Deutsche Schatten

Manuskript: Maximilian Preisler
Oktober 1987
Deutsch Schatten – Reflexionen an einem furchtbaren Ort

Manchmal war es schon fast eine Manie. Gut, da war der Großvater, jetzt bereits zehn Jahre tot, der, angeblich, als oberschlesischer Eisenbahner auch jenseits der früheren Reichsgrenze, in Auschwitz, hatte Dienst tun müssen. Wer hatte diese Geschichte nur erzählt? M. konnte sich nicht mehr erinnern. Und was genau hatte der Großvater dort getan? 1960, als die Großeltern das heimatliche Gleiwitz verließen, um sich in der Nähe der beiden Kinder, also M’s Vater und M’s Onkel, eine Wohnung zu nehmen, im Westen, mit anderen Worten, war der Großvater sofort von der Deutschen Bundesbahn übernommen worden. Zu seinem Aufgabenbereich – so hieß das wirklich, M hatte es selbst in einer Urkunde gesehen – zu seinem Aufgabenbereich also gehörte es, auf dem nahegelegenen großen Güterbahnhof, in Mainz-Bischofsheim, die Weichen zu schmieren. Er war nur ein kleiner Beamter gewesen, war er überhaupt Beamter, M war sich nicht sicher, vielleicht auch bloß Arbeiter. In seiner Eisenbahneruniform marschierte er dann die Gleise entlang und hatte ab und zu den großen Pinsel, den er in der rechten Hand hielt, in den Topf mit Schmiere zu tauchen, um dann damit zwischen die Eisenteile der Weichen zu fahren. War das auch seine Aufgabe in Auschwitz gewesen? Hatte er auch dort dafür gesorgt, dass der Verkehr rollen konnte, dass die Züge nicht fehlgeleitet wurden, dass die Waggons nicht aus den Schienen sprangen, dass nicht irgendein Unglück geschehe? Das wollte der Großvater bestimmt vermeiden, er war Eisenbahner mit Leib und Seele. Sein ganzer Stolz war die Pünktlichkeit und die Zuverlässigkeit des Schienenverkehrs. Auf die Minute genau sollten die Güterzüge ihre Fracht abliefern, in den 60er Jahren war das vor allem die Steinkohle, zum Wiederaufbau der Industrie, so wie Kanzler Erhard das wollte. Und davor, in den 40er Jahren, auf dem Weg nach Auschwitz …? Ja, aber was wusste der Großvater denn von der menschlichen Fracht, die da aus aller Herren Länder über die von ihm geschmierten Weichen ratterten, jenen Ländern, die jetzt nur noch einen Herren kannten? Wußte er, was er beschleunigte? Wußte er, was die unfreiwilligen Passagiere wenige Kilometer weiter erwartete? Oder waren es vielleicht nur wenige Meter weiter?

Der Großvater sprach nie über diese Zeit, und M’s Vater winkte ab: „Du mit Deinen spinnerten Ideen! Dein Großvater hat seine Pflicht getan, sons nichts. Er hat keinen Juden ermordet. Wir sind katholisch, vergiss das nicht, wir waren gegen die Nazis. Meine Mutter, Deine Großmutter, hätte mich verprügelt, wenn ich Sonntagsmorgens zur HJ gegangen wäre. Wir mussten ins Hochamt. Wir gehörten nicht zu denen, die Gott lächerlich machten.“

Vielleicht war es also dieser stumme Großvater, vielleicht der beredte Vater, der mit seinen Worten ein Nachdenken verhindern wollte, vielleicht war es jener Film im Fernsehen gewesen, „Nacht und Nebel“, den er als 10 oder 12jähriger Junge gesehen hatte, ein Film, in dem es grausige Bilder zu sehen gab, und der auch die Eltern betroffen gemacht hatte – wie auch immer, irgendetwas war geschehen. Die Vergangenheit hatte ihn gefangen genommen. Jene zwölf Jahre von 1933 bis 1945, die er nicht selbst erlebt hatte, in denen der Großvater, im Ersten Weltkrieg schwer verwundet, als Streckengänger arbeitete, der Vater zuerst zur Kirche und dann freiwillig zur Wehrmacht ging, jene zwölf Jahre, die schon lange vergangen waren, eine Vergangenheit also, die nicht die seine war. Oder doch? Wie gerne hätte sich M manchmal von dieser Vergangenheit losgesagt, aber sie ließ ihn nicht los, er konnte ihr nicht entrinnen.

