeschiedenen Ort, der später einen legendären Ruf erhalten sollte: Los Alamos. Zwölf Nobelpreisträger waren hier versammelt, das Durchschnittsalter lag bei nur 25 Jahren. Robert Oppenheimer, der Chef des Labors, war mit 39 Jahren der älteste. An zwei Prototypen der Atombombe wurde gearbeitet, beide wurden im Krieg gegen Japan eingesetzt, die erste Bombe zerstörte Hiroshima, die zweite wurde über der Stadt Nagasaki gezündet. Parallel zu der Entwicklung der Atombombe wurde die Arbeit an einer Super-Bombe, der H-Bombe vorangetrieben. Auch hier nahm Klaus Fuchs an Diskussionen und Symposien teil, jedoch der Durchbruch bei dieser Forschung gelang erst, als Fuchs wieder nach England zurückgekehrt war. Dort war der von seinen Mitarbeitern immer als zurückhaltend, eher steif, und unnahbar geschilderte Physiker Fuchs in herausragender Position in Harwell beim Bau einer eigenen britischen Atombombe tätig.

ERSTER SPRECHER:
Parallel dazu muß die zweite „Karriere“ von Klaus Fuchs gesehen werden. 1941 wandte er sich an den Leiter der KPD in England, Jürgen Kuczynski. Er wolle der Sowjetunion helfen, die von den Nazi-Armeen überfallen worden war. Wie er die Ergebnisse seiner wissenschaftlichen Arbeiten dem bedrohten Land zur Verfügung stellen könne. Kuczynski zögerte nicht lange, zumal er selbst mit Geheimaufträgen im Auftrag der illegalen Leitung der KPD in Paris durchaus seine Erfahrung hatte, und riet Fuchs, sich einem Vertreter der sowjetischen Botschaft anzuvertrauen. Als Agentenführer wurde schließlich eine Frau mit dem Kodenamen Sonja ausgewählt – Jürgen Kuczynskis Schwester Ursula.

SPRECHERIN:
In einem als großes Interview angelegten Erinnerungsband spricht Jürgen Kuczynski, geboren 1904, der sich vor allem einen Namen als Statistiker und Wirtschaftsfachmann der Arbeiterbewegung einen Namen machte, von seinem „Freund“ Klaus Fuchs.

ERSTER SPRECHER:
Es heißt ja, daß Ihre Schwester auch die Unterlagen der Atombombe an die Sowjetunion geliefert hat.

ZWEITER SPRECHER:
Mit Hilfe von Klaus Fuchs. Das habe ich vermittelt. Klaus war ja ein Genosse und kam nach seiner Ankunft aus der Schweiz natürlich zu mir, da ich politischer Leiter in England war. Wohl etwa 1942 hatte mir Bernal, mit dem ich gut befreundet war, ganz vage erzählt, daß man bei der Vorbereitung einer ganz gefährlichen, ungeheuer wirksamen Waffe war, das war alles, was ich wußte. Klaus Fuchs erzählte mir natürlich Näheres, den er war ja direkt daran beteiligt, und er fragte, ob das nicht wichtig für die Sowjetunion sei. Ich sagte selbstverständlich und gab ihm eine Verbindung zu einer Sowjetstelle, die ich kannte. Und diese Sowjetstelle brach dann – wahrscheinlich aus Vorsichtsgründen – den Kontakt zu ihm nach einer Weile ab. Er kam zu mir und fragte, was er machen solle, und da gab ich ihm die Verbindung zu meiner Schwester. Er hatte natürlich keine Ahnung, daß sie meine Schwester war, das hat er erst viel später in der DDR erfahren.

ERSTER SPRECHER:
Wie war das Verhältnis zwischen Fuchs und Ihrer Schwester?

ZWEITER SPRECHER:
Entschuldige, dies ist Geheimnis des Sowjetdienstes. Das ging mich nichts an. Nein, da waren wir beide recht streng. Ich half ihr, so weit ich konnte.

SRECHERIN:
Diese Darstellung des zum Zeitpunkt des Interviews 83jährigen ist weit überzogen, sowohl was seine eigene Rolle angeht, als auch die von Klaus Fuchs. Zu wenig wußte Fuchs in England vom Bau der Atombombe, zu gering waren insgesamt die Erkenntnisse der Forscher zu dieser Zeit, und „Sonja“ kannte Klaus Fuchs nur eine relativ kurze Zeit, konnte keineswegs das Geheimnis der Bombe weitergeben. Jürgen Kuczynski blieb zeit seines Lebens Kommunist, auch wenn er sich bei der Parteiführung oft unbeliebt machte. War er ein „linientreuer Dissident“? Auf jeden Fall konnte und wollte er seine großbürgerliche Erziehung nie abschütteln, im Gegensatz zu seiner Schwester.

