Die politische First Lady

Manuskript: Maximilian Preisler
MerkMal

14. 09. 2000
„Die politische First Lady“ – Visionen der Eleanor Roosevelt

O-TONBAND TAKE 1
I’m going to read you the universal declaration of human rights.

SPRECHER 1:
Eleanor Roosevelt, aus dem Jahre 1948, sie verliest die von den Vereinten Nationen nach langer, kontroverser Diskussion akzeptierte Menschenrechtserklärung, sie hatte am heftigsten für deren Verabschiedung gestritten:

O-TONBAND TAKE 2
The preamble. Whereas recognition of the inherent dignity and of the equal and unalienable rights of all members of the human family is the foundation of freedom, justice and peace in the world.

SPRECHERIN:
Die Anerkennung der angeborenen Würde aller Mitglieder der menschlichen Familie, sowie die gleichen und unveräußerlichen Rechte aller Menschen, sind die Grundlage für Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden in der Welt.

SPRECHER 2:
„I’m on my own“, jetzt stehe ich auf meinen eigenen Füßen, hatte Eleanor Roosevelt gesagt, als sie 1945, nach dem Tod ihres Mannes, des Präsidenten Franklin Delano Roosevelt, das Weiße Haus nach über 12 Jahren verließ. Roosevelt hatte bereits drei Amtsperioden hinter sich, als er, bedingt durch den Krieg, 1944 zum vierten Mal unangefochten zum Präsidenten gewählt worden. Heute dürfen die Privaträume neben dem „Oval Office“nur noch zweimal hintereinander bezogen werden.

SPRECHER 1:
Die Familie Roosevelt, vor langen Jahren aus Holland in die USA emigriert, galt als eine der reichsten und vornehmsten Neuenglands. Aber der Grund, warum die Hochzeit der beiden entfernten Cousins Eleanor und Franklin zum wichtigsten gesellschaftlichen Ereignis des Jahres 1905 wurde, war ein weiterer, sehr berühmter Verwandter. Die Tageszeitungen aus New York berichteten auf ihren ersten Seiten von der Vermählung:

SPRECHER 2:
Präsident Theodore Roosevelt übernahm gestern die Rolle des Brautvaters bei der Eheschließung von Miss Eleanor Roosevelt und Frank Delano Roosevelt, einem Cousin der Braut. Die Braut ist die Tochter des verstorbenen Elliott Roosevelt, einem Bruder des Präsidenten. Der Bräutigam ist ein Cousin des Präsidenten.

SPRECHER 1:
Es war jedoch keine behütete Kindheit, die Eleanore Roosevelt im aristokratischen Heim erlebte. Die Mutter, die sich ein hübscheres Kind gewünscht hatte, starb früh, der von Eleanore geliebte und verehrte Vater war Alkoholiker und es konnte passieren, dass er seine Tochter, die vor einer Bar auf ihren Vater wartete, vergass und ohne sie nach Hause ging. Erst auf einem englischen Internat blühte sie wirklich auf, die Schulleiterin dort brachte ihr Wärme entgegen und bestärkte sie in ihren sozialen Empfindungen. Nach der Hochzeit mit Franklin kamen in schneller Folge sechs Kinder zur Welt, fünf überlebten, vier Jungen und ein Mädchen. Herrin im Haus war allerdings die Schwiegermutter, sie hatte dem jungen Ehepaar ein Haus in New York geschenkt, sie wohnte im Nachbarhaus, das einen direkten Zugang zum Haus des Sohnes aufwies, und als Eleanor einer Liebesaffäre ihres Mannes auf die Spur kam, das war 1917, und die Scheidung verlangte, beharrte die Schwiegermutter auf der Weiterführung der Ehe, die Chancen für ihren Sohn, seine gerade glanzvoll begonnene politische Karriere erfolgreich fortzusetzen, wären als geschiedener Mann gleich Null gewesen.