Welche Ausstellung es war, wusste er nicht mehr zu sagen. Was hatte er gesehen? Die Pferde von San Marco zu Besuch in Berlin? War es um Preußen gegangen? Oder etwa um die Krieger aus dem Reich der Mitte? Wenn er auch nicht mehr sagen konnte, was der Anlass gewesen war, der ihn zum Martin Gropius Bau geführt ahtte, an den Blick aus dem Fenster konnte er sich deutlich erinnern. Links die Mauer, bunt bemalt, davor ein kleiner brauner Streifen, ein Fußweg, dann ein breites, brachliegendes Gelände, von wenigen Bäumen und Büschen bestanden. Nicht flach, nicht eben, sondern leicht gewellt, fast hügelig. Keine besonders imposante Fläche, in Berlin gab es viele solcher Lücken im Stadtbild, auch lange Jahre nach dem Krieg noch. So sieht eben eine Stadt aus, die der Krieg aufs Korn genommen hat. Mitleid mit der Stadt hatte M nie gehabt, es war nicht seine Heimatstadt, er wohnte schon 15 Jahre hier, doch Berlin war ihm nicht ans Herz gewachsen. Und außerdem: sie hatten es ja selbst gewollt, die Bewohner der Stadt. Man hatte es ihnen angekündigt, die Menschen in den Wochenschauen andere Städte brennen sehen, Städte in anderen Ländern. Und dann hatte es die Hauptstadt dieses größenwahnsinnigen Reichs am Ende auch erwischt. M schauderte leicht, manchmal war ihm sein Zynismus selbst unheimlich. Dann fiel ihm ein, dass viele in der Provinz auch so gedacht hatten. So wenigsten hatte er es in der Kindheit verschiedentlich gehört. Das musste eine Mischung aus Neid gewesen sein, der Neid des Landes, des flachen Landes, auf die Großstadt, und einem Schuss Opposition, nein kein Schuss, ein Spritzer Opposition höchstens. Etwa in der Art der Sprüche, die sie ihm noch aufsagen konnten, in denen gesagt wurde: Den Bonzen in Berlin geschieht ganz recht. Völlig richtig, dass die auch mal ein paar Brandbomben abkriegen. Und dann war natürlich noch ein gerüttelt Maß an Schuldabwälzung mit im Spiel gewesen. Auch in Mainz-Bischofsheim hätten sie dem Führer zugejubelt, wenn sie nur Gelegenheit dazu gehabt hätten. Die Berliner konnte man applaudieren hören am Volksempfänger, konnte ihre Heil! Rufe hören, in den Wochenschauen konnte man es auch sehen, wie sie sich dem Führer hingaben, die hatten also Schuld an allem. Eine größere auf jeden Fall als die braven Mainz-Bischofsheimer, die hatten nur ein Kreuz in der Wahlkabine gemacht. Für M, als Danach-Geborenen, standen jedoch beide, Provinz und Hauptstadt, im Verdacht, für ihn war es einerlei, die Gerechten waren hier wie dort sehr dünn gesät.

Als er damals, beim Gang durch die Ausstellung, durch die Fenster des Martin Gropius Baus schaute, war sein Blick gelenkt worden. Ein Hinweisschild in einem der Ausstellungsräume im ersten Stock verwies auf das angrenzende Gelände. Und beim Ausgang, an der Längsseite des Gropius Baus, dessen Mauern immer noch Einschusslöcher aus den letzten Tagen des Kriegs aufwiesen, konnte er ein weiteres Schild entdecken. Dicht hinter einem Drahtzaun, der die Brache jenseits von dem schon eingepflanzten und mit Gras begrünten Zugang zum Ausstellungsgebäude trennte, waren zwei Pfähle in die Erde getrieben worden, daran angenagelt eine weiße, längliche Tafel. „Hier befanden sich die Folterzellen der Geheimen Staatspolizei“ lautete der lapidare Hinweis. In verschiedenen Sprachen übrigens: Russisch war dabei, Französisch, Englisch, ganz oben Deutsch. „Hier“, überlegte M, was bedeutet „hier“? Heißt das, genau an der Stelle, an der der Pfahl stak. Oder meinte „hier“ die gesamte unebene Fläche? War dies alles Gestapogelände gewesen?

