Deutschland: Mit amerikanischen Augen gesehen

Autor: Maximilian Preisler
erschienen in: Chelsea Hotel – A Magazine For The Arts, Vol. 6, 2. Hj. 1994

Deutschland im Jahre 1936 und Deutschland im Jahre 1948. Zwei Texte aus jenen vergangenen Tagen, geschrieben von amerikanischen Schriftstellern. Wenn man so will, betrachteten sie Deutschland gleichzeitig von innen und von außen. Von innen, denn sie verbrachten einige Zeit in Deutschland; von außen, denn sie kamen in dieses Land als Besucher und gingen am Ende ihre Besuchs wieder zurück, nach Amerika.

Thomas Wolfe kam 1936 als gefeierter Autor nach Berlin. Heinrich Maria Ledig-Rowohlt, sein deutscher Verleger, nannte ihn später gar den “Homer des modernen Amerika”. Wolfe war jung, die Menschen, die er traf, zollten ihm Bewunderung, Männer und Frauen suchten seine Bekanntschaft zu machen und, vielleicht noch wichtiger, Wolfe liebte dieses Land. Schon bei einem früheren Besuch hatte er geglaubt, in Deutschland ein Ur-Land der Seele entdeckt zu haben, auch seiner Seele. Damals schrieb er von seiner Verzauberung durch den deutschen Wald, jenem Wald, der “mehr ist als nur Bäume – der Bann ist, der verwunschen ist, der verzaubert, der die Herzen der Menschen, und besonders jener Fremden, die eine Artverwandtschaft mit diesem Land haben, mit dunkler Musik füllt, mit Erinnerung, die ihnen keine Ruhe mehr läßt, doch die nie ganz gewonnen werden kann.” Dies waren also die Voraussetzungen, – nicht gerade die günstigsten Bedingungen, ein Land kritisch unter die Lupe zu nehmen.

Wolfe starb, völlig überraschend, 1938, zwei Jahre nach seinem Berlinaufenthalt, er war gerade erst 38 Jahre alt. Der Roman “You Can’t Go Home Again”, in dem Wolfe ein langes Kapitel der deutschen Hauptstadt widmete, erschien erst zwei Jahre nach seinem Tod, 1940, in deutsch dann 1942, unter dem Titel: “Es führt kein Weg zurück.” Wie fast alle seiner literarischen Arbeiten, ist auch “You Can’t Go Home Again”, ein autobiographischer Roman, ein Text, der subjektive Eindrücke durch objektive, distanzierte Schilderung zu Literatur transformieren will.

Im Berlin des Olympia-Jahres steigt ein junger, erfolgreicher, amerikanischer Schriftsteller aus dem Zug, George Webber genannt, der die Stadt in vollen Zügen genießt. “Der Mai ist überall ein wunderschöner Monat, aber in jenem Jahr war er in Berlin besonders schön. Auf allen Straßen, im Tiergarten, in allen großen Gärten und am Ufer des Spreekanals standen die Kastanienbäume in voller Blüte. Unter den Bäumen des Kurfürstendamms flanierten die Leute, die Terassen der Cafés waren dicht besetzt, und die Luft dieser goldfunkelnden Tage schien wie Musik zu schwingen.” Ruhm, Schönheit, – Liebe. Nicht nur Liebe zu Deutschland, der Schriftsteller verliebt sich in eine schöne deutsche Frau: “Sie war so durch und durch leidenschaftliches Weib, wie eine Frau es nur sein kann.” Er hatte das Gefühl, “die rauhen Zeiten wären nun für jedermann vorbei, und eine glücklichere Zeit nähme ihren Anfang.” Mit Else, so heißt die junge Witwe mit der “phantastischen Figur”, geht George jeden Tag zum Stadion, um den Spielen zuzuschauen. Und hier entdeckt der amerikanische Besucher erste dunkle Stellen in dem prunkvollen Bild, feine Risse in der perfekten Zurschaustellung. Gerade jenes “Organisationsgenie des deutschen Volkes”, das er gerade noch bewunderte, erhält plötzlich einen unangenehmen Beigeschmack, fast gegen seinen Willen, stellt er Ãœbertreibungen fest, er spürt etwas drohendes, etwas unheilverkündendes. Wie viele andere bewundert er die Regimenter von Braunhemden, die in zwei geschlossenen Reihen von der Wilhelmstraße bis zum Brandenburger Tor stehen, junge Männer, lachend, und ungezwungen. “Dann plötzlich ein scharfes Kommando und das Zusammenknallen von zehntausend schweren Stiefeln. Es klang nach Krieg.” Diese Zeremonie kündet “sein” Kommen an, und dann rollt das Auto des “Führers” vorbei, dieses Schwarzen Messias, so nennt ihn Thomas Wolfe, und er beschreibt, mit welcher Heilserwartung Hitler von der Menge der Armen und Ärmsten, die sich in den Straßen drängeln, ersehnt wird, bei seiner täglichen Fahrt ins Stadion.