ERSTER SPRECHER:
Ursula Kuczynski, alias „Sonja“, oder, wie sie sich später nannte, Ruth Werner, ging nach dem Krieg in die DDR. Wie ihr Bruder, der zwischenzeitlich sowohl für den amerikanischen Aufklärungsdienst OSS wie dessen russisches Gegenstück gewirkt hatte. Sie veröffentlichte in den 70er Jahren einen nicht nur in der DDR weit verbreiteten Erinnerungsband: „Sonjas Rapport“. Darin beschreibt sie in glühenden Farben ihr abenteuerliches Leben im Dienste der Sowjetspionage, vor allem ihre vielfältigen Aktivitäten in China, in der Schweiz und auch in England – doch von Klaus Fuchs ist darin kein einziges Mal die Rede. Die Geheimhaltungspflicht war ihr auch 1977, als „Sonjas Rapport“ in der DDR erschien, noch oberstes Gebot. In einer kurzen Notiz ging sie später auf ihre Treffen mit dem Ãœberbringer geheimer Nachrichten ein.

SPRECHERIN:
Klaus und ich verbrachten nie mehr als eine halbe Stunde miteinander, wenn wir uns trafen. Zwei Minuten wären genug gewesen, aber abgesehen vom Vergnügen an der Begegnung, war es weniger verdächtig, wenn wir einen kleinen Spaziergang unternahmen, als wenn wir uns gleich getrennt hätten. Wer nicht in solcher Isolation gelebt hat, kann nicht nachvollziehen, wie kostbar diese Treffen mit einem anderen deutschen Genossen waren.

ERSTER SPRECHER:
Voller Stolz erzählt „Sonja“ auch 1977 noch, daß sie für ihre Leistungen als Spionin als erste und einzige Frau zum Ehrenoberst der sowjetischen Streitkräfte ernannt wurde. Daß viele ihrer kommunistischen Freunde in den stalinistischen Säuberungen hingerichtet wurden, kommentiert sie dagegen trocken mit den Worten:

SPRECHERIN:
Es war die Zeit des Personenkults und der Verletzung sozialistischer Gesetzlichkeiten. Falsch wäre, diese Periode, die sich auf viele Menschen tragisch auswirkte, zu übergehen.

ERSTER SPRECHER:
Aber genau das tut sie – sie übergeht diese Periode. Und daß sich hinter der „Tragik“ jener Jahre ein gigantischer Massenmord verbarg, selbst eine überzeugte Kommunistin wie „Sonja“ hätte es spätestens nach Chrustschows Geheimrede 1956 wissen können – wissen müssen. Nur einmal in ihrem „Rapport“ kann man deutlich die Empörung der Autorin spüren: sie, die auf Parteiweisung eine Ehe beendete und eine zweite einging, die Freundschaften sofort abbrach, wenn es die Parteidisziplin verlangte, die ihre Kinder im Stich ließ, wenn es die Geheimhaltung erforderte, ausgerechnet diese ganz und gar gehorsame, ja übereifrige Soldatin der Weltrevolution erhält 1953 von der Partei eine schlechte Beurteilung wegen „kleinbürgerlicher Tendenzen“. Der Grund: sie hatte vergessen, einen Panzerschrank abzuschließen. „Ich wurde damit nicht fertig“, bekennt sie.

SPRECHERIN:
Von Sonja also erhielt Klaus Fuchs Instruktionen für sein weiteres Verhalten in seiner Rolle als Spion, sie stellte den Kontakt zu seinem amerikanischen Agentenführer Harry Gold her. Mit ihm traf sich Fuchs zuerst in New York, später auch in Santa Fe, einer Stadt in der Nähe des Forschungszentrums Los Alamos. Für Fuchs scheint es übrigens ein leichtes gewesen zu sein, Papiere aus dem geheimsten Forschungsort der USA herauszuschmuggeln. Er steckte sie in seine Jackentasche und verließ das Gelände.

MUSIKAKZENT

AUTOR:
Sechstes Kapitel: Enormos.

SPRECHERIN:
18 Jahre lang kopierte der KGB- Mitarbeiter Wassili Mitrochin in Moskau geheime Materialien über die Auslandsoperationen des russischen Geheimdiensts, 1992 gelang es ihm, mit Hilfe des britischen Geheimdienstes, sich selbst und seine Familie in den Westen zu retten, seine explosiven Daten konnte er ebenfalls aus Russland herausschmuggeln. Zusammen mit dem amerikanischen Publizisten Christopher Andrew veröffentlichte er sie in einem „Schwarzbuch des KGB“. Einer der Fälle, die nun neu bewertet werden konnten, betraf die Ausspionierung des Manhattan Projekts, im KGB Sprachgebrauch als Enormos bezeichnet. Die neuen Erkenntnisse relativieren die Rolle von Klaus Fuchs, man stellte fest, daß es noch einen zweiten Top-Spion in Los Alamos gegeben hatte, Ted Hall, ein physikalisches Wunderkind – er war erst 19 Jahre alt und noch Student in Harvard, als er gebeten wurde, an der Entwicklung der A-Bombe mitzuarbeiten. Und des weiteren verdeutlichen die neuen Unterlagen das Ausmaß der Spionage.

