Ambra Laurenzi – Progetto Berlino

Was man von Ambra Laurenzi nicht erwarten darf, ist das definitive Photo des geschichtsmächtigen Brandenburger Tores, auch nicht die Aufnahme der imperialen Geste des heutigen politischen Zentrums, des Bundeskanzleramts. Und vor den Quartiers und Einkaufsmeilen des Ostens, der Friedrichstraße, und des Westens, dem Kurfürstendamm, verschließt die Photographin die Augen. Selbst die italienische Vergangenheit in der Stadt, das faschistisch auftrumpfende italienische Botschaftsgebäude aus den 30/er 40/er Jahren ist ihr kein Photo wert.

Aber auch dem Gegenteil, dem wohlfeilen „Schnappschuss“, frönt sie nie. Selbst wenn es auf den ersten Blick nicht so aussehen mag: die orangefarbenen Damen-Shorts vor dem grauen Eingang der Ausstellung „Topographie des Terrors“ sind ein vorsichtiger und doch kräftiger Kommentar der Photographin. Eine kurze, blitzartige Erkenntnis lässt innehalten und leicht verstört die beiden so konträren Farben wahrnehmen. Die Suche, die sorgfältige Suche, nach solchen Momenten, ist immer wieder notwendig, um zum Kern der Photos von Ambra Laurenzi vorzudringen. Ganz im Hintergrund, eher beiläufig, findet man so in einem der Photos das wohlbekannte Portrait von Anne Frank, ein Hinweis auf die Öffnungszeiten der Anne-Frank-Ausstellung wird vermieden. Die Rosenstraße, ganz in der Nähe, war 1943 Ort der Auseinandersetzung zwischen der SS und Frauen, die um ihre Männer bangten. Die Frauen konnten sich durchsetzen, die SS zog sich zurück. Der Name Rosa Schindler taucht hier auf. Ähnlich zurückhaltend der Blick auf das Stasi-Gefängnis, und ein nüchterner Hinweis auf zwei schwarze Telephone, deren Nüchternheit Unheil kündigt.

Die große Liebe der Ambra Laurenzi gilt der Berliner Architektur, vor allem der Beziehung zwischen Architektur und Menschen. Sie sucht die Bilder in der Vergangenheit, sie sucht Bilder der Vergangenheit. Und sie wird fündig, so vor allem der von ihr immer wieder wiedergegebenen, heute schon berühmten, Berliner Brandmauern. Gerade so wie dies die Berliner Malerin Sarah Haffner in ihren großformatigen Bildern tut, und Haffner wiederum zieht ihren Hut vor Werner Heldt, dem berühmten Maler, dessen Berliner Mauern Haffner wiederum den Anstoss gaben.

Die Architektur der Gegenwart in Berlin sieht Ambra Laurenzi als zukunftsweisend an. Das ist, wenn es glückt, eine leichte, luftige, intelligente, schwebende Architektur, die Ambra Laurenzi auf ihren Streifzügen findet. Die Menschen scheinen weit weg zu sein. Doch man sieht, die Besucher sind in mitterer Ferne. Zu dieser Dialektik zwischen Nähe und Ferne gehören Treppen und Rolltreppen, dazu gehören auch und vor allem das Jüdische Museum und die elegante Brücke über die Spree, die zum politischen Berlin führt. Und das Vergnügen in moderner Architektur verlangt.

Ein großartiger, bewegender Moment findet vor dem Holocaust-Mahnmal statt. Ein junger Mann steht vor den nicht-figürlichen, nicht beschriebenen Stelen des – lange Zeit umstrittenen – Mahnmals, etwas, das man heute kaum mehr nachempfinden kann. Seine Schritte nehmen Besitz vom Mahnmal, seine intelligente, ernste Miene inmitten der grauen Stelen rührt an und lässt ahnen, was diese Stätte in ihm auslöst.