Für ein besseres Deutschland

Ãœber die Publizisten Fritz Eberhard, Alfred Kantorowicz und Sebastian Haffner
Von Maximilian Preisler

Deutschlandfunk, Red. Sabine Küchler

23. Mai 2008
20:10 Uhr – 21: 00 Uhr

TAKE 1
O-TON EBERHARD, CD Rückkehr in die Fremde, Track 6

Liebe Hörerinnen und Hörer. Das Interesse der Weltöffentlichkeit ist zur Zeit auf zwei Gegenstände gerichtet, die Atombombe und den Nürnberger Prozeß.

SPRECHER
Fritz Eberhard, 1946, Rundfunkkommentator des Senders Radio Stuttgart, ab 1949 Intendant des Süddeutschen Rundfunks. Geboren wurde Eberhard 1896 als Hellmuth von Rauschenplat.

TAKE 2
O-TON EBERHARD
Kein Hitlergegner will Nationalsozialisten in eine Vergangenenheit zurückstoßen, von der sie loskommen möchten. Aber wir müssen alles tun, damit möglichst unser ganzes Volk von der Vergangenheit loskommt, um der Zukunft willen. Dazu kann der Nürnberger Prozeß helfen. Alle Völker wollen Angriffskriege verhindert sehen, auch dazu kann der Nürnberger Prozeß helfen. Denn, so hoffen wir, er wird Männer verurteilen, nicht weil sie einen Krieg verloren haben, sondern weil sie einen Krieg begonnen haben.

SPRECHER
1947 – Gesamtdeutscher Schriftstellerkongreß in Berlin. Alfred Kantorowicz ergreift das Wort.

TAKE 3
O-TON KANTOROWICZ
Wir zählen mehr als 250 deutsche Schriftsteller, die das Land zur Zeit der Barbarenherrschaft verlassen haben. Es ist beispiellos, man hat dergleichen in geschichtlichen Zeiten noch niemals gesehen. 250 Schriftsteller, viele bedeutende und die Bedeutendsten, viele berühmte und die weltberühmten Autoren deutscher Zunge unter ihnen. Sie waren keine Einheit.

SPRECHER
Alfred Kantorowicz,ebenfalls ein angenommener Name. Exilant in Frankreich, Spanienkämpfer. Von 1940 bis 1946 fand der bereits in jungen Jahren sehr erfolgreiche Journalist eine Zuflucht in den USA. Mitarbeiter der CBS.

SPRECHERIN
Der dritte im Bunde, wenige Jahre jünger als Kantorowicz und Eberhard: Raimund Prätzel, bekannt unter seinem doppelt-musikalischen Alias: Sebastian Haffner. Vom Jahre 1974 aus zeichnet er Hitlers Machtergreifung nach.

TAKE 4
O-TON HAFFNER, CD 3, Track 11, 1:08 – 1:47
Der Tag, der wirklich Deutschland erschütterte und veränderte, war nicht der 30. Januar sondern der 28. Februar. Der Tag nach dem Reichstagsbrand. An diesem Tag begann, mit Massenverhaftungen, der staatliche Terror und an diesem Tag unterzeichnete Hindenburg die Verordnung zum Schutze von Volk und Staat, die zur wirklichen Magna Charta des Dritten Reiches wurde. Mit ihr wurden alle Grundrechte aufgehoben und der Weg zur Willkürherrschaft Hitlers freigegeben.

SPRECHERIN
Drei deutsche Publizisten, drei unbedingte Gegner des Nationalsozialismus. Der gemeinsame Feind, Adolf Hitler, zwang sie zur Tarnung, zur Benutzung eines Pseudonyms, bei Gefahr der Verfolgung, ja des Verlusts des Lebens, für sich oder ihre Verwandten. Und als die Situation immer bedrohlicher wurde, mußten sie die Heimat verlassen.

SPRECHER
Ein radikaler Sozialist, ein Kommunist, ein bürgerlicher Jurist – alle drei konnten im englischsprachigen Exil die Mechanismen einer – wie auch immer nur stotternden und niemals vollkommenen – parlamentarischen Demokratie erleben. Eine Erfahrung, die sie tief prägte. Nach dem Krieg arbeiteten alle drei mit großem Engagement für ein besseres Deutschland, Kantorowicz im Osten, Haffner und Eberhard im Westen.

SPRECHER
Eberhard, schon bald Mitberater, Mitverfasser des Grundgesetzes, erinnert sich 30 Jahre nach dessen Verabschiedung an jenen 8. Mai des Jahres 1949.

TAKE 5
O-TON EBERHARD, CD Augenzeugen der Geschichte, Track 1
4:48 – 5:58
So das Gefühl hat mich wie andere beherrscht, endlich sind wir soweit, endlich haben wir eine Grundlage für ein wenn auch geographisch beschränktes deutsches Staatswesen wieder. Wir haben noch Besatzungsstatut, wissen noch nicht einmal genau, was da drinsteht, aber von der Besatzungswillkür kommen wir hoffentlich weg und das Besatzungsstatut wird hoffentlich in den nächsten Jahren abgebaut.

SPRECHERIN
Fritz Eberhard wurde 1896 unter dem Namen Adolf Arthur Egon Hellmuth Freiherr von Rauschenplat in Dresden in eine adlige Familie geboren. Der Vater war Landwirt und Rentier. Rauschenplat studierte Rechts- und Staatswissenschaft sowie Nationalökonomie und promovierte zum Dr. rer. pol. In der ersten Hälfte der zwanziger Jahre leitete er eine Firma seines Schwiegervaters – gleichzeitig begann seine politische Arbeit. Er wurde Mitglied des von dem Philosophie Professor Leonard Nelson gegründeten „Internationalen Jugendbund“, der sich auf ethische Ideale gründete, für den Sozialismus eintrat und dabei an die Mitglieder hohe Anforderungen an die persönliche Lerbensführung stellte. In der zweiten Hälfte der 20er Jahre wirkte Rauschenplat am Landerziehungsheim Walkemühle als Lehrer für Volkswirtschaft und Öffentliches Recht. Hauptberuflich arbeitete er als Wirtschaftsredakteur des Parteiblattes „Der Funke“, Leonard Nelson, Rauschenplat und andere waren aus der SPD ausgeschlossen worden und hatten den Internationalen Sozialistischen Kampfbund gegründet. Bereits im Februar 1933, also wenige Wochen nach der Machtergreifung Hitlers, wurde die Zeitung verboten. Rauschenplat ging in die Illegalität und benutzte nun zum ersten mal als Tarnung den Decknamen „Fritz Eberhard“.
Als Reichsleiter des Kampfbundes baute Eberhard ein Untergrund-Netzwerk auf.