Zuhause schaute M auf der Karte von Berlin nach, die an die Küchenwand gepinnt war. M konnte, auch nach so vielen Jahren in Berlin, sich die Postbezirke nie merken und verließ sich auch lieber auf die Karte als auf sein Gedächtnis, wenn er eine Straße suchte. Der Blick auf die Stadtkarte half ihm diesmal aber nicht weiter. Er wusste nun zwar, dass das Gelände neben dem Gropiusbau von der Niederkirchner Straße begrenzt wurde – er musste lächeln, als er die Bezeichnung Straße las, eine Hochstapelei war es, diesen Pfad, den er vom Fenster aus gesehen hatte, Straße zu nennen. Dann, fast im rechten Winkel zur Mauer, dort wo das Autodrom sein musste, diese merkwürdige Einrichtung, die für „Fahren ohne Führerschein“ warb, deren Hinweisschild auch auf „Dreamboy’s Lachbühne“ hinwies, dort verlief die Wilhelmstraße. Die war ihm sehr wohl ein begriff, wenn auch von der einstigen Hauptstraße des Regierungsviertels nicht, aber auch gar nicht mehr übrig geblieben war, wenigstens diesseits der Mauer. Schließlich verlief parallel zur Mauer die Anhalter Straße. Die freie Fläche zwischen den Straßen und dem Martin Gropius Bau war auf der Karte rötlich eingefärbt, das bedeutete, sie galt als bebaut. Es gab keine Bezeichnung, keinen Hinweis auf die Bedeutung der Gebäude, die dort einmal gestanden hatten.

210 Meter lang, rund 100 Meter breit war das Karree, M war zurückgekommen und hatte seine Schritte gezählt. Er war nun schon zum sechsten oder siebten Mal um das Geländer herumgelaufen, aber es wollte sich ihm nicht erschließen. Er hatte eine Scheu davor, den Drahtzaun anzuheben, und quer über die inzwischen eingeebnete Fläche zu laufen, das musste in den letzten Tagen geschehen sein. Andere schienen diese Scheu nicht zu kennen. Viele Touristen sah er, mit Photoapparaten, die ein Andenkenbild knipsten. „Vorne, ja, ganz im Vordergrund, könnt ihr die Folterkeller sehen, und dahinter, das ist die Mauer.“ „Was, kann man da so nah ran? Die sieht ja ganz verschmiert aus, im Osten lassen sie das bestimmt nicht zu, dass da so herumgeschmiert wird.“ M konnte sich die Gespräche beim nächsten gemütlichen Dia-Abend gut vorstellen. Und er, hatten seine wiederholten Besuche nicht auch etwas voyeuristisches? Hoffte er, insgeheim, ein makabres Andenken zu finden?

M war unsicher. Er versuchte, sich die Beamten vorzustellen, die ihr Frühstücksbrot auspackten, aus dem Fenster schauten und ihre Zimmernachbarn auf die knospenden Bäume im großen Garten aufmerksam machten. Nein, er wollte lieber an die gerade Eingelieferten denken, die darauf warteten, zum ersten, vielleicht lebensentscheidenden, Verhör geholt zu werden. Wäre das auch sein Ort gewesen? Hier, die Prinz Albrecht Str. 8, wäre dieses Haus, dieses Palais, wäre dieser Ort seine Bestimmung gewesen? Wäre er hierher geschafft worden? „M, wir wissen es bereits, Sie haben Flugblätter verteilt. Mit wem haben Sie zusammengearbeitet?“ Hätte er den überhaupt den Mut gehabt zu revoltieren? Hätte er nicht wahrscheinlich auch bloß seinen Dienst getan? Als Sportlehrer. Gut, innerlich wäre es ihm vielleicht lästig gewesen, die Schüler zu drillen. Die Kampfspiele hätten ihm bestimmt nicht gepasst. Aber hätte er wirklich etwas gegen die Änderungen im Lehrplan unternommen? Nur einmal in einer Fachkonferenz laut dagegen protestiert? Er hätte sich gerne so gesehen, aber war das die Wirklichkeit? War nicht sein Herz schon in die Hosen gerutscht, als er vor vier Jahren, als es um die Nachrüstung ging, um die Stationierung der neuen Raketen in Deutschland, hatte er nicht damals fast gekniffen, als er sich in einer Schulkonferenz dazu äußern wollte, der Schulleiter ihn jedoch brüsk unterbrochen hatte mit dem Hinweis, so etwas gehöre nicht zu den Schulthemen, die eine Gesamtkonferenz diskutiere? Wäre er wirklich damals in der Lage gewesen, mutig genug gewesen, andere Kollegen aufzurütteln, sogar ein Flugblatt zu schreiben? Überschrift: Gesunder Körper, gesunder Geist. Oder, wenn ihn etwa jemand denunziert hätte, dass er seinen Arm zu lasch zum Hitlergruß gehoben, dass er das geforderte zackige Antreten lächerlich gemacht habe, wie hätte er sich dann verhalten? Wenn sie ihn hier in einen dieser Keller geschleppt hätten, dort in den in der Ecke, wo die Kacheln noch fast bis oben andie Erdoberfläche reichten. Hätte er alles abgestritten und seine Loyalität beschworen, oder hätte er Mut bewiesen, wäre stumm geblieben?