Andere Vorahnungen bedrängen den jungen Schrifsteller: da wird jemand ausgeladen, und der Grund wird nicht genannt, jemand rät ihm, diesen oder jenen nicht mehr zu treffen, das könne gefährlich werden, doch das sind alles nur leichte Verwerfungen auf einer immer noch glatten Oberfläche. 1936, da bieten die Buchläden noch Bücher aus aller Welt an, und der Sommer ist hell und die Straßenbahnen funktionieren, wie sie in keinem anderen Land der Welt funktionieren. Erst allmählich ändert sich das Bild, und es dauert lange, bis zum letzten Tag seines Aufenthaltes wohl, bis George Webber die Gefahren als wirkliche Gefahren erfährt, bis er als Realität akzeptieren kann, was ihm bis jetzt nur als Schatten auf der Seele lag. Selbst seine Freunde, so muß er feststellen, sind von einer Angst ergriffen, die sie unsinnige Dinge sagen und tun läßt, niemand ist davor gefeit, ein ganzes Volk ist von einer psychischen Krankheit ergriffen, die Seele eines großen Volkes ist angekränkelt. “(George) wurde klar”, schreibt Thomas Wolfe, “daß diese ganze Nation von der Seuche einer ständigen Furcht infiziert war: gleichsam von einer schleichenden Paralyse, die alle menschlichen Beziehungen verzerrte und zugrunde richtete. Der Druck eines ununterbrochenen schändlichen Zwanges hatte dieses ganze Volk in angstvoll-bösartiger Heimlichtuerei verstummen lassen, bis es durch Selbstvergiftung in eine seelische Fäulnis übergegangen war, von der es nicht zu heilen und nicht zu befreien war.”

Wolfe, der übrigens selbst nicht frei war von antisemitischen Gefühlen, in seinen Tagebüchern aus dem Jahre 1936 lassen sich leicht Beispiele dafür finden, endet dieses lange Kapitel, das er mit “Nun will ich dir was sagen …” überschrieben hat, mit einer Szene im Zug. George Webber verläßt Deutschland, er fährt mit der Eisenbahn von Berlin nach Paris. An der Grenze wird ein Mann verhaftet, der im Abteil saß, und der wie die anderen Mitreisenden während dieser Fahrt Teil einer kleinen Welt geworden war, eines Universums unterschiedlicher Menschen, in dem er, der Jude, nicht der angenehmste Mitreisende war, der jedoch ebenbürtiger Mit-Mensch war. Er hatte vor, wie die anderen Reisenden auch, Geld über die Grenze zu schmuggeln, wohl weil er flüchten wollte, und jetzt wird er von korrekten, unmenschlichen deutschen Grenzbeamten aus dem Zug geholt und die kleine Gemeinschaft, der Mikrokosmos, ist zerstört. Webber weiß, für ihn führt kein Weg zurück. So nimmt er Abschied, mit beschwörenden Worten, die noch einmal alle Liebe zu diesem Land zusammenfassen: “… alter Meister und Magier Faust, … du, altes deutsche Land, mit all deiner Wahrheit, deinem Ruhm und deiner Schönheit, mit deinem Zauber und deiner Verderbnis, … dunkles Land, du dunkle Erde, du altes, uraltes Land meiner Liebe – lebe wohl!” In dieser raunenden Abschiedsrede steckt, so denke ich, viel von jener Mystik, in der auch die Nazis nur zu gern schwelgten, doch gerade weil Wolfe, der durch seine Liebe zu Deutschland sich in seiner Sprache einer bestimmten deutschen Art zu Denken und zu Schreiben angeglichen hatte, gerade weil Wolfe dieser Kultur so nahe ist, erschreckt und vestört sein schneidender Urteilsspruch, daß die nationale Selbstvergiftung nicht zu heilen sei, um so mehr.