SPRECHER
Wir brauchten viel Geld. Wir brauchten Geld für Arbeitslose, für Emigranten, für illegale Arbeit, für Druck von Flugblättern, für Reisekosten um Verbindung zum Ausland aufrecht zu halten, wegen Informationen, schließlich brauchten wir Geld für Spanien. Wir haben es im wesentlichen beschafft durch das Betreiben von fünf vegetarischen Restaurants und einer Brotgroßhandlung. Vegetarische Restaurants lag nahe, denn wir waren im Internationalen Jugendbund alle Vegetarier. Diese vegetarischen Restaurants hatten viele Vorteile: Man konnte Arbeitslose darin beschäftigen, man konnte einen Vervielfältigungsapparat nicht nur für die Speisekarte benutzen, sondern auch für ganz andere Zwecke; das Brothandelsgeschäft in Hannover hatte den Vorteil, daß man neben dem Brot auch Flugblätter austragen und Informationen einsammeln konnte.

MUSIK
THERE´ll BE BLUE BIRDS OVER

SPRECHER
Eine meiner Aufgaben im Exil –

SPRECHERIN
im englischen Exil, ab 1937 –

SPRECHER
– war es, Informationen aus der Emigration nach Deutschland zu senden. Das war mir nur einige Zeit möglich. Eben auf Grund meiner mannigfaltigen Beziehungen konnte ich 1 ½ Jahre etwa, 1940 bis Herbst 1941, an einem illegalen Sender, genannt „Europäische Revolution“, fast jeden Tag sprechen. Finanzierung und technische Ausrüstung waren natürlich Sache des britischen Geheimdienstes, mit dem ich aber nie direkt zu tun gehabt habe. Wir haben diese Rundfunkarbeit sehr unabhängig gemacht, bis in das Jahr 1941 hinein. Dann gab es Schwierigkeiten mit den Engländern, weil die Engländer von den Russen darauf hingewiesen wurden, daß diese Sendungen ihnen nicht genehm seien. Aber jene eineinhalb Jahre konnte ich mich doch täglich über den Rundfunk an die Deutschen wenden.

MUSIK
GLENN MILLER: Little Brown Jug

SPRECHER
Schon im Mai 1945 war ich in Stuttgart. Ein Leutnant und ein Mann der amerikanischen Armee haben mich im Auto dorthin gebracht, über unmögliche Straßen und Umwege. Ich war vorbereitet auf die Arbeit in Deutschland durch das, was ich in der Emigration gelernt hatte.

MUSIK
GLENN MILLER: Little Brown Jug

SPRECHERIN
War es dem Parlamentarischen Rat klar, daß die Verabschiedung des Grundgesetzes die Spaltung Deutschlands fördern könnte?

TAKE 6
O-TON EBERHARD, CD Augenzeugen der Geschichte, Track 1, 5:24
Wir hatten schon in den Vorbesprechungen, vor dem Zusammentritt des Parlamentarischen Rates, diese Sorge eingehend erörtert. Führt das zur Spaltung. Den Entscheid, es zu riskieren, die Chance auszunutzen, ein Grundgesetz auszuarbeiten und damit eine Grundlage für eine deutsche Regierung zu schaffen, haben wir uns nicht leicht gemacht. Wir sahen die Gefahr der Spaltung, sahen aber auf der anderen Seite die Gefahr des Versinkens in wirtschaftliches Chaos, wenn keine zentrale Regierung geschaffen würde, die damit fertig werden könnte.
Die Ministerpräsidenten und ihre Berater waren sich von vornherein einig, wir wollen nicht das Wort Verfassung benutzen, wir wollen keine Volkswahl der Abgeordneten und wir wollen keine Volksabstimmung wenn das Grundgesetz fertig ist. Um es etwas herabzustufen, als ein Provisorium. Wir wurden also gewählt von den Landtagen und ich bin als Mitglied der Sozialdemokratischen Fraktion vom Landtag Württemberg-Baden gewählt worden.

SPRECHERIN
Die Erfahrungen der Exilanten flossen in die Beratung mit ein. Fritz Eberhard beharrte vor allem auf zwei Punkten.

TAKE 7
O-TON EBERHARD CD AUGENZEUGE DER GESCHICHTE, Track 1, 14:05
Wir waren alle der Ansicht: Nie wieder Krieg! Also kamen Artikel über Verbot des Angriffskrieges, über Verbot der Herstellung von Waffen ohne Genehmigung durch die Bundesregierung hinein, und der Artikel, der es uns möglich machte, durch einfaches Gesetz Hoheitsrechte abzutreten, also der Weg nach Europa wurde von uns vorbereitet. Als Friedenssicherung. Das war also das eine: Nie wieder Krieg, das zweite: Nie wieder Diktatur, also eine feste Verankerung der Grundrechte. Sie stehen am Anfang des Bonner Grundgesetzes, in der Weimarer Verfassung standen sie am Schluß, als eine Art Anhang. Und da waren das mehr Wunschvorstellungen, die da zu Protokoll gegeben wurde. Während die Grundrechte des Grundgesetzes unmittelbar geltendes Recht sind, laut Artikel Eins, und Regierung, Verwaltung und Gesetzgebung binden.

SPRECHERIN
Rede des SPD Abgeordneten Fritz Eberhard vor dem Württembergisch-Badischen Landtag. Das Land schickte fünf Vertreter zur Beratung, einer der Kollegen Eberhards: der zukünftige erste Bundespräsident des neuen Staates: Theodor Heuss.

TAKE 8
O-TON EBERHARD CD AUGENZEUGE DER GESCHICHTE, Track 1, 21:43
Das als Kompromiß zustande gekommene Grundgesetz, ich wiederhole es, es ist die Plattform für den künftigen Kampf der Parteien miteinander, bedarf eines ausreichenden Schutzes. Wir haben gewisse Schutzbestimmungen im Grundgesetz selber vorgesehen. Auf die Grundrechte der Pressefreiheit, der Vereinigungsfreiheit usw. kann sich zum Beispiel laut Artikel 18 niemand berufen, der sie zum Kampf gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung mißbraucht. Im Artikel 21 wird verlangt, daß die Parteien in ihrer inneren Ordnung demokratischen Grundsätzen entsprechen. Sie müssen über die Herkunft ihrer Mittel öffentlich Rechenschaft ablegen. Das soll ausschließen, daß so leicht wie früher die Schwerindustrie sich eine Partei finanziert, aber auch, daß so leicht wie früher der Rubel rollt.

SPRECHERIN
Bei den 65 Mitgliedern des Parlamentarischen Rates galt die Devise der meisten Deutschen: Zuerst muß der Hunger bekämpft werden.

TAKE 9
O-TON EBERHARD, CD AUGENZEUGEN DER GESCHICHTE, Track 1, 12:05
Die Arbeit war ungeheuer intensiv, ungeheuer kräfteverzehrend und es war schon berechtigt, daß wir Schwerarbeiterzulage von der Landesregierung Nordrhein-Westfalen zugebilligt bekamen. Wir waren viel in Bonn, das ist richtig, aber ich war, glaube ich, jedes Wochenende in Stuttgart, hatte dort Besprechungen mit politischen Freunden und mit dem Büro, das ich leitete, dem Deutschen Büro für Friedensfragen. Das war ein Büro, das arbeitete unter meiner Leitung und der Verantwortung der Ministerpräsidenten der amerikanischen Besatzungszone. Und das war für mich äußerst wichtig, denn die völkerrechtlichen Artikel sind von mir ausdrücklich mit den ensprechenden Beratern in dem Friedensbüro durchdiskutiert worden.