ZWEITER SPRECHER:
Auf Grund der Spionagetätigkeit von Hall und Fuchs sollte die sowjetischen Atombombe, die etwas mehr als vier Jahre später erfolgreich getestet wurde, ein exakter Nachbau der Bombe von Alamogordo werden. Dabei war es der Zentrale schwergefallen zu glauben, daß der Diebstahl von zwei Kopien der wahrscheinlich wichtigsten Geheimpläne in der amerikanischen Geschichte so unbemerkt vonstatten gehen konnte. Das schiere Ausmaß des Erfolges bei der Infiltration des Manhatttan-Projekts rief beim KGB die Befürchtung hervor, daß die Amerikaner seine Agenten bald entdecken würden.

SPRECHERIN:
Kurz und bündig fassen Andrew und Mitrochin das Enormos Projekt des KGB mit den Worten zusammen:

ZWEITER SPRECHER:
Die Beschaffung der Konstruktionspläne der ersten Atombombe war der größte Sieg, den der sowjetische Auslandsnachrichtendienst jemals in den USA erzielen konnte.

ERSTER SPRECHER:
J. Edgar Hoover, langjähriger Direktor des FBI, graue Eminenz der amerikanischen Politik über vier Jahrzehnte hinweg, brachte es schon früh auf eine griffige Formel, es wäre das Verbrechen des Jahrhunderts. Wie konnte es geschehen, daß die geheimste Formel der Welt innerhalb kürzester Zeit dem gefährlichsten Feind Amerikas bekannt werden konnte? Es mußte Spione geben im Land, überall, sie galt es aufzuspüren und unschädlich zu machen.

SPRECHERIN:
Das FBI präsentierte schon bald zwei Verdächtige. Ihre Namen: Ethel und Julius Rosenberg. Sie waren Kommunisten, sie waren Juden, sie schwiegen sich über ihre Hintermänner aus, wurden jedoch von David Greenglass, dem Bruder von Ethel Rosenberg schwer belastet. Wegen Hochverrats wurden die Rosenbergs verurteilt und – gegen den Protest vieler in der ganzen Welt, vor allem vieler Intellektueller – im Juni 1953 auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet.

ERSTER SPRECHER:
Mr. Weinstein, was haben sie in den KGB Akten über die Rosenbergs gefunden?

ZWEITER SPRECHER:
Eine der Ironien im Fall der Rosenbergs ist es, daß wir tatsächlich belastendes Material gefunden haben. Julius Rosenberg hat für die Russen spioniert und er hat Agenten geführt. Aber: das geschah alles – bis auf eine Ausnahme – nicht im Atombereich. Das hatte alles nichts mit der Atombombe zu tun. Die einzige Ausnahme: er hat Ethels Bruder David Greenglass rekrutiert, der war Maschinist in Los Alamos und hat den Russen Informationen gegeben. Es ist ganz offensichtlich: die Rosenbergs würden heute nicht mehr hingerichtet werden. Wahrscheinlich würde Ethel noch nicht einmal angeklagt werden können, denn die sowjetischen Akten haben gar keinen Kode-Namen für sie. Sie wurde einfach als Ehefrau von Julius geführt. Zweifellos wußte sie, was er tat, aber das war es denn auch schon.

SPRECHERIN:
Seinen Roman, in dem Robert Coover im fiktiven Gewand jene Tage voller Angst und Hysterie schildert, trägt den Titel: „The Public Burning“.

MUSIKAKZENT:

AUTOR:
Siebtes Kapitel: Gewissensbisse

SPRECHERIN:
„Nie haben wir materielle Waffen in unserem Hause gehabt, wir haben nur mit geistigen Waffen gekämpft“, so gibt der Vater von Klaus Fuchs zu Protokoll. Nun arbeitete sein im pazifistischen Sinn erzogener Sohn an einem Projekt mit, an dessen Ende die Herstellung und der Einsatz der furchtbarsten Waffe in der Menschheitsgeschichte stehen sollte. Ein einziges Mal scheint sich Klaus Fuchs über diese Schizophrenie ausgesprochen zu haben.

ERSTER SPRECHER:
Harry Gold, Aussage gegenüber FBI Agenten, im Juli 1950:

ZWEITER SPRECHER:
Das letzte Treffen mit Klaus in Santa Fe fand im September 1945 statt. Klaus kam zu spät zu unseremTreffen, weil er mit seinen Freunden und Arbeitskollegen eine Party in Los Alamos am gleichen Abend vorbereitete. Der Grund der Party war die Feier des Erfolgs beim Gebrauch von Nuklear-Energie als Waffe. Und während wir mit dem Auto von Santa Fe in die umgebenden Hügeln und die Wüste fuhren, erzählte mir Klaus er sei von tiefem Schrecken ergriffen, er habe es, offen gestanden, eher für möglich gehalten, daß das ganze Projekt aufgegeben worden wäre. Er habe völlig das industrielle Potential der USA unterschätzt, ein solch gigantisches Unternehmen fertig zu stellen. Er sei auch sehr besorgt wegen der schrecklichen Zerstörung, die die Waffe bewirkt habe.

ERSTER SPRECHER:
Diese Zweifel hinderten ihn jedoch nicht daran, sowohl in Los Alamos als auch wenig später in England an der „Weiter“-Entwicklung der Bombe mitzuarbeiten.