Thomas Wolfes Name hat heute noch bei uns einen guten Klang, mit betrübter Miene teilt mir mein Buchhändler mit, daß dieser Roman zur Zeit nicht vorrätig sei, ich solle mein Glück in der Bücherei versuchen, dort leuchten die Augen auf, als ich Wolfes Bücher verlange. Bei Kay Boyle sieht die Sache anders aus, sie gilt es noch zu entdecken. Eins der beiden Bücher, auf das ich mich in meinem Essay beziehen möchte, ist erst vor kurzem bei dem Verlag Neue Kritik in Frankfurt am Main zum ersten Mal in deutscher Ãœbersetzung erschienen, “Der rauchende Berg”, als zweiter Band einer auf 10 Bände angelegten Kay Boyle-Werkreihe, die zweite Arbeit von Kay Boyle, auf die ich mich beziehen möchte, der Roman “Generation Without Farewell” liegt bis jetzt nur im Original vor.
In der deutschen Werkausgabe sind bisher bereits erschienen: “Eisbären und andere Erzählungen”, eine Sammlung von Kurzgeschichten, der bereits erwähnte Band “Der rauchende Berg”, und im Herbst wird, zum ersten Mal in deutscher Sprache, Boyles erster Roman folgen: “Das Schweigen der Nachtigall”, im Original 1931 unter dem Titel “Plagued by the Nightingale” erschienen.