TAKE 10
O-TON KANTOROWICZ, CD Zurück in die Fremde, Track 10
Meine Damen und Herren, werte Kollegen. Das Todesurteil gegen die deutsche Literatur, das die Nazis mit den Bücherverbrennungen vom 10.Mai 1933 proklamierten, wurde in Absentia vollstreckt.

SPRECHERIN
Alfred Kantorowicz, Rede auf dem Ersten Deutschen Schriftstellerkongreß, es sollte der erste und einzige gesamtdeutsche Kongreß dieser Art bleiben, denn schon während der Beratungen spürte man, daß auch unter den Schriftstellern das Denken des Kalten Krieges vorherrschte. Kantorowicz, genannt Kanto, nach der erzwungenen Einstellung der Zeitschrift Ost und West, wurde er Leiter des Heinrich Mann Archivs und Germanistikprofessor in Ost-Berlin.

ZWEITER SPRECHER
März 1945, New York.
Noch glaube ich an die moralische Kraft des besseren Deutschland. Der erste Aufsatz, den ich im April 1933 im Exil schrieb, trug die Überschrift: In unserem Lager ist Deutschland; der Anspruch meinte nicht etwa das Lager der Emigration, sondern die Widerstandskräfte im Land selbst. Diesem besseren Deutschland zu dienen, als Zeuge und Bürge und Mitstreiter derer, die dem Übel widerstanden haben. So gut sie es vermochten – das ist die Aufgabe , die mich heimführt.

SPRECHER
Von Kantorowicz liegen mehrere Rechenschaftsberichte vor, am wichtigsten dabei die zwei voluminösen Bände der „Deutschen Tagebücher“. Über 1200 Seiten, eine Mischung aus Tagebuchnotizen, Reflexionen, Kurzberichten und Selbstgesprächen.

SPRECHERIN
Sein größter Erfolg war die politisch-literarische Zeitschrift „Ost und West“. Das „und“ war hierbei programmatisch. Hier schrieben und durften veröffentlichen – etwa im Winter 1949, in einer Nummer, die Lessing gewidmet war – Arnold Zweig, Nikolai Tschernyschweski, Adam Mikiewicz, Bert Brecht, Thomas Mann und Maxim Gorki. Das ganze Unternehmen stand unter den Fittichen der amerikanischen und der russischen Administration, vor allem war es Kantorowicz gelungen, den Leiter der Sowjetischen Propagandaverwaltung Professor Tulpanow für das Vorhaben zu gewinnen. 70000 Exemplare konnten in allen Zonen verkauft werden. Bis zur endgültigen Spaltung Deutschlands.

TAKE 11
KANTOROWICZ O-TON, Track 2, 2:34
Sie konnten mit einer Zeitschrift natürlich nicht den kalten Krieg verhindern, sie konnten nicht die Konfrontation der Weltmächte verhindern, es war irgendwie ein Don Quijotisches Unterfangen was ich mir da vorgesetzt hatte, zu vermitteln, geistig zu vermitteln, zwischen Ost und West.

SPRECHER:
Zwei Jahre lang hielt die Sowjetische Kultur Administration ihre schützenden Hand über die Zeitschrift, dann übergab sie die Macht und auch die Kulturhoheit an die Ost-Berliner Regierung. „Ost und West“ wurde prompt verboten. Schon lange war den Kultur-Apparatschiks die relative Freiheit des Chefredakteurs und Herausgebers Kantorowicz ein Dorn im Auge.

SPRECHERIN
Auf dem Schriftstellerkongreß 1947 hatte Kantorowicz die Aufgabe übernommen, der Schriftstellerin Elisabeth Langgässer zu antworten, die als Vertreterin jener Autoren auftrat, die im Lande geblieben waren.

TAKE 12
O-TON KANTOROWICZ Schriftstellerkongreß,Track 10 – Rückkehr, ab 2:52

Die beiden Perspektiven, das meint die Perspektive derer, die sich hier in Katakomben ihre Integrität gewahrt haben, und die Perspektive derer, die aus der Distanz von draußen ins Land schauten, ergänzen und benötigen sich wechselseitig. Jene wissen um die charakteristischen Einzelheiten des Alltagslebens unter der Herrschaft der Tollwütigen, diese konnten von ihrem entfernteren Standort aus die größeren Zusammenhänge besser überschauen. Und sie hatten das Glück, die Verbindung mit der Welt aufrecht erhalten zu können. Und damit zugleich die Chance, das geistige Deutschland in der Welt und vor der Welt zu repräsentieren.

SPRECHERIN
Kantorowicz, Mitglied der Kommunistischen Partei seit 1931 war bis zur Machtergreifung Hitlers 1933 ein enger Mitstreiter von Gustav Regler. In seiner Autobiographie „Das Ohr des Malchus“ legt der aus dem Saarland stammende Schrifsteller Zeugnis ab.

ZWEITER SPRECHER, Regler, S. 183
Die Reichshauptstadt fieberte. Jede Nacht wurden bei der Polizei Leichen abgeliefert. Einmal trugen sie an ihren blutigen Röcken des Abzeichen des republikanischen Reichsbanners, einmal den kommunistischen Sowjetstern, einmal das Hakenkreuz, einmal einfach die Nummer der staatlichen Polizei. Öfter aber trugen sie nur die Zeichen der Verzweiflung in den Gesichtern, jenes leichte Grün, die Farbe, die ihnen das Gas gegeben, das sie geschluckt hatten.

Wir wohnten in einem Block, der mit Hilfe von Subventionen gebaut und nur für Künstler bestimmt war. Es waren billige Wohnungen, und doch bezahlte kaum einer seine Miete; weder die Gehälter noch die sogenannten Einkünfte der freien Berufe reichten aus. In den meisten Behausungen lag nur eine Matratze am Boden. Die Künstler aßen von Seifenkisten, über die sie Zeitungen gebreitet hatten; keiner verhungerte, man half sich gegenseitig und wanderte von Wohnung zu Wohnung, man roch, wo einer Arbeit gehabt hatte und etwas Speck und Käse zu findenwar. Man mußte das allgemeine Elend so nah gesehen haben, um nur zu leicht einer revolutionären Idee zu verfallen. Es gibt keine komplizierte, etwa ideologische Erklärung meines Beitritts zur Kommunistischen Partei. Alle Ideologie wurde vereinfacht zu dem einen Satz: So kann es nicht weitergehen!