SPRECHERIN:
Wie sehr hat nun diese Ausspionierung den Bau der russischen Atombombe gefördert? Unterschiedliche Angaben werden von Wissenschaftlern auch heute noch darüber gemacht. Sicher ist, die Entwicklungszeit wurde verkürzt, die Vermutungen schwanken, von mehreren Monaten bis zu etlichen Jahren. Sicher scheint jedoch zu sein, daß die Sowjetunion einen Großteil des Weges zu einer Atombombe bereits erfolgreich abgeschlossen hatte. Ãœberrascht waren die westlichen Beobachter vor allem darüber, daß in der Sowjetunion die industriellen Voraussetzungen für den Bau einer solchen Waffe überhaupt gegeben waren. Allerdings: die erste Atombombe der Sowjetunion war ein Duplikat der amerikanischen Bombe. Und: Die Detonation der ersten russischen Atombombe hatte zur Folge, daß alle Ãœberlegungen amerikanischer Generäle, die Waffe auch im Koreakrieg einzusetzen, ad acta gelegt werden mußten. Zum Glück für die Menschheit kam es nicht zu einem „heißen“ Krieg, der leicht in einen dritten Weltkrieg hätte umschlagen können. Eine weitere Folge der Zündung der russischen Atombombe war – der kalte Krieg trat in eine neue Phase und rasch kam es zu einem kaum noch zu bändigenden Rüstungswettlauf.

MUSIKAKZENT:

AUTOR:
Achtes Kapitel: Ein Fall von kontrollierter Schizophrenie

ZWEITER SPRECHER:
Ich habe während des ganzen Gesprächs mit Klaus Fuchs das Gefühl gehabt, er wollte sich wirklich daran erinnern, welche Informationen er den russischen Agenten, mit denen er in Kontakt war, gegeben hat. Er wollte nichts zurückhalten. Im Gegenteil, er versuchte sein möglichstes, um mir ein Bild zu geben über die gegenwärtige Situation in Rußland, was die Entwicklung der Atomenergie dort angeht. Gestützt auf jene Informationen, die er weitergegeben hatte und auch jenen anderen Informationen, die er nicht weitergegeben hatte.
Dr. Michael Perrin, Atomphysiker, Ministry of Supply, London

ERSTER SPRECHER:
Amerikanischen Fachleuten war es bereits gegen Ende des Krieges gelungen, geheime Botschaften, die von New York aus nach Moskau gesendet wurden, zu entziffern. Auf diesem Weg kam das FBI auch Klaus Fuchs auf die Spur, die britische Spionageabwehr, die lange nicht auf Alarmsignale aus den USA reagiert hatte, und selbst von russischen Agenten durchsetzt war, wurde nun tätig – und wirklich gelang es einem ihrer Mitarbeiter Klaus Fuchs in langen Gesprächen zu einem Geständnis zu bewegen. Fuchs selbst hatte übrigens den offiziellen Vertreter des britischen Sicherheitsapparats in Harwell angesprochen, er war einer seiner engsten Freunde, und seine Sorge galt dem Umzug seines Vaters, der vom Westen in den Osten übergesiedelt war. Es war ein umfassendes Geständnis, das Klaus Fuchs ablegte, absurderweise weigerte er sich, vor seinem ersten Verhörer auch technische Details zu nennen – dieser habe keine geheimdienstliche „Clearing“-Stufe für solche Informationen. Auch von Reue ist die Rede, über die Tragweite seiner illoyalen Handlung scheint er sich allerdings auch zu diesem Zeitpunkt noch nicht im klaren gewesen zu sein:

DRITTER SPRECHER:
Ich weiß, daß ich nichts rückgängig machen kann, und ich weiß, daß ich jetzt nur eins tun kann: ich muß versuchen, den Schaden gut zu machen, den ich angerichtet habe. Harwell darf unter keinen Umständen darunter leiden, und für meine Freunde muß ich so viel wie möglich von dem zu retten suchen, was in meinen Beziehungen zu ihnen gut und wertvoll war.

SPRECHERIN:
Sein Tun und Handeln wußte Fuchs selbst nicht erklären. Wie er sein Leben unter englischen Freunden und Mitarbeitern, seine Arbeit an der amerikanischen und britischen A-Bombe und seine gleichzeitige Spionage für die Sowjetunion miteinander vereinbaren konnte, das schien ihm nun, im nachhinein, kaum mehr in Worten auszudrücken. Er rettete sich in eine Beschreibung seines Zustands, die am ehesten an eine literarische Fiktion denken läßt: an die Beschreibung, die Robert Louis Stevenson vom Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde entworfen hatte.

DRITTER SPRECHER:
Im Laufe dieser Arbeit fing ich natürlich an, persönliche Freundschaftsbande zu bilden, und diese mußte ich vor meinen inneren Gedanken verbergen. Ich benutzte meine marxistische Philosophie, um in meinem Geist zwei getrennte Abteilungen zu schaffen: in der einen erlaubte ich mir, Freundschaften zu schließen, persönliche Beziehungen zu haben, Menschen zu helfen und in jeder Weise die Art von Mensch zu sein, die ich sein wollte, so wie ich früher auf eine persönliche Weise mit den Freunden stand, die zur Kommunistischen Partei gehörten oder ihr nahestanden. Ich konnte mit andreren Leuten frei und gelöst und glücklich sein, ohne befürchten zu müssen, mich aufzudecken, weil ich wußte, daß die andere Abteilung eingreifen würde, wenn ich mich dem Gefahrenpunkt näherte. Wenn ich heute darauf zurückschaue, scheint mir, daß sie am besten zu erklären ist, wenn ich sie eine kontrollierte Schizophrenie nenne.