SPRECHER 2:
Eine Krankheit sollte jedoch fast einen Endpunkt hinter das Streben des jungen, in Harvard ausgebildeten Juristen setzen. Eine Polio-Infektion zwang Franklin Roosevelt seit 1921 in den Rollstuhl. Mit großer Energie bezwang Roosevelt die Handicaps der Krankheit und setzte seine politische Laufbahn fort, auch dank seiner Frau. Vor allem die New Deal Politik lag ihr am Herzen, noch schneller sollte ihrer Meinung nach die unermessliche Arbeitslosigkeit bekämpft werden, noch radikaler die Gesetzgebung sein, die den Arbeitern zum ersten Mal in der amerikanischen Geschichte Gewerkschaftsvertretungen und Mitbestimmungsrechte verschaffte, noch umfassender wünschte sie sich die staatlichen Arbeitsbeschaffungsmassnahmen ausfallen.
CD MUSIK: The Almanac Singers: Which Side Are You On (Reece) LC 5197, BCD 15720, 0:15
SPRECHER 1:
Für viele kleine Farmer im Süden, für Tausende von Arbeitslosen in den Kohlerevieren, für Zehntausende von Erwerbslosen in den Elendsqaurtieren bedeutete die New Deal Gesetzgebung ein Silberstreifen am Horizont, die Stimmung im Land wurde langsam wieder hoffnungsvoller. Von großen Teilen des Ostküsten-Establishments wurde der Präsident allerdings als Verräter, seine Frau der Nähe zu kommunistischen Vorstellungen bezichtigt. Das FBI begann eine umfangreiche Akte über sie anzulegen. Vor allem ihr unbefangener Umgang mit Schwarzen war vielen ein Dorn im Auge.
CD MUSIK: Marian Anderson: Go Down Moses (trad.) Rounder CD 5062, 0:40
SPRECHER 2:
Viel beherzter noch als der Präsident unterstützte die First Lady die Emanzipationsbestrebungen der Afro-Amerikaner. Vergeblich versuchte sie allerdings, den Präsidenten für die Verabschiedung eines Anti-Lynch Gesetzes zu gewinnen. Er lehnte mit der Begründung ab, für seine New Deal Politik brauche er unbedingt die Zustimmung auch der demokratischen Abgeordneten aus dem Süden, und diese widersetzten sich allen Veränderungen im Verhältnis zwischen Schwarz und Weiß. Doch die First Lady wußte auch hier Zeichen zu setzen. Als der konservative Verein der „Daughters of the American Revolution“ zu Ostern 1939 einen Auftritt der schwarzen Sängerin Marian Anderson in der Constitution Hall in Washington verhinderte, engagierte sich Eleanor Roosevelt für ein Konzert der Opernsängerin vor dem Lincoln Memorial – und kündigte ihre Mitgliedschaft in diesem Traditionsverein.
SPRECHER 1:
Die politischen Mittel Eleanor Roosevelts waren beschränkt, als First Lady hatte sie keinen expliziten Wählerauftrag erhalten, und das Modell der „treusorgenden Frau an der Seite des Präsidenten“, das von Martha Washington an gegolten hatte, behagte ihr gar nicht. Sie wusste jedoch, ein offenes Ohr im Weißen Haus würde sie immer finden.
SPRECHERIN:
In einer von mir besuchten Firma, wo die Menschen offensichtlich bessere Zeiten gesehen hatten, zeigte mir ein Mann seinen Lohnstreifen. Die Abzüge ließen ihm weniger als einen Dollar in bar für eine Woche. Es gab sechs Kinder in seiner Familie und sie benahmen sich, als hätten sie Angst vor Fremden. Ich sah eine Schale auf dem Tisch, mit Abfall gefüllt, was Du und ich einem Hund geben würden, und ich sah die Kinder, die sich offenbar auf ihre Mittagsmahlzeit freuten, daraus eine Handvoll nehmen und mümmelnd weggehen. Das war alles, was sie zu essen hatten. Als ich ging, nahmen zwei der Kinder all ihren Mut zusammen und kamen an die Tür, der kleine Junge mit einem weißen Kaninchen auf dem Arm. Es war deutlich zu sehen, dass dies sein liebster Freund war. Das kleine Mädchen war dünn und schmuddelig und hatte ein Funkeln in ihren Augens als sie ihren Bruder ansah und sagte: „Er glaubt, wir werden es nicht essen, doch genau das werden wir tun.“ Darauf rannte der kleine Junge weg und hielt sein Kaninchen fester als je zuvor. Ich war dankbar, dass William C. Bulitt, der spätere amerikanische Botschafter in Frankreich, der bei dem Essen anwesend war, mir am nächsten Tag einen Scheck sandte, mit dem er, wie er sagte, das Kaninchen am Leben zu halten hoffte.

SPRECHER 1:
Andere Wege, ihre Vorstellungen der Öffentlichkeit zu vermitteln, fand sie schnell. Dazu gehörten ihre Pressekonferenzen, zu der – eine gewagte Neuerung -nur weibliche Journalisten zugelassen wurden. Zwar ging es in diesen Pressekonferenzen sehr oft einfach um „human interest“ Geschichten –
SPRECHERIN:
Was ich zu Weihnachten in die Strümpfe stecke? Nun, Zuckerwerk und Dinge, die wichtig sind für die Reinhaltung des Körpers, Seife und Zahnbürsten. Ja, selbst der Präsident und seine Mutter bekommen Seife und Zahnbürsten.
SPRECHER 1:
Jedoch auch brisante Fragen kamen auf die Tagesordnung, zum Beispiel die nach der Gleichstellung der Frau im Beruf.