Der Keller gab keine Antwort, in seinem Grübeln wurde M überdies von zwei Jugendlichen abgelenkt. Die Haare modisch schwarz gefärbt, beide Junge und Mädchen, in schwarzen Lederhosen und dunklen Jeansjacken. Sie pfiffen laut hinter ihrem Hund her, der den Geröllabhang hinuntergesaust war, nun auf dem steinernen Kellerfußboden stand und schwanzwedelnd zu seinem Herrchen und seinem Frauchen emporschaute. Ein anderer junger Mann, der gleichfalls auf dem Gelände herumgelaufen war, näherte sich und sprach mit den beiden. M konnte nicht verstehen, was er ihnen sagte, die Antwort aber verstand er. Denn die beiden Schwarzgekleideten schrien den erschrocken dreinschauenden laut an. Er solle sich doch um seinen eigenen Dreck kümmern, was hieße hier Gefängniszellen, ihr Hund müsse eben mal Auslauf haben. Wer Tiere hasse, hasse auch Menschen. Und so weiter. M wandte sich bedrückt ab.

Er fuhr zu seinem Freund, der an einem Tegeler Gymnasium Geschichte und Deutsch unterrichtete. Mit ihm führte er ein langes Gespräch. Sein Freund wies ihn auf Günter Weisenborn und Peter Weiss hin, die beide eine persönliche Beziehung zu jenem Ort hatten. Der eine, Weisenborn, war 1942 als Gefangener dort abgeliefert worden. Nach Kriegsende, als die Ruinen dieses Hauptquartier des Todes noch standen, war er zurückgekommen und hatte Bert Brecht durch die zerbombten Räume geführt. Der andere, Weiss, war als Student hier gewesen, denn vorher, so erfhuhr M, bevor die Nazis kamen, war in dem Ggebäude die Kunstgewerbeschule untergebracht. Weiss, der frühere Schüler, schrieb dann, in Schweden, dem Ort der Emigration, jenen imaginären Bericht, der so viel Ortskenntnis bewies.

M sah auch zum ersten Mal Photograhien von den Gebäuden, die auf der nun leergeräumten Fläche gestanden hatten. Das Hotel Prinz Albrecht, das Haus Prinz Albrecht Straße Nummer 8, dann um die Ecke, das Prinz Albrecht Palais. Alles wuchtige Gebäude, denen man nicht ansah, was sie beherbergten. Die Photos vor 1933 sahen denen, die während der Nazi Zeit aufgenommen wurden, zum Verwechseln ähnlich. Aber was hatte er erwartet? M betrachtete aufmerksam die Aufnahmen, aber konnte nichts von dem schrecklichen Geheimnis, das die Gebäude verbargen, entdecken. Die grobbehauenen Quadersteine, die steil aufragenden Häuserfronten – graue, austauschbare Stadtelefanten, die Post würde man darin vermuten, das Katasteramt oder eine Eisenbahndirektion. Irgendeine Behörde. Und eine Vielzahl von Behörden hatten tatsächlich hier Platz gefunden. Wichtige Teile des Reichssicherheitshauptamtes, dessen exakten Aufbau selbst M’s Freund, der Geschichtslehrer nicht genau beschreiben konnte, hier waren die höchsten Dienststellen der SS, des SD und ein Stück weiter auch der SA. Und dies alles auf so kleinem Raum.