In Amerika müßte man Kay Boyle nicht vorstellen, wer ihre Texte im Original lesen möchte, der sei auf die American Studies Abteilungen der Universitäten verwiesen, dort stehn in langen Reihen ihre Bücher: die vierzehn Romane, die fünf Sammlungen von Kurzgeschichten, ihre Essaybände, ihre Gedichte, ihre Kinderbücher, und auch ihre Erinnerungen an die zwanziger Jahre, die sie zusammen mit Robert McAlmon geschrieben hat (Being Geniuses Together 1920-1930), hier findet man sie fast alle, wenn auch etwas verstaubt. Während der letzten Jahre ihres Lebens hatte sich Kay Boyle den Westen der USA als Lebens- und Arbeitsplatz ausgesucht, dort starb sie im letzten Jahr, über 90 Jahre alt. Geboren wurde Kay Boyle, 1902 in St. Paul, Minnesota. Sie begann früh zu schreiben, angeregt von ihrer Mutter, die, obgleich selbst nicht künstlerisch tätig, unerschrocken Kontakt mit einigen hochgelobten Schrifststellern und Malern ihrer Zeit knüpfte. Kay Boyle ist Nachfahrin einer längeren Reihe von unabhängigen Frauen in der Familie. Dazu gehörten, neben ihrer Mutter, die Großmutter, die eine der ersten Frauen überhaupt war, die für die Regierung in Washington arbeitete, und eine Tante, die für die Suffragettenbewegung Karikaturen zeichnete. In den 20er Jahren ging Boyle, wie so viele Amerikaner mit literarischen Ambitionen, nach Paris.
Sie arbeitete und schrieb für kleine Zeitschriften, lernte die Avantgarde Künstler der Zeit kennen, von Hemingway über Gertrude Stein bis Joyce, setzte ihre Unterschrift unter das berühmte Manifest für die “Revolution des Wortes”, das 1929 in “transition” abgedruckt war und das so begann: “Proclamation. Tired of the spectacle of short stories, novels, poems and plays still under hegemony of the banal word, monotonous syntax, static psychology, descriptive naturalism, and desirous of crystallizing a viewpoint … we hereby declare that:
1. The Revolution In The English Language Is An Accomplished Fact.” Und dessen zwölfte und letzte These lautete: “The Plain Reader Be Damned”. Kay Boyle hatte allerdings auch einen sehr praktischen Grund nach Frankreich zu gehen, sie begleitete ihren ersten Ehemann, der Franzose war. Während die meisten ihrer amerikanischen Landsleute am Ende der 20er Jahre Europa wieder verließen, übrigens oft ebenfalls aus sehr pragmatischen Gründen, denn ihre Dollars verloren an Wert, blieb sie in Europa. Erst nach der Besatzung Frankreichs durch Deutschland im Zweiten Weltkrieg kehrte sie 1941 in die USA zurück. Der Pan American Clipper, den sie bestiegen, hatte eine ausgesuchte Gruppe von Menschen an Bord, schreibt Sandra Whipple Spanier in ihrer Kay Boyle-Biographie (Kay Boyle – Artist and Activist, Southern Illinois University Press, 1986), “headed by four adults: “Kay Boyle, Laurence Vail (Boyles damaliger Ehemann), Peggy Guggenheim (die frühere Ehefrau Vails), and Max Ernst.” Dann zitiert sie Peggy Guggenheim, die in ihrer Autobiographie den Flug so beschrieb: “We were eleven people: one husband, two ex-wives, one future husband, and seven children.”.
Nur für wenige Jahre blieb Kay Boyle in den USA, schon kurz nach der Befreiung Frankreichs war sie wieder in Paris. Diesmal hatte sie einen Auftrag, sie sollte Geschichten aus dem amerikanisch besetzten Teil Deutschlands an den “New Yorker” schicken. Zuerst fuhr sie nur zu kurzen Stippvisiten über die Grenze, ihre Abneigung gegenüber Deutschland war einfach zu stark, dann, als ihr Mann, Baron Joseph von Franckenstein, es war inzwischen ihr dritter Ehemann, ein naturalisierter Amerikaner österreichischer Abstammung, einen Job bei der Militärverwaltung in Marburg erhielt, zog die ganze Famile um. In den eher melodramatisch gefärbten Romanen Boyles während der Zeit des Krieges, die den “plain reader” der Saturday Evening Post umwerben, taucht Franckenstein, nur düfrig durch den Gebrauch anderer Namen getarnt, öfter als Held auf. Sein Leben, das sei hier in Paranthese angefügt, bot allerdings tatsächlich Stoff für mehrere Romane: er flüchtete aus Österreich, als die Nazis kamen, kam auf abenteuerlichen Wegen in die USA und wurde amerikanischer Soldat, eingesetzt war er auf den Aleuten. Später sprang er in Geheimmission mit dem Fallschirm im besetzten Teil Frankreichs ab, wurde Anfang des Jahres 1945 von der SS in Österreich gefangengenommen und entkam nur knapp dem Tod. 1952 wird Franckenstein ein Opfer der McCarthy Hysterie, ohne viel Federlesens löst man ihn von seinem Posten in Frankfurt am Main ab, Roy Cohn und G. David Shine, die beiden jungen Bluthunde des demagogischen Senators aus Winsconsin, setzten sich über eine Anhörung hinweg, die nichts Ehrenrühriges herausfinden konnte. Franckenstein wurde vor allem wegen seiner Frau gefeuert, die von ihr Unbekannten “beschuldigt” wurde, vier Jahre lang der Communist Party angehört zu haben. Aber natürlich nahmen die Inquisitoren vor allem Anstoß am Verhalten von Kay Boyle, die immer noch ehemalige republikanische Spanienkämpfer unterstützte, die nicht nur deutsche Mißstände anprangerte, sondern auch amerikanische und die sich partout den Mund nicht verbieten lassen wollte, konkret gesprochen, sie weigerte sich strikt, ihre Texte vom Außenministerium absegnen zu lassen. Kay Boyle verliert nach diesem Vorfall ihre Akkreditierung für den New Yorker. Harold Ross, der frühere Herausgeber, der sie nach Europa geschickt hatte, und dem sie ihren Essayband später widmete, war inzwischen verstorben, ihre Beziehung zum New Yorker verschlechterte sich rapide, und sie beschließt, Europa “Farewell” zu sagen.
Einer ihrer Schüler, sie unterrichtete, um Geld zu verdienen, in einem deutschen Gefängnis, rät ihr: “Bleiben Sie in Deutschland, wo sie sagen und schreiben können, was sie wollen”, und sie erkennt die Ironie, die in diesen Worten liegt, und kann doch nicht darüber lachen.