SPRECHER 2:
Neben diesen Pressekonferenzen schrieb Eleanor Roosevelt jeden Tag eine kurze Presse-Kolumne über die Vorkommnisse im weißen Haus – My Day – sie hielt Vorträge und sie reiste unermüdlich, um dem Präsidenten ein Stimmungsbild zu geben.

O-TONBAND TAKE 3, 22 Sekunden, DL 9628
Yesterday, December, 7., 1941, a date that will leave in infamy …SW 9401, 0:20

SPRECHER 1:
Seit 1941 befanden sich die USA im Krieg gegen Japan und Deutschland, Eleanor Roosevelt setzte auch hier Zeichen, ihre strikte Gegnerschaft gegen Nationalsozialismus und Faschismus riß viele ihrer Landsleute aus der Lethargie, sie beharrte darauf, daß Gegnerschaft zu diesen menschenverachtenden Ideologien nur heißen könne, im eigenen Land ein freiheitliches Klima zu schaffen. Sie reiste in das vom Blitzkrieg heimgesuchte London und sie besuchte, in eine Rot-Kreuz-Uniform gekleidet, die Soldaten der pazifischen Front, kümmerte sich vor allem um die Nöte der Verwundeten. Es war nicht überraschend, daß sie nach dem siegreichen Ende des Krieges zwar auf die Deutschen zutrat und ihnen die Hand zum Wiederaufbau reichte, jedoch vorher noch einmal deutlich machte, was zu diesem furchtbaren Krieg geführt hatte:

O-TONBAND TAKE 4
Die Bürger eines Landes fühlen natürlich immer, dass sie nicht für die Katastrophen verantwortlich sind, welche über sie hereinbrachen. In diesem letzten Krieg jedoch wird es meiner Ansicht nach gut sein für das deutsche Volk als ganzes über folgendes klar zu werden. Die Nichtachtung menschlicher Rechte und die Bereitschaft so vieler Deutscher einem Diktator die Entscheidungen zu überlassen, die von Rechts wegen dem Volke selbst zustehen sollten, haben ihm die Völker der übrigen Welt entfremdet.

SPRECHER 1:
Für den Nachfolger ihres Mannes, für Harry S. Truman, leistete sie als amerikanische Delegierte bei den Vereinten Nationen wertvolle Dienste, und für die Demokratische Partei griff sie immer wieder in Wahlkämpfe ein, vor allem John F. Kennedy konnte von ihrem Ansehen profitieren.

SPRECHER 2:
Im politischen Bereich erfuhr Eleanor Roosevelt eine Befriedigung, die sie im privaten Leben schmerzlich vermisste. Sie hatte große Sorgen mit ihren Kindern, und mit Franklin, so die Biografen, lebte sie seit dessen Affäre Franklins 1917 nicht mehr als Mann und Frau zusammen. Ein tiefer Schock war es wohl für sie, daß der Präsident 1945 eben jene frühere Geliebte an sein Sterbelager rief – und Eleanores Tochter dies arrangierte hatte.

SPRECHER 1:
Eleanor Roosevelt zwang sich schon früh, auf eigenen Füßen zu stehen, sie baute sich neben dem großen Familiensitz Hyde Park ein kleines eigenes Haus, sie suchte sich enge Freundinnen, einige offen lesbisch, mit denen sie zusammenlebte, mit denen sie Reisen unternahm und von denen sie sich anregen ließ. Später waren es vorwiegend jüngere Männer, die sie auf ihren Auslandsreisen begleiteten und sie berieten. J. Edgar Hoover kritzelte ein „ekelerregend“ neben derartige Spitzelberichte.

SPRECHER 2:
Jedoch für eine große Mehrheit der Amerikaner bleibt Eleanor Roosevelt auch fast 40 Jahre nach ihrem Tod ein Vorbild – eine Frau mit Visionen, oder, wie es eine Biografin ausdrückte: the best that America could be.

O-TONBAND TAKE 5
Wir wünschen sehr, daß die Vereinten Nationen Erfolg haben mögen. Denn wir glauben, dass wenn endlich alle Nationen der Welt in dieser Organisation sind und darin verbleiben, notwendigerweise daraus ein besseres Verständnis und ein größeres Gefühl der Zusammenarbeit auf den Gebieten erwachsen wird, auf denen vereintes Handeln mehr Gesundheit, Glück und gemeinsames Gedeihen der Völker der Erde hevorbringen kann.