Bis zur Umkehrbank

Manuskript: Maximilian Preisler
Journal in drei

21. Juli 1997
Hans Keilson erinnert sich

Das war eine böse Überraschung. Gerade hatten sich die braven Bürger von Bad Freienwalde dazu durchgerungen, ihrem ehemaligen Mit-Bürger Hans Keilson die Ehrenbürgerschaft anzutragen, als sich herausstellte, daß dieser damit in eine unrühmliche Gemeinschaft geraten würde. Hans Keilson, Jahrgang 1909, war als junger Mann nach Holland geflüchtet. Weil er Jude war, konnte er sich in seiner Heimatstad seines Lebens nicht mehr sicher sein. Mit viel Glück überlebte er im Untergrund.
Nach dem Krieg war Keilson durch seine Arbeit als Psychoanalytiker weltberühmt geworden, auf einen solchen Sohn der Stadt konnte man also zu Recht stolz sein. Und nun das – es stellte sich heraus, daß da noch zwei Namen in der Ehrenbürgerliste verzeichnet waren: die Herren Hindenburg und Hitler. Nun ja, man wollte eben nach ’45 aus Ruinen wieder auferstehen und auch in Freienwalde wollte man den Parteiauftrag erfüllen, und der lautete, den Sozialismus zu erbauen. Da hatte man diese leidige Geschichte glatt übersehen.

“Bis zur Umkehrbank”, lautet der Titel des Dokumentarfilms, der Keilsons Weg von Holland nach Bad Freienwalde zeigt. Keilson kommt zurück, er kommt zu Besuch. Das Vaterhaus ist etwas heruntergekommen, die Schule dagegen hat sich nicht verändert, nur die Fenster sind neu, darauf besteht der Hausmeister; hier war die Synagoge, die hatten die Nazis angesteckt und der Schutt war nach dem Krieg weggeräumt worden. Eine Garage steht heute an diesem Ort. Ja, das ist eine praktische Sache, sagt ein Freienwalder, der dort sein Auto parkt. Als er hört, daß er mit einem geflüchteten Juden spricht, schaut er betreten zur Seite und geht schnell seines Wegs. Eine Photographie der Synagoge gibt es leider, leider nicht, sie war wohl nicht so bedeutend, meint der brandenburgisch-smarte Leiter des städtischen Museums. Judensterne, so der gute Mann, Judensterne mußte in Freienwalde niemand tragen, die Juden waren ja da schon alle weg. Eine ältere Frau kann sich sehr wohl daran erinnern, ihre Eltern hatten sie sogar angehalten, auch die Sternträger zu grüßen.

Eine deutsche Kleinstadt – von der Zeit nach dem 1. Weltkrieg und der Angst der Bürger vor den Spartakisten, über die Zeit der Inflation in den 20ern bis zu den steinewerfenden Schülern, die ihre Lektion in Judenhass schnell lernten nach ’33 – ein deutsches Panorama entsteht aus den Erinnerungen Hans Keilsons und der anderen Menschen aus Freienwalde. “Es war gerade die Ambivalenz, die es so schwierig machte”, darauf beharrt Keilson. “Wäre es nur Haß gewesen, dann wäre es viel einfacher gewesen, dann wären wir alle schon früher weggegangen. Doch die Ambivalenz, die Assimilation und die Ausgrenzung, das war das Schicksal der Juden in Deutschland.”

In Holland, dorthin begleiten ihn Wilhelm Rösing und Marita Barthel-Rösing, die beiden Filmemacher, in Holland wirkt Keilson jünger und frischer. Er erzählt von seinen Eltern, die er zuerst noch hierher in Sicherheit bringen konnte, vom Vater, dem dekorierten Frontsoldaten, der heimlich die deutschen Soldaten der Besatzungsarmee beobachtete, die Hand auf der Brust, damit niemand den Stern sehen konnte, er spricht von seinen Kurierdiensten im Auftrag einer holländischen Untergrundgruppe, von seiner Frau und seiner Tochter. Ja, tatsächlich, während der Zeit der Besatzung ist ihre Tochter geboren. War es Wahnsinn, fragt sich Keilson selbst, und fügt nach einem Moment des Ãœberlegens hinzu: Vielleicht, doch vielleicht war es gerade dieser Wahnsinn, der uns überleben ließ. Bereits im Krieg beginnt er als Analytiker zu arbeiten, nach dem Krieg widmet er sich seinem großen Werk, der Hilfe für jüdische Waisenkinder. Schon früh kam er zu den Einsichten, die er später in seiner Untersuchung “Sequentielle Traumatisierungen” der Öffentlichkeit vorstellte; der dritten Sequenz, der Traumatisierung nach der Befreiung, gab er einen hohen Stellenwert. Damit wies er auf die Möglichkeiten hin, die sich der Nachkriegsgesellschaft bot, den überlebenden Kindern zu helfen. Wie konnte er selbst mit seinem Leiden umgehen, mit dem Leiden am Vaterland, mit dem Leiden an der Vertreibung? Vor allem mit der Trauer um die Ermordung der Eltern in Auschwitz. Hans Keilson antwortet mit einem seiner Gedichte. Weißt du wieviel? – heißt es, und wir spüren schon bald, daß dies kein sanftes Kinderlied ist.

O-TON
… von der Mutter als sie für Festtage Figuren schnitt, aus Mürbeteig,
Herzen, Menschen, Tiere und Sterne, vor allem Sterne.
Viele, trommelvoll, von süßem Brot, mit Butterguß zu glasieren,
Aniszucker, Kaneel, bunter Puder,
Plätzchen, sagte sie, und stand in der Küche.
Weißt du wieviel?
Die süßen Plätzchen verbrannten in den Öfen.
Weißt du wieviel?