MUSIK:
Stempellied

ZWEITER SPRECHER
Die Gastfreundlichkeit war keine Form der Bohème, sondern das stillschweigende Gesetz von Landsknechten, die einen Krieg erwarteten.

SPRECHER
Dieser Krieg brach 1936 aus, General Franco putschte und griff die spanische Republik an. Ein Bürgerkrieg begann, der wie ein Kristallisationspunkt für die späteren Schlachten des zweiten Weltkriegs wirken sollte. Deutsche Emigranten aus Paris kamen, wie Regler und Kantorowicz, dazu Linke aus aller Herren Länder, wie George Orwell, Ernest Hemingway, Willy Brandt und Arthur Köstler, sie wollten aufklären, über den grausamen Bürgerkrieg berichten, oder meldeten sich als Freiwillige zu den Internationalen Brigaden – die von den Kommunisten ihre Befehle bekamen. Manche Brigadisten waren gekommen, obgleich sie weiterhin Zweifel an der Allwissenheit der Polit-Apparatschiks hegten.

ZWEITER SPRECHER, Regler, S. 227
Ich erinnere mich an einen, der zuweilen rebellierte: Alfred Kantorowicz. Er war kurz vor dem Machtantritt Hitlers zu uns gestoßen und hatte sich sofort durch Eifer und Gehorsam ausgezeichnet. Ich hatte mich am Anfang gewundert, ob er wohl lange den trockenen Stil der Zellenreferenten würde ertragen können; er kam von Zeitungen, an denen Deutschlands beste Satiriker arbeiteten: Tucholsky, Polgar, Auburtin, Kerr; sein persönlicher Freund war der Philosoph Ernst Bloch. Dann kam die Niederlage, er floh nach Paris in die totale Isoliertheit. Er war niedergeschlagen und fast überrascht. Ich erinnere mich, wie er einen Wutanfall bekam, als der dem sorglosen Redakteur Weißkopf begegnete, der ihm strahlend mitteilte, daß die aus Berlin vertriebene Arbeiter-Illustrierte in Prag „schon wieder“ erscheine; die Naivität des unbesiegbaren Funktionärs brachte ihn für einen Augenblick aus dem Gleichgewicht. Und da saß er nun wieder in einer Zellensitzung, irgendwo nah der Kirche San Sulpice, und einer der unerschütterten Schwätzer der Partei sprach vom „strategischen Rückzug“. Das ging für Wochen: die Füchse erklärten die zu hoch hängenden Trauben für saure Trauben. Endlich aber stand Kantorowicz auf und meldete sich zu Wort. Er riß sich nervös kleine Hautfetzen von seinen langen Fingern, sah niemanden an und erklärte, daß er Anstand nehme an der zu einfachen Auffassung des Referenten. Er sagte dann meistens Dinge, die beträchlich vom Thema des Abends abwichen; er war ein stotternder Michael Kohlhaas, selten witzig, da die Erregung ihm Atem und Ruhe nahm; ich liebte ihn in seiner Hilflosigkeit, er war ein armer Ritter, der zur falschen Armee gestoßen war.
Die offiziellen Überwachungsbeamten knüppelten ihn dann in die Reihe zurück. Er setzte sich und ließ sich vermahnen; in sein bleiches Gesicht schlichen sich uralte masochistische Züge ein. Doch er war fast der einzige, der sich diese Clownerie immer wieder leistete.

SPRECHERIN
Ahnungen suchten die Genossen schon früh heim, etwa als die erste Garde der Bolschwiken, gestern noch gepriesen als Helden, nun als Spione und als „räudige Hunde“ verunglimpft wurden,oder als zwei Jahre später, 1939, der Hitler-Stalin Pakt geschlossen wurde. Doch die Emigranten wollten es sich nicht eingestehen, daß der Faschismus, den sie in Spanien bekämpften, längst in ihren eigenen Reihen wütete, in Form einer unbarmherzigen, ja mörderischen Parteiclique um Walter Ulbricht, André Marty und andere unterwürfige Handlanger Stalins. So blieb auch Kantorowicz lange im Lager der Noch-Gläubigen, länger als Ernest Hemingway, für den Kampf und Tod an der spanischen Front ein großes Männer-Abenteuer war.

HEMINGWAY nach REGLER, S. 414
SPRECHER
Mit ihr – der 12. Internationalen Brigade – war mein Herz. Die meisten sind nun tot, aber bis sie starben, gab es keinen unter ihnen, der nicht in der unmittelbaren Nähe des Todes einen Witz reißen und ausspucken konnte, um zu zeigen, daß es ein echter Witz war. Wir führten diesen Spucktest ein, weil ich schon in früher Jugend entdeckte, daß man nicht spucken kann, wenn man Angst hat. In Spanien konnte ich oft nach einem wirklich guten Witz nicht spucken. Die Witze waren nie Angeberei. Sie waren, wie tapfere Männer auch sind, wirklich sehr heiter, und ich darf für alle, die ich kannte, wie man sich überhaupt kennen kann, sagen, daß die Kampfzeit, als wir dachten, daß die Republik den Bürgerkrieg gewinnen könnte, die glücklichste Periode unseres Lebens war …

MUSIK – Spaniensong
Ãœbergang
Didier Squiban, Track 1, 0:30

TAKE 13
O-TON CHURCHILL, 4:25 – 4:55

TAKE 14
O-TON HAFFNER, Historische Variationen, CD 3, Track 14
Nur eine Seite dieses Vielseitigen muß nun doch noch besprochen werden, weil es die wichtigste ist, mindestens die zentrale. Ich spreche von dem Krieger Churchill. In seinem innersten Wesen nämlich war dieser große Schriftsteller und Redner kein Mann des Worts. Dieser höchst tätige und erfolgreiche Minister kein Mann der Organisation und Verwaltung, der emsige Sonntagsmaler kein Mann des Auges. Und sogar der leidenschaftliche Politiker nicht eigentlich ein Mann der Politik. Er war ein Mann des Krieges.

SPRECHERIN
Sebastian Haffner liest aus seiner Churchill-Biographie.

SPRECHER
Im Vorwort seiner Kantorowicz Bibliographie charakterisiert Jürgen Rühle die Sprache von Alfred Kantorowicz als „brillant“. Das trifft im gleichen Maße auf die Sprache von Sebastian Haffner zu. Und auch dies:

SPRECHERIN
Die Sprache offenbart den Mann. Kein wenn und aber, kein Drumrumreden, kein Bildungsgeschwätz, kein Nebel und keine Weihe

SPRECHER
Kantorowicz notiert ein Treffen mit dem Ehepaar Haffner im Jahr 1955. An einem für alle geschichtsträchigen Ort.