SPRECHERIN:
In ihrer Untersuchung „Der Verrat im XX. Jahrhundert“ bewertet Margaret Boveri diese Aussage wohlwollend, sie sagt, es zeige das Menschliche an Fuchs, seine Kontrolle sei zusammengebrochen, als die Freundschaften und die Gefühle der Zugehörigkeit sich vertieften, das Herz gegenüber dem Verstand an Kraft gewann. Ihre Gesamtbewertung seines Falles aber ist eindeutig: Fuchs habe allen Ernstes geglaubt, nachdem er nun seinen „Fehler“ gestanden habe, werde alles wieder gut. Immerhin hatte er ja seit einigen Monaten schon den Kontakt zu den Russen abgebrochen, er war krank geworden, hatte also Buße geleistet, wenn nun jemand die lästigen Geständnisse aufschreiben würde, ginge die Arbeit in Harwell weiter wie bisher. Margarete Boveris Kommentar: Dieses Verhalten hat etwas Rührendes. Man fühlt sich in die Kinderstube des Pfarrhauses zurückversetzt.

MUSIKAKZENT

AUTOR:
Neuntes Kapitel: Der Prozeß

ERSTER SPRECHER:
Fuchs wurde nun der Prozeß gemacht, jedoch es war ein eigentümlicher Prozeß.
Völlig ungewöhnlich für einen Fall dieser Tragweite war die Verhandlungsdauer: gerade einmal zwei Stunden reichten aus für den Vortrag des Vertreters des Staates und die Erklärung des Angeklagten: er sei schuldig, er habe nie die Freunde Harwell verletzen wollen und er hoffe, daß sein Geständnis als Teil der Sühne für seine Missetaten angesehen würde. Fuchs wurde zu 14 Jahren Haft verurteilt, das war die Höchststrafe nach britischem Recht, denn es wurde davon ausgegangen, daß Fuchs für eine befreundete Macht, eine damals, zu Zeiten des Verrrats noch befreundete Macht, nämlich die Sowjetunion, spioniert habe, es sich also nicht um Hochverrat handelte.

SPRECHERIN:
Wie wäre es Fuchs in einem anderen Land ergangen? Man kann sicher sein, daß seine Verurteilung in jedem Fall härter ausgefallen wäre. In den USA erhielt David Greenglass, der Maschinist aus Los Alamos, für die Weitergabe seiner – ziemlich oberflächlichen – Informationen eine Haftstrafe von 30 Jahren, weitere Mittäter wie Harry Gold und Morton Sobell wurden ebenfalls für lange Zeiten hinter Gittern geschickt. Schlimmer allerdings wäre es ihm in den Ländern jenseits des eisernen Vorhangs ergangen – man denke an das Schicksal von Noel Field, dem man Kontakte zu westlichen Geheimdiensten vorwarf oder an die Schauprozesse in Albanien, Bulgarien und Ungarn, in denen Männer aus nichtigem Grund zum Tode verurteilt wurden. Und nun gar Klaus Fuchs – der nicht nur seine Spionagetätigkeit gestanden hatte, sondern der auch dem FBI behilflich war, den Kontaktmann zu identifizieren, jenen Harry Gold, der die amerikanischen Behörden wiederum auf die Spur der Rosenbergs brachte! Auch die DDR kannte übrigens stalinistische Partei-Säuberungen, unter fadenscheinigen Vorwürfen wurden kleine und auch hochrangige Parteimitglieder, wie etwa Paul Merker, ausgeschlossen oder vor Gericht gestellt. Ihr „Vergehen“: sie hatten während der Zeit des „Dritten Reichs“ Exil im Westen gesucht. Fuchs hatte Glück – das liberale Strafrecht Englands bewährte sich auch in seinem Fall.

SPRECHERIN:
Selbst heute können nicht alle Rätsel um den Prozeß gegen Klaus Fuchs geklärt werden. Zwei plausible Hypothesen über das ungewöhnliche gerichtliche Verfahren gegen Fuchs sind im Umlauf.

ERSTER SPRECHER:
Zum einen: nur durch das Drängen des FBI war der britische Geheimdienst tätig geworden. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, daß Fuchs lange Zeit geschützt wurde durch Kräfte innerhalb von MI5, von Mitarbeitern, die, wie Kim Philby, der Leiter der Abteilung Gegenspionage, selbst wiederum für die Sowjetunion spionierten. Nach dieser Theorie hätte Fuchs auch leicht gewarnt werden können, hätte fliehen können, doch das sollte nicht sein, denn für die Sowjetunion war Fuchs nun, nachdem die eigene Atombombe gezündet war, nicht mehr so wertvoll wie die unentdeckten sowjetischen Agenten in den britischen Geheimdiensten MI5 und MI6 (englisch lesen!). Immerhin war Philby 1943 Stationschef des MI6 in Washington, DC, und seine Auftraggeber in Moskau konnten die Hoffnung auf eine weitere Karriere hegen, tatsächlich wurde der Sowjetspion Philby 1944 Chef der antisowjetischen Spionageabteilung. Ende der 40er Jahre koordinierte Philby sogar die Aktivitäten der britischen und amerikanischen Geheimdienste.