„Hätte man den ganzen Komplex nicht einfach in die Luft sprengen können?“ M’s Freund lachte. „Du mit Deinen Hirngespinsten. Erstens, wer hätte das machen sollen? Zweitens, die Beschäftigten wären einfach bei anderen Dienststellen untergeschlupft, drittens, die zweitausend Menschen, ja, wie soll man sie nennen – Mitarbeiter …“
„Das waren nur zweitausend Leute?“ unterbrach ihn M ungläubig.
„Viel mehr bestimmt nicht. Also die Hälfte, oder wenigstens ein großer Teil von ihnen, hätte einen Anschlag überlebt. Und sie hätten weiter ihren Dienst getan. Deportationen von Juden, Razzien, Verhaftungen, Verhöre, was so anfiel.“
M: „Es war also kein Entrinnen möglich?“
„Doch, hier, lies mal. Eine Liste derer, die nicht resignierten, die sich wehrten, die anderen halfen, sich zu wehren.“
M schaute verwundert. „Diese Liste“, fuhr sein Freund fort, „setze ich immer im Unterricht ein, wenn die Schüler sagen, das kennen wir doch alles schon, das mit den Juden und so, haben wir schon paar Mal durchgenommen.“
„Herbert Baum, Dietrich Bonhoeffer“, M las halblaut die ersten Namen.
„Das sind Namen, die die Schüler noch nie gehört haben, oder sie haben sie schon mal gehört, können sich aber keine Person darunter vorstellen.“
M machte ein zweifelndes Gesicht.
„Ja, ich gebe zu, alle kann man nicht erreichen. Da bleiben immer welche übrig, die nicht hören wollten und nichts sehen. Trotzdem werde ich nächste Woche am Wandertag mit meiner 10. Klasse genau zu diesem Gelände wandern.“
Zum Gestapogelände wandern? M war plötzlich froh, Sport als Hauptfach studiert zu haben.
Es war kurz nach vier Uhr, früher Nachmittag, M war zurückgekehrt. Von einer nahegelegenen Disko hörte man Musikfetzen und die hohe Stimme eines Ansagers. M ging langsam den drei Meter breiten Streifen entlang, von dem er nun wusste, dass er nach einer kommunistischen Widerstandskämpferin benannt war. Vaterland hatte jemand in großen, schwarzen Buchstaben über die grell bunten Graffiti der Mauer gepinselt. Dahinter ein Fragezeichen. Ein Gedichtanfang fiel ihm ein: Was ist des Deutschen Vaterland. Von wem war das nur? M konnte sich erinnern, bei welchem Lehrer sie das Gedicht durchgenommen hatten. Aber der Name des Autors? Er musste ihn unbedingt zu Hause nachschlagen. Und auch das Gedicht noch einmal ganz lesen. Und was war seine, M’s Antwort? Endete sein Vaterland hier an diesem Gelände? Vaterland – das Land seines Vaters, Schlesien, konnte nicht damit gemeint sein, das gehörte nun zu Polen. Und das Rheinland? Die Heimat seiner Mutter? Das war zu eng, zu Vaterland gehörte wohl mehr. Die Bundesrepublik? Wohl kaum, als er, 1947, geboren wurde, da existierte dieser Staat noch gar nicht. Und das Land jenseits der Mauer hatte sich auch noch keinen eigenen Namen gegeben. War er also ein vaterlandsloser Geselle? Früher hatte sich M, besonders im Ausland, fast geschämt, Deutscher zu sein. Inzwischen nicht mehr. Aber Zweifel waren geblieben. Irgendwie gehörte alles zu ihm, dieses Gelände, die Mauer daneben, der im neuen Glanz strahlende Martin Gropius Bau und auch die leeren Fensterhöhlen des früheren Ministeriums auf der anderen Seite der Mauer. M bog einen Ast zurück, der ihm den Weg versperrte. Weiden hatten sich hier zwischen Bordsteinkante und Betonmauer einen Platz behauptet.

Es fing an zu regnen und er beschleunigte seine Schritte. Es waren nur noch wenige Meter bis zur S-Bahn Station Anhalter Bahnhof. Er wollte nach Hause fahren.