ZWEITER SPRECHER
Am Nachmittag Leitung einer Aussprache mit den Freiburger Studenten, die hier Borcharts „Draußen vor der Tür“ aufgeführt haben. Abends bei Simons in Steglitz, wo ich meine alte Studienfreundin Erika mit ihrem Mann Raimund Pretzel alias Sebastian Haffner traf. Er enststammt dem Germanistenklan der Pretzels (einer seiner Brüder ist Ordinarius in Hamburg) und gehört zu denen, die ohne jede äußere Anfechtung oder Nötigung nach 33 stillschweigend das Land verließen. In England hat er es als Journalist zu Ansehen gebracht. Jetzt lebt er als Deutschland-Korrespondent des „Observer“ in West-Berlin. Aber seine englische Staatsangehörigkeit hat er behalten. Sicher ist sicher. Keiner von den Emigranten scheint dem „Frieden“ in Westdeutschland zu trauen. Es gab viel zu erinnern. Erika erzählte auch von meinem Jugendfreund Harald Landry, mit dem sie in erster Ehe verheiratet war. Er ist gleichfalls nach England emigriert, hat aus zweiter Ehe mehrere Kinder, lebt aber wie eh und jeh in bedrängten materiellen Verhältnissen – ein ewiger Bohemien; es ist fast bestechend, daß es in unserer Zeit so etwas noch gibt.

SPRECHERIN:
Sebastian Haffner: Jura Studium, Journalist. Exil in England, zweimalige Internierung. Schreibt aber bald schon für den angesehenen „Observer“. Haffner nimmt die britische Staatsbürgerschaft an, meint England, wenn er „wir“ sagt. Vielleicht also kein Wunder, daß er im britischen Premier Churchill den Mann sieht, der allein Hitler stoppen konnte.

TAKE 15
O-TON HAFFNER
Das eigentlich Soldatische war seine Sache nicht. Nicht die Kasernenluft, die Disziplin, das Zeremoniell, das Enge und Strenge, auch nicht das Kalt-Sachliche rechnerisch-fachmännische des Berufsmilitärs. Er war kein Soldat, er war, in allem, was er anfaßte, ein Künstler, aber vor allem anderen eben ein Kriegskünstler. Krieg setzte, wie nichts anderes, alle seine Energien und Talente frei, mobilisierte seine ganze Vitalität, ließ ihn immer wieder losschnellen, wie eine fest zusammen gepresste, plötzlich entriegelte Feder. Man wird das Phänomen Churchill nie verstehen, wenn man ihn einfach als einen Politiker und Staatsmann betrachtet, dem es schließlich zufiel, auch Krieg führen zu müssen. Er war kein Politiker, der sich irgendwie auch im Kriege bewähren mußte, er war ein Krieger.

MUSIK
Didier Squiban, Track 3

TAKE 16
O-TON HAFFNER
Wenn man ihn richtig plazieren will muß man ganz andere, ältere Namen nennen: Gustav Adolph, Cromwell, Prinz Eugen, Fridericus Rex, Napoleon, auch sein Ahnherr Marlborough gehört dazu, dessen Geistesart in ihm noch einmal durchschlug. Alle diese Männer waren Strategen, Politiker und Diplomaten in einem. Einige von ihnen hatten auch noch einen unverkennbar künstlerischen Zug. Alle aber kamen nur im Krieg und durch Krieg auf ihre volle Höhe. Sie waren, wie Napoleon von sich selbst sagte, für den Krieg geboren, sie verstanden den Krieg. Instinktiv, in allen seinen Aspekten, im Strategischen, dem Politischen, dem Diplomatischen, dem Moralisch- Psychologischen. Und alle liebten auch, auf eine dem normalen Menschen schwer verständliche Weise die krasse Wirklichkeit des Krieges, den Pulverdampf, die Lebensgefahr, den tödlichen Kampf, Mann gegen Mann. Einen Krieg als ganzes zu übersehen und zu planen, wie ein Kunstwerk, und in ihm die Schachzüge, die Feldzüge, die Schlachten. Und sich dann womöglich am entscheidenden Punkt selbst wunderwirkend in die Schlacht zu stürzen, darin fanden diese Kriegsgenies eine Selbsterfüllung und ein Glück, dem für sie nichts auf Erden gleich kam. Churchill war von dieser Art. Ein letzter, auch darin. Ein spät, fast schon zu spät gekommener, ein Mann aus anderen Zeiten.

SPRECHERIN
Jetzt,so befürchtet man, hat die glänzende Rhetorik den Autor in die Sackgasse geführt, will er uns doch von seiner These übezeugen, daß Hitler letztlich an diesem zu spät gekommenen Kriegskünstler scheiterte. Kein Weiterkommen des Autors? Weit gefehlt. Elegant formuliert Haffner mögliche Einwände – einfach selbst.

TAKE 17
O-TON HAFFNER
Hier sind wir nun allerdings wieder an einem heiklen Punkt: Was geht uns ein solcher Mann noch an? Was geht uns Churchill noch an? Wir brauchen keine Kriegsgenies mehr, sie passen nicht mehr in die Landschaft, sie sind für uns keine Helden mehr, im Gegenteil.

SPRECHERIN
Und so wäre Haffner auch vorbereitet auf die Diskussion über die Rolle Churchills im Bombenkrieg der Alliierten, der Amerikaner und Engländer gegen die deutsche Zivilbevölkerung, dessen kriegsstrategische Begründung in den letzten Jahren immer lauter angezweifelt wurde.

MUSIK
Didier Squiban, Track 9

SPRECHER
Alfred Kantorowicz. Was bleibt von ihm? Auf jeden Fall: das „Deutsche Tagebuch“, zwei voluminöse Bände, über 1200 Seiten, viel allgemein Politisches, viel Partei-Strategisches, viel Enthüllendes, viel Anekdotenhaftes. Das ganz Persönliche wird leider auf einen einzigen Satz reduziert: Glück habe ich nur gekannt im Einklang mit der geliebten Frau.

MUSIK STOCKHAUSEN

ZWEITER SPRECHER
März 1945
Ich sehe die Konflikte voraus, in die ich daheim geraten werde. Meine Konzeption, daß wir dazu beitragen sollten, eine Brücke zwischen Ost und West zu bauen, wird von beiden Seiten verdächtigt werden. Kominternagent, werden die einen schreien; Kapitalistenknecht die anderen. Schwarz oder weiß; für die Zeloten hüben und drüben, die einander übrigens zum Verwechseln ähneln. Gibt es dazwischen nichts? Vielleicht geben uns die Russen eine Chance.

MUSIK STOCKHAUSEN

ZWEITER SPRECHER
November 1946
Wir flüchteten als Geschlagene, und als Geschlagene kehren wir heim in das Land der Besiegten, die von uns nichts wissen und vermutlich von uns nichts wissen wollen. Wir haben neu zu beginnen, von Grund auf.