SPRECHERIN:
Die zweite Hypothese in Sachen Fuchs besitzt ebenfalls einen hohen Grad an Plausibilität: Die britische Regierung wollte den Fall Fuchs möglichst schnell und ohne große Nachfragen über die Bühne des Old Bailey bringen. Zu ärgerlich, zu gefährlich auch hätten Fragen wie diese werden können: Welches Verhältnis bestand zwischen John Strachey, dem Verteidigungsminister der Regierung Attlee, und Jürgen Kuczinsky, der Fuchs mit seinen Agentenführern bekannt machte? Seit wann wird in Harwell an einer eigenständigen britischen Atombombe gearbeitet? Und: Wieso wurden dem Parlament nie Pläne zur Bewilligung von Geldern für diese Arbeit vorgelegt?

MUSIKAKZENT

AUTOR:
Zehntes Kapitel: Loyalität – wem gegenüber?

ERSTER SPRECHER:
Klaus Fuchs gab zwar vor, im Interesse des Weltfriedens gehandelt zu haben, er habe der Sowjetunion helfen wollen, einen Gleichgewichtszustand mit den USA zu erreichen, um so die Gefahr eines Einsatzes der Atomwaffen gegen das Land abwehren zu können, doch dieser Begründung seines Handelns ist mit großem Mißtrauen zu begegnen. Nur oberflächlich betrachtet fügt sich Fuchs ein in die Reihe von Wissenschaftlern, die starke Bedenken gegen die Atombombe hatten.

SPRECHERIN:
An erster Stelle muß dabei Niels Bohr genannt werden. Bohr konnte im Herbst 1943 aus seinem Heimatland, dem von deutschen Truppen besetzten Dänemark, nach England entkommen, dort wurde er als Mitarbeiter für das anglo-amerikanische Atombombenprojekt geworben. Er konnte wissenschaftliche Ratschläge geben – und er erkannte als einer der ersten die politischen Implikationen dieser Entdeckung. Bohr sah auch schon sehr früh den zerstörerischen Rüstungswettlauf der siegreichen Alliierten nach der Beendigung der Kriegshandlungen voraus. In einem Memorandum an Präsident Roosevelt vom Juli 1944 schrieb Niels Bohr:

ZWEITER SPRECHER:
Seit die Möglichkeit nähergerückt ist, größere Mengen Atomenergie freizumachen, wurde immer wieder die Frage einer Kontrolle aufgeworfen. Aber je weiter die wissenschaftlichen Forschungen auf diesem Gebiete fortschreiten, desto klarer wird es, daß die für diesen Zweck üblichen Maßnahmen nicht genügen und daß sich die grauenerregende Aussicht auf eine Zukunft, in der sich die Nationen um diese furchtbare Waffe streiten werden, nur durch ein weltumspannendes, auf voller Ehrlichkeit beruhendes Abkommen vermeiden läßt.

ERSTER SPRECHER:
Die unermessliche Gefahr durch diese Waffe, die Einsicht, daß guter Wille allein nicht ausreichend ist und die drohende Gefahr eines nicht mehr beherrschbaren Rüstungswettlaufs führten Bohr zur Formulierung von weitreichenden Forderungen:

ZWEITER SPRECHER:
Um eine im geheimen vorbereitete Konkurrenz zu verhüten, ist es deshalb notwendig, Zugeständnisse zu machen: Informationen müssen ausgetauscht werden können, und bei allen industriellen und militärischen Planungen muß restlose Offenheit herschen. Derartige Zugeständnisse dürften jedoch kaum denkbar sein; es sei denn, alle Partner wären vor diesen Gefahren von nie dagewesener Größe durch eine ausgleichende Garantie allgemeiner Sicherheit geschützt.

ERSTER SPRECHER:
Bei Präsident Roosevelt stießen die Überlegungen Bohrs auf vorsichtig geäußerte Sympathie. Roosevelt ermunterte Bohr, sich auch an den britischen Premier Winston Churchill zu wenden. Als Bohr jedoch im gleichen Jahr mit Churchill und dessen wissenschaftlichen Berater Lord Cherwell zusammentraf, war das Treffen ein völliger Fehlschlag. Churchill verstand nur, wollte nur verstehen, Bohr sei bereit, den Russen die Geheimnisse der Atombombe mitzuteilen. Churchills Reaktion war vehement:

ZWEITER SPRECHER:
Ich glaube, daß Bohr eingesperrt werden sollte. Oder man müßte ihm zumindest klar machen, daß er am Rande eines tödlichen Verbrechens steht.