Fünf Jahre vorher waren ihre Gefühle für das Land, über das sie Reportagen liefern sollte, ganz anderer Art. “Der Rauchende Berg”, die Sammlung von Essays und Geschichten über Nachkriegsdeutschland, beginnt mit einem längeren Bericht über einen Mordprozeß gegen Heinrich Baab, einen Frankfurter Gestapo Beamten. Der übrigens, dieses Detail macht die Stimmungslage deutlich, 1947 mit seiner Familie aus der Ostzone in die Westzone übergewechselt war, hier hatte er sich Ruhe vor Verfolgung erhofft. Kay Boyle läßt den Leser nicht über ihre Abneigung gegenüber diesem Land im Unklaren, sie spricht ihren Vorbehalt gleich auf den ersten Seiten offen aus: “(Ich kam) 1948 hierher, um hier zu leben, und machte mir damit eine gewissenhafte und fast vollkommen lieblose Suche nach einem anderen Gesicht Deutschlands zur Aufgabe.” Fast widerstrebend erkennt sie an, daß ein deutsches Gericht, mit deutschen Anwälten und einem deutschen Richter über einen deutschen Mörder Recht spricht, eine Voraussetzung für die Selbstreinigung, so ihre Worte, und sie widerspricht leidenschaftlich dem Kanzler Konrad Adenauer, der forderte, die Deutschen müßten die Trennung der Menschen in Sünder und Unschuldige aufgeben, nur so könne ein vereintes Deutschland gewonnen werden. Boyle hingegen verlangt von den Deutschen, von allen, daß sie Verantwortung für das Geschehen übernehmen, nationale Verantwortung. Sie zitiert zustimmend einen Freund, einen deutschen Emigranten, der ihr aus New York schrieb: “Die Konsequenzen unseres Versagens als Nation manifestieren sich praktisch in jedem Einzelnen. Wir Deutschen haben nie auf den Barrikaden für die Freiheit gekämpft … wir haben nie einen unserer eigenen Könige oder Präsidenten oder Führer vor Gericht gestellt und verurteilt. Wir haben uns nie selbst befreit.” (Auf die Parallelität zu jener Farce in jüngster Vergangenheit, die als Prozess zu bezeichnen Hochstapelei wäre, muß wohl kaum hingewiesen werden.)

Das Bild des Heinrich Baab entspricht in vielen Zügen jenem Bild, das einige Jahre später Hannah Arendt von einem anderen, noch monströseren Menschen entwarf, von Adolf Eichmann. Arendt gab ihrem Bericht den Untertitel: Von der Banalität des Bösen. Baab, der Mann, der das Leben und die Freiheit von mehreren hundert Menschen Frankfurts auf dem Gewissen hat, der ab 1942 zuständig war für die Deportation der Frankfurter Juden, sitzt geduckt da, und während die 157 Zeugen detailliert über seine Grausamkeit und seine Gleichgültigkeit aussagen, holt er sich aus einer Tüte mit Nüssen, die er unter der Bank verbirgt, eine Nuß nach der anderen heraus und steckt sie sich verstohlen in den Mund. Kay Boyle: “Hätte er nicht das Glück gehabt, ein Polizist in einem Polizeistaat gewesen zu sein, es fiele schwer, in ihm etwas anderes zu sehen als einen gelangweilten und streitsüchtigen Taxifahrer oder Ober in einem Café, einen unwilligen Bediensteten, ständig vor Zorn geladen und jederzeit bereit, ebenso frech die Höhe des Trinkgeldes, das man ihn gab, zu beanstanden, wie er das Recht von Männern und Frauen auf Leben beanstandet hatte.” Ein mittelmäßiger Mann alles in allem, der in fünfundfünzig Fällen des Mordes für schuldig befunden wurde. Die amerikanische Reporterin lobt das Verfahren, ihr ist die Tatsache wichtig, daß es ein deutscher Strafprozeß ist, nicht angeordnet von der Siegermacht, sie erhoffte sich das Modell für eine Revolution, die unbedingt nötig gewesen wäre, aber nicht stattgefunden hat.