MUSIK STOCKHAUSEN

ZWEITER SPRECHER
April 1948
Berlin: das besonders Unheimliche ist die Gewöhnung an das Widernatürliche.
Mein eigenes Hin- und Herpendeln zwischen Zehlendorf im Westen, hier ist meine Wohnung und Pankow in Ostberlin, da ist mein Büro, ist in mikroskopischer Verkleinerung nur ein Abbild des Wanderers zwischen zwei Welten das sich hier vollziehen läßt, indem man von einer Straßenseite auf die andere geht. Der Fahrdamm, den man zu überqueren hat, führt einen in letzter und äußerster Konsequenz von New York nach Moskau und vice versa.

MUSIK STOCKHAUSEN

ZWEITER SPRECHER
Dezember 1949
Heute, nach zwei Jahren, wurde das Abschiedsheft von „Ost und West“ ausgeliefert. Zugleich traf die Bestätigung meiner Berufung durch die Philosophische Fakultät der Humboldt-Universität vom Volksbildungsministerium ein. Das ist der Ausweg.

MUSIK STOCKHAUSEN

ZWEITER SPRECHER
Angriff aus dem Westen. Ich sei ein Lügner, Verräter, Stalin-Sklave, gekauftes Subjekt, Hochstapler, Funktionärsknecht.
Da weiß man doch wieder, wohin man gehört. Man ist aufs neue darüber belehrt, daß ein Kurzschluß der Verzweiflung über das Unrecht hier einen der Willkür der Hetzer und Schläger dort drüben ausliefern würde. Da bleibt man lieber, wo man ist.

MUSIK STOCKHAUSEN

ZWEITER SPRECHER
November 52.
Slansky Prozeß in Prag. Der Sohn eines der Verschwörer verlangt vom Gericht die Todesstrafe für seinen Vater. Das wird im Neuen Deutschland nachgedruckt. „Ich verlange für meinen Vater die schwerste Strafe, die Todesstrafe.“
Das – das ist monströs. Das ist die Sprache Streichers, die Gesinnung Himmlers, die Atmosphäre der Gestapoverhöre und der Volksgerichtshofverhandlungen unter Freislers Vorsitz. Es ist unmenschlich.
MUSIK STOCKHAUSEN

ZWEITER SPRECHER
August 1953
Seit gestern aus Polen zurück, die Eindrücke waren stark, besonders Auschwitz. Die Verwandten, die hier ermordet wurden. Ich sah Tante Lotte vor mir und Hans Arno,ich hätte beinahe in einer Reflexbewegung den Arm ausgestreckt, um sie zu berühren, so deutlich sah ich sie. Und plötzlich war mir, als ob sie mich klagend ansahen. Nie zuvor habe ich mich so völlig als Jude gefühlt wie in diesem Augenblick, nur mit ihnen verbunden und ich fragte mich in dem benommenen Zustand, in den ich geriet, ob ich recht daran getan hatte, als Deutscher nach Deutschland zurückzukehren, mich zu diesem Volk zu bekennen, mich mit ihm zu identifizieren.

MUSIK STOCKHAUSEN

ZWEITER SPRECHER
Meine solide, nette Sekretärin kaufte sich in der Kurfürstendammgegend zu einem Preis, der ihr Monatsgehalt übersteigt, einen knallroten Mantel, in dem sie, ein hübsches, natürliches Mädel, aussieht wie ein Flittchen. Es erhöht ihr Lebensgefühl, daß jeder Vorübergehende erkennen muß, der Mantel ist aus dem „Westen“.

MUSIK STOCKHAUSEN

ZWEITER SPRECHER
Genf, Viermächtekonferenz. Was wäre, wenn es zu Frontbegradigung käme?Was das geistige Leben betrifft, so würde die eine unmenschliche Bürokratie durch eine andere, in der Form verbindlichere, im Inhalt kaum weniger bedrohliche abgelöst werden, wir hätten es anstelle der Parteifeldwebel mit einer anderen Feldwebel-Species von Verächtern der Literatur und der Geisteswisschenschaft zu tun. Politische Karrieristen von dort drüben würden die von hier überrunden- oder mit ihnen paktieren (gerade dies wäre zu fürchten).

MUSIK STOCKHAUSEN

ZWEITER SPRECHER
Seit neuestem liest man in allen Leitartikeln : „Unter den gegebenen Bedingungen läßt sich die Vereinigung Deutschlands nicht von heute auf morgen vollziehen“. Es klingt wie ein Stoßseufzer der Erleichterung. „Man muß der Existenz zweier deutscher Staaten Reechnung tragen“, wird mit tiefer Befriedigung wiederholt. Die Spaltung Deutschlands ist nun offiziell. Es ist keine Rede mehr von gesamtdeutschen Wahlen – sie wären das Ende der hier etablierten Gewalten, so viel ist gewiß, und sie zu wünschen, würde von nun an vermutlich mit Landesverrat gleichgesetzt werden. So hat also die Bonner Regierung mit der Eingliederung Westdeutschlands in die Pariser Verträge die Existenz des Ulbricht-Regimes gefestigt – das ist die Dialektik der Politik der Stärke.

ZWEITER SPRECHER
November 1956
Ungarnaufstand. Das sind jetzt keine Redensarten mehr: Kurzer Prozess. Das volksfremde, zersetzende, alles verunglimpfende Literatengezücht wird durch die Knüppel der Rollkommandos zum Schweigen gebracht. Es wird dafür gesorgt werden, daß dergleichen Intelligenzbestien, die unseren beliebten Führer zu bekritteln wagen, Hören und Sehen vergeht. So weit wären wir jetzt. Übertreibe ich?

MUSIK STOCKHAUSEN

ZWEITER SPRECHER
Dezember 1956
In der vergangenen Woche kursierten hier Gerüchte, daß auch ich verhaftet sei. Das wurde von jederman geglaubt.

MUSIK STOCKHAUSEN

ZWEITER SPRECHER
Nun ist es wieder so weit, die Tagebücher müssen weg.

MUSIK
Lola Perrin: Track 2

TAKE 18
KANTOROWICZ O-TON Track 1
23. August 1957
Mit dem heutigen Tage habe ich den Machtbereich der Ulbrichtschen Gewaltherrschaft verlassen.
TAKE 19
KANTOROWICZ O-TON Track 1, 2:42
Ich kann nun, vor mir selber, die seit langem schon aufgedämmerte und immer wieder qualvoll verdrängte Erkenntnis der tragischen Paradoxie nicht mehr verleugnen, daß ich zu meinem winzigen Teil dazu beigetragen habe, gerade das mitherbei führen zu helfen, wogegen ich zu kämpfen vermeint hatte. Eben gegen die Rechtlosigkeit, die Ausbeutung der Arbeiter, die geistige Verknechtung der Intelligenz, die Willkürherrschaft einer Clique von Unwürdigen, die den Inbegriff des Sozialismus schänden, wie dereinst die Nazis den Namen Deutschlands geschändet haben. Nein, ich konnte nicht mehr die Augen verschließen vor dem fast mythischen Phänomen, daß, während wir gläubig für Freiheit und Recht und gegen die faschistische Barbarei gekämpft hatten, Faschismus und Barbarei hinter uns wiederauferstanden waren, in Wort und Tat und Ungeist in den Amtsstuben der Apparatschiks.