SPRECHERIN:
Churchill lehnte Bohrs Vorschlag rundum ab, und da zu dieser Zeit das Quebec Abkommen noch in Kraft war, das England ein Mitspracherecht beim Einsatz der Atombombe einräumte, hatte der britische Premier auch die politischen Möglichkeiten, seine Bedenken durchzusetzen.

MUSIKAKZENT

AUTOR:
Elftes Kapitel: Die Rückkehr des Musterschülers

ERSTER SPRECHER
Klaus Fuchs wurde nach 9 Jahren frühzeitig entlassen, wegen guten Führung – der Gefangene hatte Abendkurse für andere Häftlinge organisiert. Er flog mit einer polnischen Maschine zu seinem inzwischen 85jährigen Vater, in die DDR. Ein Grund dafür könnte die Aberkennung der britischen Staatsbürgerschaft gewesen sein, jedoch auch die vorsichtige Distanzierung des Angeklagten von der Politik der Sowjetunion schlug nun wieder um in unkritische Loyalität.

SPRECHERIN:
In der Öffentlichkeit äußerte sich Fuchs selten, Interviewanfragen aus dem Westen blieben ohne Antwort, in der DDR machte er nur vage Angaben über seine Tätigkeit im Zweiten Weltkrieg. Den Regierenden in der DDR schien die Tatsache peinlich zu sein, daß einer ihrer führenden Kernphysiker mitverantwortlich war für den Bau der amerikanischen Atombombe. Und auch die sowjetischen „Freunde“, die „Sonja“ mit dem Rotbannerorden auszeichneten, verzichteten darauf, sich mit ihrem „Meisterspion“ zu brüsten.

SPRECHERIN:
1966 beteiligte sich Fuchs an einem „Sonntagsgespräch“ des Deutschlandsenders, in dem Gerhart Eisler ihn nach der Verantwortung des Wissenschaftlers, ganz speziell auch des Kernphysikers fragte. Ein Dilemma sieht Eisler da allerdings nur in den kapitalistischen Staaten.

O-TON TAKE 1:
Ist hier nicht das große Dilemma? Was soll man den Wissenschaftlern raten? Hört auf, Wissenschaftler zu sein im Kapitalismus, denn eure Wissenschaft wird den Menschen gefährden und ihm nicht nützen?
Nein, also das auf keinen Fall. Es gibt natürlich bestimmte Fragen, wenn man sieht, zum Beispiel, es geht zur Entwicklung von Atombomben, wenn westdeutsche Physiker das sehen, da haben ja viele schon die Konsequenz gezogen, ich erinnere nur an die Göttingen 18. Sie haben ausdrücklich erklärt, an der Entwicklung der Atombombe werden wir nicht mitarbeiten. Und haben das später auch noch mal bestätigt. Also es gibt solche bestimmten Probleme, wo der Wissenaftler sagt, da arbeite ich nicht mit. Das heißt aber nicht, daß er seine Wissenschaft aufgeben muß. Im Gegenteil. Ich glaube dadurch, daß er gerade an den Problemen, die der friedlichen Nutzung dienen, mitarbeitet, kann er …
Jetzt muß ich unterbrechen. Nehmen wir einmal an, es gibt doch Kernforscher, Atomphysiker in der Sowjetunion, die arbeiten an der Atombombe, wie steht das denn da?
Ja, wofür, da ist die Frage, wofür? Denn die Sowjetunion hat die Atombombe entwickelt, nachdem sie von den Vereinigten Staaten von Amerika im Krieg genutzt worden war, und genutzt worden war, obwohl der Krieg schon entschieden war.

ERSTER SPRECHER:
Für diese Antwort – für das, was Fuchs sagt, und auch das, was er ausläßt – für diese Antwort wird Klaus Fuchs sehr gelobt von Gerhart Eisler, so daß Fuchs, wie ein Musterschüler, der vom Lehrer vor der Klasse ausgezeichnet wird, ganz verlegen reagiert.

O-TON TAKE 2:
Ich möchte doch sagen, Sie sind, wenn ich mich nicht irre, ein ziemlich überzeugter und leidenschaftlicher Sozialist. Darf ich das sagen? Aber Sie sind auch ein bedeutender Kernphysiker. Ist hier nicht in Ihrer Person das Bündnis dargestellt, des Naturwissenschaftlers, des Wissenschaftlers, mit der sozialistischen Gesellschaft, des sozialistischen Praktikers? Ist das nicht in schöner Weise, in edler Weise verkörpert?
Nun, das ist eine sehr nette Aussage, die Sie hier machen, Genosse Eisler.
Ich hab das nicht persönlich gesagt. Weil es das Ideal ist. Daß ein Gelehrter gleichzeitig gesellschaftspolitisch versteht, was los ist.