Auf diesen längeren Essay, der fast ein Drittel des Buches einnimmt, folgen neun “Geschichten aus Deutschland”, die, zusammen mit der Einleitung und zwei weiterer Geschichten, die keine Aufnahme in die deutsche Ausgabe fanden, 1951 in den USA unter dem Titel “The Smoking Mountain” erschienen. Gibt es einen Neuanfang in Deutschland? fragt sich die Autorin immer wieder. Aber bereits von der ersten Geschichte an, die den Titel “Neuanfang” trägt, ein ironischer Titel, das wird nach wenigen Zeilen deutlich, verneint Kay Boyle die Frage vehement. Da nimmt eine junge Frau, eine Amerikanerin, hinter der sich offenkundig die Autorin selbst verbirgt, nacheinander vier Anhalter in ihrem Auto mit. Keine Zufallsauswahl, es sind Menschen, die einen Querschnitt bieten durch die deutsche Bevölkerung: ein Medizinstudent, eine kesse Blondine, ein verwundeter Soldat und ein Mercedes Fahrer. Die Erzählerin wünscht sich, daß die Menschen aus der Niederlage etwas gelernt hätten, daß sie ein Gefühl von Schuld, wenigstens von Scham besitzen, sie findet statt dessen: Vorurteile gegenüber Juden, Ablehnung der schwarzen Besatzungssoldaten, “Nigger”, sie wird konfrontiert mit Standesdünkel, Besserwisserei, im günstigsten Fall Nicht-Wissen-Wollen. Einer der vier, der Student, ein Kunstliebhaber, will es einfach nicht glauben, daß deutsche Truppen in der Renaissance Stadt Florenz schlimm gehaust haben, er stellt die ungläubige Frage: “Aber warum hätten sie das tun sollen? … Welchen Grund sollte das deutsche Militär gehabt haben, Kunstdenkmäler zu zerstören?”
Und was ist mit der Jugend, wie verhält sich die nachwachsende Generation? Boyles Antwort ist auch hier schneidend: Die Kinder sind infiziert von Großmannsucht, von Herrschaftsallüren, geradeso wie die Elterngeneration. In “Fifes Haus” schließt ein kleiner amerikanischer Junge Freundschaft mit einem etwas älteren deutschen Jungen. Der Deutsche möchte die Uhr des neuen Freundes, als sie ihm verweigert wird, versucht der Ältere den Kleinen einzuschüchtern, demütigt ihn, bedroht ihn, und als er trotz allem nicht zum Ziel kommt, zündet er aus Wut die Mülltonnen in der amerikanischen Siedlung an.

Diese Erzählung, so scheint mir, wird überlagert von einem Kommentar, der zu sehr von außen kommt, sich nicht aus den Personen entwickelt. Ist dies der Preis für die “fast vollkommen lieblose” Einstellung, der sich die Autorin verschrieben hat? Der mystifizierende Hinweis auf das Blut des Jungen, in dem das Böse der Eltern weiterwirkt, trägt nichts bei zur Erklärung seines Verhaltens. Differenzierter werden die Personen in “Ein Einbrecher” dargestellt. Einer amerikanischen Familie ist das Haus eines ehemaligen Nazi-Blockwarts zugewiesen worden. Der frühere Besitzer, der hofft, bald wieder in sein Eigentum einziehen zu können, hat ihnen einen Arbeitslosen vermittelt, der den Garten in Ordnung bringen soll. Ein Mann, so abgemagert, daß er den Amerikaner an die Skelette erinnert, die er in Dachau gesehen hat, als das Lager befreit wurde. Dann geschieht ein Einbruch, ein Fenster ist eingeschlagen, die Wohnung wurde durchwühlt. Der Verdacht fällt sofort auf den ausgehungerten Handlager, denn nicht das Silbersteck hat der Einbrecher mitgehen lassen und auch nicht die Pässe, der Dieb begnügte sich mit Schokolade und Fisch in Dosen. Die Amerikaner können diese Tat verstehen, wenn auch nicht billigen, sie werden ihn nicht anzeigen. Das Verhalten des früheren Nazis erst macht sie wütend, denn dieser kennt kein Erbarmen, er will den Mann sofort der Polizei übergeben. Nun erst, als der Amerikaner in “dieses diensteifrige, dieses fantatisch unterwürfige Gesicht blickt,”, erst jetzt “erfüllt ihn ein wilder, unbändiger Zorn”.

