„Das Verbrechen des Jahrhunderts“: Die Venona-Dokumente und der Fall Rosenberg

Manuskript: Maximilian Preisler

5. Januar 1998

Journal

Red.: Heinz Immendorf

Für J. Edgar Hoover, den Mann an der Spitze des FBI, war die Sache klar: dies war „the crime of the century“, „das Verbrechen des Jahrhunderts“. Das Ehepaar Julius und Ethel Rosenberg habe eindeutig der Sowjetunion geheimes Material zum Bau der Atombombe übergeben und dem größten Feind des Landes damit einen unschätzbaren Dienst erwiesen. Das Gericht war gleichfalls von der Schuld der Angeklagten überzeugt, die Geschworenen stützten sich dabei vor allem auf die Aussagen des Zeugen David Greenglass, des jüngeren Bruders von Ethel Rosenberg. Richter Irving R. Kaufman schloß seinen Urteilsspruch mit den Worten: „Ich erachte Ihr Verbrechen für schlimmer als Mord. Denn durch Ihren Verrat haben Sie unzweifelhaft den Gang der Geschichte zum Nachteil unseres Landes verändert. Ich verurteile Sie hiermit zum Tode.“ Am 19. Juni 1953 wurden Julius und Ethel Rosenberg, die bis zum letzten Tag ihre Unschuld beteuerten, im Gefängnis Sing Sing auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet.

Bis heute wird vor allem in den USA eine heftige Debatte um diesen Fall geführt. Die einen halten die Rosenbergs für fanatische Kommunisten, die auch vor Geheimnisverrat nicht zurückschreckten, während sie den anderen als Sündenböcke des Kalten Krieges gelten, die in einem perfiden Zusammenspiel von FBI, CIA und Regierung der aufgepeitschten Hysterie der Menge geopfert wurden.

Vor wenigen Monaten nun wurden die legendären Venona-Transkripte von den amerikanischen Sicherheitsbehörden veröffentlicht, Dokumente aus den 40er Jahren, geheime Botschaften sowjetischer Büros in den USA, die man abgefangen hatte, und in denen, in mehrfach verschlüsselter Form, auch über das geheimste aller militärischen Projekte, den Bau der Atombombe, nach Moskau berichtet wurde. Der Fall Rosenberg schien damit endgültig abgeschlossen und die amerikanischen Behörden von allen Vorwürfen der Manipulation befreit: unter dem Decknamen „Enormoz“ hatte die Sowjetunion von den Fortschritten der Amerikaner erfahren. Und zwei der wichtigsten Spione wurden auch genannt, Julius und Ethel Rosenberg, so stand es zumindest im Vorwort der offiziellen Publikation. Doch jetzt, nachdem die Venona-Dekrypte auch im Internet Interessierten aus aller Welt zur Verfügung stehen, entbrennt erneut eine heftige Debatte, die Fragen, die alle geklärt zu sein schienen, werden sogar noch lauter erhoben. Die wichtigsten: Namen werden in den Dokumenten fast nie erwähnt, woher weiß die CIA, daß sich hinter LIBERAL Julius Rosenberg verbirgt? Und selbst wenn Julius Rosenberg tatsächlich LIBERAL war, so weisen ihn die Dokumente keineswegs als Top-Spion aus. Geringer ist die Schuld von Ethel Rosenberg einzuschätzen, von ihr ist überhaupt nur zweimal sehr kurz die Rede: „Sie weiß von der Arbeit ihres Mannes und ist politisch bewußt.“ Sollte dies ausreichend gewesen sein für die Todesstrafe? Und schließlich: Wenn FBI und CIA tatsächlich schon 1950 die Botschaften dechiffrieren konnten, warum haben sie sich vor und während des Prozesses so verhalten, als sei dies nicht der Fall?

Fazit bisher: auch die Veröffentlichung der Venona-Dokumente kann die amerikanischen Behörden nicht völlig reinwaschen von den Vorwürfen, die am lautesten von den beiden Söhnen der Rosenbergs erhoben werden. Deren Stellungnahmen sind ebenfalls im World Wide Web veröffentlicht. Neben generellen Zweifeln an der Echtheit aller vorgelegten Dokumente weisen sie daraufhin, daß selbst wenn ihr Vater ein Spion war, seine Strafe in keinem Verhältnis zu seiner Spionagetätigkeit stand. Außer Frage bleibt, daß hochrangige Wissenschaftler aus dem Team des Manhattan-Projekts Geheimnisse weitergaben. Seit 1947 wußte das FBI davon, doch es war nicht in der Lage, die undichte Stelle zu entdecken. Wurden deshalb die Rosenbergs angeklagt? Damit man einen „Fall“ hatte?

Schwerwiegender noch sind die Anschuldigungen im Fall Ethel Rosenbergs. Denn gerade die Venona-Transkripte machen es fast unmöglich, noch länger von ihrer Mitschuld zu sprechen. Welche Rolle hatten die Behörden ihr zugedacht? fragen heute ihre beiden Söhne. War sie eine Art Geisel? Sollte ihre Anklage Julius Rosenberg dazu zwingen, die ihm zugedachte Rolle als Atom-Spion zu übernehmen? Konnten die Behörden – nach der Weigerung des Ehepaares mit dem Gericht zu kooperieren – das tödliche Spiel nicht mehr rechtzeitig beenden? Befürchteten CIA und FBI das Gesicht zu verlieren? Die Schlußfolgerung der Rosenberg-Söhne ist eindeutig: „“Unsere Mutter ist getötet worden, obwohl ihre Unschuld feststand.“

Erste Stellungnahmen von russischen KGB Offizieren zu den bisher als Top Secret klassifizierten Dokumenten deuten an, daß die Hinrichtung tatsächlich eine „Öffentliche Verbrennung“ war, wie es der Romanautor Robert Coover gesehen hatte, den Stand der Atombombenforschung habe Rosenberg nicht preisgegeben. Ethel und Julius Rosenberg starben jedoch auch, weil sie glaubten, der Sowjetunion mit ihrem Schweigen zu dienen. Hätten sie geredet, hätten sie den Umfang ihrer tatsächlichen Spionagetätigkeit eingestanden, wäre es dem Gericht kaum möglich gewesen, sie zum Tode zu verurteilen.

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