ERSTER SPRECHER:
Kurz vor seinem Tod hat Klaus Fuchs in einem der letzten in der DDR produzierten Dokumentarfilme, „Väter der tausend Sonnen“, zu seiner „Kundschaftertätigkeit“ Stellung genommen. Er erinnert sich an seinen Moment der Schwäche – als die britischen Freunde in Harwell, nachdem sie von den Beschuldigungen gegen ihn hörten, ihm versicherten, sie stünden wie ein Mann hinter ihm, „diesem Moment war ich nicht gewachsen“, und er gesteht seine Tätigkeit für die Sowjetunion. Jürgen Kuczynskis bissiger Kommentar zu dieser Aussage: „Das Menschliche überwog in falscher Weise. Eine tragische Sache, eine wunderbare Tragik, auch wenn sie zum Unglück führte.“

MUSIKAKZENT:

AUTOR:
Zwölftes Kapitel: Gewissen, Verrat und „common sense“.

ERSTER SPRECHER:
Im Westen ist die Frage nach der Verantwortung des Wissenschaftlers keineswegs zu Ende diskutiert. Deutlich wurde die Sprengkraft dieser Kontroverse als vor kurzem im Smithsonian Institute, in Washington D.C., eine Ausstellung über den ersten Einsatz der Atombombe der Öffentlichkeit präsentiert werden sollte. Eine Einigung darüber, was Hiroshima bedeutete, konnte unter den Historikern, Politikern und Wissenschaftlern nicht hergestellt werden, so daß die Ausstellung selbst abgesagt werden mußte. Joseph Rotblat, der selbst an der Entwicklung dieser furchtbaren Waffe teilgenommen hatte, schrieb in einem Vorwort zu dem Sammelband „Hiroshima´s Shadow“, in dem die Auseinandersetzungen zusammengefaßt werden, von seinem Schock, als er in einem Gespräch mit amerikanischen Generälen 1944 erfahren mußte, daß für diese das Hauptmotiv zum Bau der Bombe die zukünftige Niederhaltung der Sowjetunion war.

ZWEITER SPRECHER:
Damals hatte ich geglaubt unsere Arbeit bestünde darin, einen Nazi-Sieg zu verhindern, und nun wurde mir gesagt, die Waffe, die wir entwickelten, solle eingesetzt werden gegen Menschen, die gerade noch außergewöhnliche Opfer brachten, um die Nazis niederzuringen. Als es gegen Ende des Jahres 1944 evident wurde, daß die Deutschen ihr Atombombenprojekt aufgegeben hatten, machte die Arbeit in Los Alamos für mich keinen Sinn mehr.

SPRECHERIN:
War das nicht genau die Furcht, die Fuchs antrieb, war er also kein Spion sondern ein Dissident? Muß Klaus Fuchs also rehabilitiert werden? Rotblat, selbst Dissident im Lager der Naturwissenschaftler, und für seine Abrüstungsvorschläge 1995 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet, kommt zu einem klaren Ergebnis:

ZWEITER SPRECHER:
Meiner Meinung nach besteht ein großer Unterschied zwischen Spionage und Alarm-Geben. Eine Alarmierung geschieht mit dem Ziel, etwas ans Tageslicht zu bringen, was die Öffentlichkeit wissen sollte. Aber Fuchs überbrachte statt dessen Informationen im Geheimen an ein Regime, das berüchtigt war wegen seiner Unterdrückung der Informationsfreiheit. Offenheit ist eine conditio sine qua non, die Wissenschaft könnte nicht weiter bestehen, wenn die Ergebnisse nicht allen zugänglich gemacht werden, aber der Zündmechanismus einer Bombe zählt nicht zur Wissenschaft. Und das ist genau, was Fuchs tat: er sandte ein Blaupause zur Herstellung der Atombombe, und das kann nicht entschuldigt werden.

SPRECHERIN:
Das Dilemma des Klaus Fuchs bleibt ungelöst. Er folgte, wie sein Vater es ihm vorlebte, immer seinem Gewissen. Doch das Gewissen führte ihn in die Irre. Fehlte vielleicht eine zweite Instanz? Ein Freund warf dem Pfarrer Emil Fuchs schon frühzeitig vor, der Vater fördere „Gewissen ohne Verstand“, das sei gefährlich. Dies könnte tatsächlich die Erklärung sein: allein dem Gewissen zu folgen, ohne jene Eigenschaft des praktisch-vernünftigen Abwägens zu entwickeln, für das im englischen Sprachgebrauch der Begriff „common sense“ steht, das kann zu gefährlicher Hybris führen. Klaus Fuchs – er steht auch in der Tradition des Lutherschen „Hier stehe ich, ich kann nicht anders.“ In einem Brief an den Vater, nach dem Tod der Schwester, formulierte er schon früh sein unbeugsames Credo:

DRITTER SPRECHER:
Wir haben uns den Weg nicht so schwer gedacht. Wenn wir ihn aber noch einmal zu wählen hätten, würden wir ihn doch wiederwählen. Wir könnten ja nicht anders!

SPRECHERIN:
Das letzte Wort soll Nevil Mott haben, ebenfalls Physiker. Mott faßte seine Meinung über Klaus Fuchs so zusammen:

ZWEITER SPRECHER:
Ich habe niemals zuvor einen Menschen kennengelernt, der solch eine wunderbare Fähigkeit hatte, in abstrakten Begriffen zu denken, und der gleichzeitig so hilflos war, wenn es darum ging, die Realität zu beobachten oder zu beurteilen.

MUSIKAKZENT
ENDE