Es ist nicht nur die Differenziertheit in der Behandlung der deutschen Protagonisten, die auffällt, es klingt auch etwas an, was bereits in anderen Reportagen angelegt war, und in einigen Geschichten schließlich als gleichwertiges Thema behandelt wird. Ich meine Boyles kritische Darstellung der Amerikaner in der von ihnen besetzten Zone Deutschlands. Sie ist bestürzt über den Unwillen der ignoranten Besatzungssoldaten, die Ruinen-Realität jenseits der übervollen Truhen und Regale wahrzunehmen, sie prangert die traurige amerikanische Wirklichkeit der Diskriminierung der Schwarzen an. Und dies macht ihre Geschichten insgesamt glaubwürdiger. In “Zu Hause” läßt sich ein schwarzer Soldat nicht beirren durch den Hinweis, er falle bloß auf einen billigen Trick herein. Er opfert gerne einen großen Teil seines Monatsgehalts an der Kasse eines “clothing stores”, in dem er einem kleinen deutschen Jungen gerade völlig neu eingekleidet hat. Warum, will die Verkäuferin wissen? “Wissen Sie, zu Hause, … Má am, hatte ich nie große Gelegenheit etwas für andere Menschen zu tun, deshalb war ich froh, daß ich hier diese Gelegenheit bekam.”

Um die Grausamkeiten der Deutschen während des Krieges und die Diskriminierung von Minderheiten in den USA kreist die Geschichte “Die Verlorenen”. Jungs aus aller Herren Länder, vom Krieg aus ihrer Heimat vertrieben, wo sie Zeugen wurden, wie SS Truppen ihre Eltern ermordeten, haben sich den siegreichen amerikanischen Truppen angeschlossen. Sie wurden zu kleinen Diensten eingesetzt, waren die Maskottchen der Einheit. Nun hat man sie in ein Heim für Displaced Persons gesteckt, dort warten sie, hegen Träume von der großen Fahrt nach Amerika, denn jeder von ihnen kennt einen GI, inzwischen ausgemustert, der ihm fest versprochen hat, ihn nachzuholen. Lange braucht so ein kleiner Bursche bis er einsieht, daß sein großer Soldatenfreund ihn nie wird zu sich nach Chattanooga, Tennessee, holen können: der GI ist schwarz und er, der hellhäutige Junge, wird nicht dort wohnen können, wo sein Freund wohnt: im Ghetto. “Es gibt da ein Problem”, sagt die Heimleiterin, “es ist ein Problem der Hautfarbe.” In den Jahren, die auf das Ende des Zweiten Weltkriegs folgten, gilt das Mißtrauen der Reporterin Kay Boyle allen Deutschen, die im Land geblieben sind. Ihre Sympathie wendet sich jenen zu, die gezwungen waren zu emigrieren. Eine der schönsten Geschichte, “Frankfurt in uns”, spielt im D-Zug, gerdeso wie jene Szene im Roman von Thomas Wolfe. Diesmal ist es der Gegenzug, er fährt von Paris nach Frankfurt. Eine jüdische Frau, deren Mann 1934 starb, kehrt zurück in ihre Vaterstadt. Sie war mit zweien ihrer Söhne nach China geflüchtet, zwei wurden im KZ ermordert. Die Mutter und die Söhne hatten alles, was sie konnten, aus Frankfurt mitgenommen, “seine Kultur, seine Gelehrsamkeit, seine demokratische Geschichte.” Die amerikanische Frau, die im Speisewagen Zeugin der Trauer und der Vorfreude wird, ist tief bewegt. Sie hält dennoch an ihrer Aversion gegen die Stadt fest. Erst viele Jahre später, 1960, wird Kay Boyle einen Roman veröffentlichen, “Generation Without Farewell”, “Generation ohne Abschied”, der den gleichen Schauplatz hat und die gleiche Zeit beschreibt, in dem die Geschichte aber aus der Sichtweise eines Deutschen erzählt wird. Erst hier gestattet sich die Autorin anzuerkennen, daß die “demokratische Geschichte” in der Nazi-Diktatur kein absolutes Ende gefunden hat. Jaeger heißt ihr Held, er ist Journalist, hat im Afrika Korps gekämpft, war mehrere Jahre in den USA in Kriegsgefangenschaft und hat dort sein Denken “amerikanisiert”. Im Laufe der Romangeschehens lernt Jaeger, sein Deutschsein zu akzeptieren, er findet zu sich selbst. Und dieses Bekenntnis wird positiv gesehen, wobei auffallend ist, daß auch hier wieder das “Blut” eine Rolle spielt. Am Ende des Romans faßt die Autorin die Gedanken Jaegers so zusammen:

“Die Deutschen, meine Landsleute, flüsterte sein Blut, sie sind seit Urbeginn der Zeiten auf Jagd, das Biest, das sie in rechtschaffener Rache verfolgen, haben sie vor sich selbst entstehen lassen, vor so langer Zeit, daß sie sich ein Leben ohne es gar nicht mehr vorstellen können… Und meine Aufgabe ist es, ihnen zu sagen, daß es dieses gigantische Biest gar nicht gibt. Ich muß ihnen sagen, daß es nicht Frankreich ist, dieses Tier, das Feuer und Schwefel schnaubt vor ihrer Tür, und auch nicht Russland, England oder Amerika, daß es alle Menschen ist, die einen andere Vision besitzen, einen anderen Glauben.”

Natürlich, wir sprechen über Literatur, nicht über die deutsche Wirklichkeit der Jahre 1936 und 1948, dennoch ist es legitim, denke ich, die Fiktion zu fragen, was sie uns über die Realität, aus der heraus sie entstand, zu sagen hat. Es ist kein angenehmes Spiegelbild, das uns entgegenschaut, die amerikanische Brille zeigt ein zerrissenes Land, Menschen die verdrängen, die unfähig sind zu trauern, die sich an Vorurteile klammern, die Bedürfnis nach autoritären Strukturen haben. Thomas Wolfes ausgeprägte Liebe zu Deutschland kommt zu ähnlichen Resultaten wie Kay Boyles gerade so starke Abneigung. Es wäre zu leicht, und, wie zu Beginn bereits gesagt, kurzschlüssig, wollte man das Heute mit dem Gestern gleichsetzen. Dennoch verblüffen die vielen Charakterzüge, leider besonders die vielen negativen Charakterzüge, die diese amerikanischen Schiftsteller an Deutschen fanden, und die so ähnlich sind jenen, über die heute geklagt wird.

So eindringlich diese Schilderungen auch sind, man muß im gleichen Maße den absoluten Wahrheitswillen bewundern, der Boyle und auch Wolfe antreibt, das Böse überall, selbst in ihrem Heimatland, in Amerika, zu suchen.

Wolfes voluminöser Roman “Es führt kein Weg zurück” endet mit einem Brief, den jener George Webber nach seiner Abfahrt aus Deutschland seinem amerikanischen Verleger sendet. Noch einmal unterstreicht er seine Zuneigung zu jenem Land, “das ich von allen mir bekannten Ländern am meisten liebte”, er beklagt, daß dieses edle und mächtige Volk tödlich vergiftet sei von seelischem Ãœbel. Dann aber weitet er den Blick. In der Fremde sei ihm klar geworden, wie schlecht es um Amerika stehe, es leide an einer ähnlichen Krankheit wie Deutschland. In Amerika aber, so Wolfe 1936, ist die Krankheit noch nicht tödlich, sie kann gestoppt werden.