MUSIK
Lola Perrin, Track 2

TAKE 20
KANTOROWICZ O-TON, Track 1, 7:10
Ich bitte hiermit die zuständigen Behörden der Bundesrepublik mir in dem von ihr gesicherten Teil meines Vaterlandes, Schutz, und Bürgerrecht zu gewähren.

MUSIK
Lola Perrin, Track 2

SPRECHER
Kantorowicz – wie auch Eberhard – wurden Opfer von Intrigen. Reaktionäre westdeutsche Kreise, die mit allen Mitteln verhindern wollten, daß ein ehemaliger Kommunist aus Ost-Berlin eine Rente als Antifaschist bekommen sollte oder daß ein früherer radikaler Sozialist, der als Widerständler zur Zeit des Dritten Reichs sein Leben aufs Spiel gesetzt hatte und der sich heftig wehrte, als von Politikern Gefahr für die öffentlich-rechtliche Verfassung des Rundfunks drohte und der sich nun, horribile dictu, auf einem Professorenstuhl niederlassen könnte.

SPRECHERIN
Kantorowicz hatte aber auch Freunde im Westen gewonnen. Ralph Giordano war einer von ihnen. „Der hier war ein Ketzer. Alle Zeiten, auch die unsere, haben diesen Typus nötig, wie die Luft zu atmen.“ Es blieben Kantorowicz fast zwanzig Jahre, er widmete sie vor allem der Aufarbeitung der Exilliteratur, Schwerpunkt: die Schriften von Heinrich Mann, der im Westen lange abgelehnt wurde, und hinter seinem Bruder Thomas fast aus der Wahrnehmung der Öffentlichkeit verschwand, – und der im Osten wiederum einseitig vereinnahmt wurde. Verschwiegen wurde dort etwa Heinrich Manns schon im Pariser Exil geäußerte Abscheu gegen den Moskau-Sendboten Ulbricht.

SPRECHER
Im Jahr 2000, also posthum, Haffner war ein Jahr zuvor verstorben, erschien die „Geschichte eines Deutschen“. Zu Recht wurden die Erinnerungen Haffners ein Bestseller.

TAKE 21
LESUNG 3, Gesch …Track 2, 2:12
Ich ging aufs Kammergericht. Es stand grau, kühl und gelassen wie immer, vornehm abgerückt von der Straße, hinter Rasenflächen und Bäumen. Ich ging in die Bibliothek, als wäre dies ein Tag wie alle Tage – ich hatte keine Sitzung – und richtete mich an einem der langen Arbeitstische mit einem Aktenstück ein, über das ich ein Gutachten zu machen hatte. Ich liebte diese Atmosphäre. Sie war sehr dicht und hilfreich. Zu Hause an meinem vereinzelten Schreibtisch hätte ich schwer heute arbeiten können. Hier war es ganz leicht.

Was war das erste aufffällige Geräusch? Ein Türenschlagen? Irgendein schriller unartikulierter Ruf, ein Kommando? Auf einmal saß alles aufgeschreckt da, mit dem Ausdruck gespannten Horchens. Einer sagte in die vorhaltende Stille hinein: „SA“. Darauf sagte ein anderer: „Die schmeißen die Juden raus“, und zwei oder drei Leute lachten dazu. Dieses Lachen war im Augenblick erschreckender als der Vorgang selbst: Es ließ blitzhaft daran denken, daß ja auch in diesem Raum, wie sonderbar, Nazis saßen.

MUSIK
Kurze, pochende Töne

TAKE 22

LESUNG
Inzwischen erschienen die Eindringlinge auch bei uns. Die Tür wurde aufgerissen, braune Uniformen quollen herein, und einer, offenbar der Anführer, rief mit schallender, strammer Ausruferstimme: „Nichtarier haben sofort das Lokal zu verlassen!“
Indem kam eine braune Uniform auf mich zu und machte Front vor mir: „Sind Sie arisch?“ Ehe ich mich besinnen konnte, hatte ich geantwortet: „Ja.“ Ein prüfender Blick auf meine Nase – und er retirierte. Mir aber schoß das Blut ins Gesicht. Ich empfand einen Augenblick zu spät, die Blamage, die Niederlage. Ich hatte „ja“ gesagt! Nun ja, ich war ein „Arier“, in Gottes Namen. Ich hatte nicht gelogen. Ich hatte nur viel schlimmeres geschehen lassen. Welche Demütigung, Unbefugten auf Befragen pünktlich zu erklären, ich sei arisch – worauf ich übrigens keinen Wert legte. Welche Schande, damit zu erkaufen, daß ich hier hinter meinem Aktenstück in Frieden gelassen würde! Überrumpelt auch jetzt noch. Versagt in der ersten Prüfung! Ich hätte mich ohrfeigen können.

Als ich das Kammergericht verließ, stand es grau, kühl und gelassen da wie immer, vornehm abgerückt von der Straße hinter seinen Parkbäumen. Man sah ihm keineswegs an, daß es soeben als Institution zusammengebrochen war. Man sah wahrscheinlich auch mir nicht an, daß ich soeben eine furchtbare Schlappe erlitten hatte, eine kaum zu reparierende Demütigung.

SPRECHERIN
Drei Bücher von Haffner werden die Zeit auf jeden Fall überstehen: die Churchill Biographie, seine fast prophetisch zu nennenden Warnungen vor dem kommenden Krieg in der „Geschichte eines Deutschen“, und die „Anmerkungen zu Hitler“ – eine historische Abhandlung, gegen alle Erwartungen gebürstet, querstehend zu landläufigen Meinungen, eigensinnig dem gesammelten Professoren-Verdikt trotzend. Inzwischen ein Klassiker der Hitler-Darstellungen, gerade auch an Schulen sehr willkommen.

TAKE 23
HAFFNER O-Ton, Erfolge, Track 5, 3:20
Hitler ist keineswegs so leicht als extrem rechts im politischen Spektrum einzuordnen, wie es viele Leute heute zu tun gewohnt sind. Er war natürlich kein Demokrat, aber er war ein Populist: ein Mann, der seine Macht auf Massen stützte, nicht auf Eliten; in gewissem Sinne ein zu absoluter Macht gelangter Volkstribun, Sein wichtigstes Herrschaftsmittel war Demagogie und sein Herrschaftsinstrument war keine gegliederte Hierarchie, sondern ein chaotisches Bündel unkoordinierter, nur durch seine Person an der Spitze zusammengehaltener Massenorganisationen. Alles eher „linke“ als „rechte“ Züge. Offensichtlich steht Hitler in der Reihe der Diktatoren des zwanzigsten Jahrhunderts irgendwo zwischen Mussolini und Stalin – und zwar, bei genauerem Hinsehen, näher bei Stalin als bei Mussolini.

SPRECHERIN
Klare Sprache, klare Darstellung, klarer Aufbau, klare Einsichten und Urteile. Sieben Kapitel „Anmerkungen über Hitler“: Leben, Leistungen, Erfolge, Irrtümer, Fehler, Verbrechen und Verrat. Ein schmales Buch, mit hohem Gewinn zu lesen.

SPRECHER
Aus dem Kapitel: Fehler.

TAKE 24
HAFFNER O-TON, Fehler, Track 4, 2:13
Hitler hat nichts ausgerichtet, sondern nur (aber immerhin) Ungeheuerliches angerichtet. Er hat, wie kaum ein anderer „großer Mann“ der bekannten Geschichte, mit staunenerregender Wucht daneben gehauen. Die gewaltige Wirkung, die er erzielt hat, ist aber deswegen nicht wegzudiskutieren, und ebensowenig ist wegzudiskutieren, daß er zweimal, im Herbst 1938 und im Sommer 1940, seinem wirklichen Ziel sehr nahe gekommen ist. Es ist also kein müßiges Spiel, sondern durchaus seriöse Geschichtsbetrachtung, die Fehler herauszufinden, mit denen er alles schon halb Erreichte ins Gegenteil verkehrt hat, und es ist nicht morbide Neugier, wenn man sich dabei auch mit Hitlers Charaktereigenschaften beschäftigt: die Fehler, die er machte, hatten meist ihre Wurzeln in Fehlern, die er hatte.

SPRECHER
Hitler – die Erfolge.

TAKE 25
HAFFNER O-TON Anmerkungen, Erfolge, Track 7, 15:02
Hitler war seiner Sache sicher. Und man muß es ihm lassen, er hatte recht, der Frankreichfeldzug wurde sein größter Erfolg. Freilich gilt von diesem Erfolg, was für alle Erfolge Hitlers gilt. Er war nicht das Wunder, als daß er der Welt erschien. Ob Hitler der Weimarer Republik, ob er dem Pariser Friedenssystem den Todesstoß versetzte, ob er die deutschen Konservativen oder ob er Frankreich überrannte: Immer stürzte er nur das Fallende, tötete er nur das schon Sterbende. Was man ihm zugestehen muß, ist ein Instinkt dafür, was schon im Fallen, was schon im Sterben war, was nur noch auf den Gnadenschuß wartete – ein Instinkt, den er allen seinen Konkurrenten voraushatte, und mit dem er sowohl seinen Zeitgenossen als auch sich selbst mächtig imponierte. Aber dieser Instinkt, zweifellos für einen Politiker eine nützliche Gabe, gleicht weniger dem Blick des Adlers als der Witterung des Geiers.

SPRECHERIN
Zum wirksamen Auftreten, im Rundfunk, im Fernsehen, so vor allem in der beliebten Sendung Werner Höfers zur sonntäglichen Essenszeit der Republik, gehörte auch Haffners knarzend-nörgelnde, jedenfalls durchaus eindringliche und einprägsame Stimme. Und die Bestimmtheit seiner Urteile.

TAKE 26
HAFFNER O-TON (CD 4, Track 7,1:05)
Als das Grundgesetz im Mai 1949 verkündet wurde präsentierten es nicht nur seine Urheber mit einer gewissen verschämten Bescheidenheit. Auch bei den Empfängern, den deutschen Bürgern, erweckte es keine Begeisterung. Man empfand es kaum als ein Ereignis. Die Deutschen hatten damals andere Sorgen. Sie nahmen das Grundgesetz hin, wie sie damals alles hinnahmen, ohne sich um die Einzelheiten viel zu kümmern. Die Jahre in denen der Ruhm des Grundgesetzes richtig zu strahlen anfing, waren dann gerade die unruhigen späten 60er, die Jahre der APO, der Studentenrevolte und der NPD. Das ist etwas sehr merkwürdiges, worüber man sich bei weitem nicht genug gewundert hat, gerade die Jahre der Unruhe stärkten die Verfassung. Alle klammerten sich plötzlich an sie und nahmen sie für sich in Anspruch, die Rebellen mit ihrem langen Marsch durch die Institutionen nicht weniger als die Verteidiger von Law and Order. Jedenfalls spricht es für das Grundgesetz, daß es heute den politischen Kämpfen innerhalb und außerhalb des Parlamentes, an denen es nicht fehlt und nie fehlen wird, den festen allseits respektierten Rahmen liefert, auf den sich jeder beruft, an dem keiner rütteln lassen will. Dazu ist eine Verfassung schließlich da.

SPRECHER
Und Fritz Eberhard, der 1982 starb, hätte Haffner unbedingt zugestimmt: das Grundgesetz erwies sich als Glücksfall der deutschen Geschichte.

TAKE 27
O-TON EBERHARD, CD AUGENZEUGEN DER GESCHICHTE, Track 1, 23:07
Wir haben also die Demokratie, zum Beispiel durch das sogenannte konstruktive Mißtrauensvotum, gesichert, das heißt, es kann nicht passieren, was in Preußen Ende der Weimarer Republik ja geschah, daß dann nur noch eine geschäftsführende Regierung da war. Die Regierung wurde gestürzt von den beiden extremen Parteien, damals Kommunisten und Nazionalsozialisten. Die beiden konnten natürlich zusammen keine neue Regierung auf die Beine stellen. Darum das konstruktive Mißtrauensvotum, ein Kanzler kann nur gestürzt werden, wenn gleichzeitig ein neuer Kanzler gewählt wird.
Das ist das eine. Und dann haben wir ja doch eine ganze Reihe Sicherungen eingebaut gegen einen Abbau der Demokratie. Sie haben nicht immer funktioniert, aus Sorge vor Terroristen,

SPRECHERIN
Er denkt dabei an die Bader-Meinhoff Bande.

… aus angeblicher Sorge teilweise nur, jedenfalls in der Hysterie der Terrorismusfurcht sind Grundrechte, vielleicht nicht abgebaut aber angenagt worden, und ich hoffe, das kann bald wieder zurückgenommen werden.

SPRECHER
Bis jetzt hat Fritz Eberhard recht behalten. Seine Mahnung, wachsam zu sein, gilt dabei nach wie vor, zu gerne möchten Politiker jedweder Couleur immer wieder ganze Bereiche des Grundgesetzes „anzunagen“. Und zu Recht weist er hin auf die Offenheit des Grundgesetzes.

SPRECHERIN
Und was würde er heute anders machen? Eberhard fände es vor allem zweckmäßig in bestimmten Fällen Volksabstimmungen zu ermöglichen, und wünscht sich eine explizite Festlegung der Gewaltenteilung im Grundgesetz.

TAKE 28
O-TON EBERHARD, 24:30
Da ist sehr vieles zu tun. Ich hoffe, das kann noch getan werden, denn das Grundgesetz gibt eben den Weg dazu wirklich frei. Auf demokratischem Wege kann vieles anders gestaltet werden, als es heute ist.

MUSIK
Didier Squibane

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